Produktbiografie: Thereses Eissorten

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch Produkte, Frisuren und Moden. Heute, passend zum Sommerwochenende: Therese und ihr Eis
therese-meitinger

Pfennigeis Buntes, gefrorenes und in kleine Plastikschläuche gepresstes Zuckerwasser kostete in Augsburg Mitte der Achtzigerjahre fünf Pfennig. Dem entsprechend hieß es bei uns auch Pfennigeis. Es schmeckte immer sehr künstlich nach Waldmeister, Himbeer, Zitrone und vor allem Cola – und löste mittelschwere Gewissenskonflikte aus. Ob ich die eine Mark zwanzig, die meine Mutter mir mitgegeben hatte, tatsächlich für einen Bio-Vollkornriegel im Pausenverkauf verwendete oder doch lieber für eine Mohrenkopfsemmel und fünf Pfennigeis, war schließlich nicht leicht zu entscheiden. Die selbst gebackenen Müsliriegel verkauften nämlich die Mütter meiner Klassenkameraden. Und die kriegten durchaus mit, wenn die Kleine von der Christa, nie mit einem Riegel gesichtet wurde. Andererseits war Pfennigeis eben auch unwiderstehlich. Ein Blick auf die grünen Zungen der anderen Zweitklässler löste das Dilemma dann doch erstaunlich schnell. Ich trug in der Pause irgendjemand anderes Riegel durchs Bild und ging nach der Schule noch zum Bäcker. Rotbezungt kam ich nach Hause.


Sanfter Engel In den Sanften Engel kommen Vanilleeis, Orangensaft, viel Schlagsahne, Schokostreusel und etwas Eierlikör. Manchmal auch noch ein Schuss Blue Curacao. Ein süßer, aber auch ziemlich planloser Cocktail halt. Dass ich ihn mit 13 liebte, passte ganz gut ins allgemein verwirrte Bild. Damals hatte ich zwar schon länger aufgehört, mit Barbie zu spielen, war aber unschlüssig, was jetzt noch kommen sollte. Oder wie ich dahin kommen sollte. Auf meiner Schule gab es halt keine Jungs. Bei der „Aktion Ameise“ (ich betreute die Postleitzahlenbereiche 86 und 89) fanden die immerhin vorhandenen Jungs meine Zahnspange komisch. Hm. Vielleicht schob ich alles noch bisschen? In der Eisdiele, wo Claudia, die viel älter aussah als ich, uns Sanfte Engel erschlichen hatte, konnte ich das natürlich nicht zugeben. Beim pappigen Eismatsch schlurfen mussten die Musikschüler, die ihre Cellos an der Eisdiele vorbeischleppten, nämlich zwingend „süß“ oder „asso“ gefunden werden.


Capri Der Sommer, in dem ich 18 war, war unglaublich heiß. Zu heiß für Milcheis. Capri war da schon besser – es kühlte und sein Orangengeschmack hatte ein bisschen was von Urlaub. Und von der großen Freiheit, die mir das Abi hoffentlich bald bringen würde. Bis es so weit war, schwitzte ich den Sommer zusammen mit den anderen Mitgliedern der Jugendtheatergruppe in stickigen Proberäumen durch. Wir stanken alle furchtbar und wetteiferten darum, wer am besten aus dem Stand weinen konnte (weil mein Opa vor Kurzem gestorben war, hatte ich leichte Wettbewerbsvorteile). In der Pause erholten wir uns von den Gefühlsaufwallungen dann mit Wasser und Eis. Klar, Schwimmen gehen wäre auch mal nett gewesen. Aber wenn wir wie geplant im September alle mit unserer Version von „Die Welle“ wegfegen wollten, musste Leiden für die Kunst ja wohl drin sein. Zumal sich angehende Schauspielschüler daran eh nicht schnell genug gewöhnen konnten. Bei Falckenberg – so unsere Verblendung – würden sie uns nach dieser Erfahrung nämlich mit Handkuss nehmen. Solange gab es eben Blut, Schweiß, Tränen – und Capri.


Zapfelmus Zapfelmus – eine Mischung aus Zimt und Apfelmus – ist eine Eishaus-Eissorte. Andere „originelle“ Kreationen dieser Erlanger Eisdiele hießen Camembert, Avocado, Mohn-Maracuja, Spargel, Gummibärchen oder Bier. Sie kamen immer als Riesenkugeln und wurden auf Wunsch in große Schüsseln mit Krokant, Schoko- oder Zuckerstreuseln gedrückt. Ehrlich gesagt waren die Sorten sehr unterschiedlich lecker. Doch das war egal: Das Tolle am Eishaus war ja nicht das Eis, sondern der kleine Park dahinter, in den man seine Eisbeute immer brachte. Mein Studenten-Freundeskreis fand das Konzept so überzeugend, dass er an bestimmten Sommertagen fast im Pärkchen campierte, um die wirklich wichtigen Themen zu erörtern. Nämlich: „Was hast du in Linguistik?“ „Soll ich anrufen?“ „Wo bleibt denn die Patricia?“ „Kommst du auch mit zu Christian Kjellvander?“ „Die und der – ich glaubs ja nicht.“ „Ist irgendwo gerade Happy Hour?“ „Wenn mein Fickfreund Gedichte schreibt, bin ich dann eine Muse?“ Aber auch (verzweifelt): „Wie viel Prozent der Magisterarbeiten werden eigentlich abgelehnt?“


Frozen Yoghurt Tatsächlich wurden um die null Prozent aller Magisterarbeiten abgelehnt. Es wurden sogar viele mit „sehr gut“ bewertet. Meine auch. Mein Ego wuchs und ließ mich bei großen Verlagsnamen um Praktika bewerben. Als das funktionierte und ich meine zwei Prestigepraktika auch noch in Berlin und Hamburg absolvieren durfte, hielt ich mich ein bisschen für eine Hipstertante. Als Augsburger Erlangerin machte ich das vor allem an drei Dingen fest: Ich hatte kürzlich mit Bernd Begemann telefoniert, ich war die Muse von einem Grafikdesigner und ich trank tolle Dinge. Frozen Yoghurt ohne alles, zum Beispiel. Ich liebte es, die weiße Masse geräuschvoll einzuschlürfen, die Eissplitter gebieterisch zu zerbeißen und permanent mit dem durchsichtigen Becher herumzuwedeln. Manchmal trank ich jedoch direkt aus dem Becher und war dabei etwas zu enthusiastisch. Das endete dann in der Regel mit einem unhippen Joghurt-Milchbart. Egal: Mit meinem Hipstertum war es eh vorbei, sobald mich halb Erlangen und alle meine Verwandten besucht hatten. Als ich dann eine zeitlang im Problemviertel Lichtenberg wohnte, sank auch meine Lust auf Metropolen rapide. Ich bewarb mich nach Stuttgart. Frozen Joghurt gab es da nämlich auch.


Walnusseis Die Nüsse im Walnusseis müssen karamellisiert sein. Dann braucht man nicht viel dazu. Etwas Schokosoße vielleicht und unter Umständen noch einen Tupfer Sahne. Mehr nicht. – Walnusseis schmeckt ein bisschen so, wie ich mir mein Leben in sagen wir zehn Jahren vorstelle: Gediegen, etwas gehoben, unaufgeregt, rund. Die Details stimmen einfach. Walnusseisesser haben sicher Berufe, die ihnen entsprechen, und Geld, das sie in schöne Dinge investieren. In ihrem Haus steht viel von Habitat. Sie sind verheiratet und haben Kinder. Die Kinder spielen 1/8-Cello, sind nur mittellaut und mögen schon Nussaromen. Alle in der Familie sind privat versichert und haben gute Zähne. Nichts an ihrem Leben ist prekär. – Kein realistischer Tagtraum, klar. Aber er erklärt, warum ein Löffel Walnusseis so gut hilft: gegen das ungute Gefühl, zum Beispiel, das mich befällt, wenn ich einen Kontostand mit ausgereiztem Dispo sehe. Oder meinen Beziehungsstatus. Oder die Lücke in meinem Lebenslauf. Denn lange wird die Planlosigkeit nicht mehr weitergehen. Das schmecke ich einfach.

Text: therese-meitinger - Illustration: Jovita Mockeviciute

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