Produktbiographie. Heute: Meine Fahrräder

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch die Produkte, Frisuren und Moden - und die fahrbaren Untersätze, die man so benutzt.
dominik-schottner

Mein Dreirad

Die Freundinnen meiner Oma wissen zwei Dinge über mich: Dass ich mit drei Jahren einen Putzfimmel hatte und ein prima, gelbes Dreirad, das ich mit diesem Fimmel putzte. Hübsch dokumentiert ist das auf einem vergilbten Foto, das in bester Lage auf dem Fernseher meiner Oma thront und beim Kaffeeklatsch auch nach zig Jahren immer noch kommentiert wird: „Mei, liab...“. Zugleich ist das Foto der einzige Beweis für die Existenz des Dreirads, das meine Eltern entsorgten, als ich aufs Zweirad umstieg. Das hätte nie passieren dürfen, denn ein Dreirad ist ja so viel besser ist als ein Fahrrad: Man kann damit rückwärts fahren, man kann damit nicht umfallen und zwischen den Hinterrädern ist ein kleines Podest, auf dem man seinen besten Freund huckepack nehmen kann.


Mein erstes Stangenrad

Ein weit verbreiteter Irrtum geht so: Die Mannwerdung wird mit der Geburt des ersten Schamhaars eingeleitet, dem der erste Rausch folgt, der erste Sex und irgendwann das erste Haus, Kinder, Frau und Tod. Dabei ist es doch so: Über Mannsein oder Nichtmannsein entscheidet nur der Besitz eines Stangenrades. Ich bekam mein erstes mit sechs Jahren geschenkt. Es war blau-metallic, hatte einen überdimensionalen Tacho und drei Gänge. Schnell war ich zu groß, was sich daran zeigte, dass meine Beine den Boden berührten, während ich auf dem Sattel saß. Vorher hatte das Stückchen Mann, das man als Sechsjähriger besitzt, beim Versuch abzusteigen regelmäßig Kontakt mit der Stange aufgenommen.


Meine erste Schrottchaise

Pünktlich zu meiner ersten persönlichen Retrowelle misteten mein Vater und ich unsere Garage aus und fanden Tante Hildes altes Triumph-Damenrad. Tante Hilde, längst tot, hatte wohl mal richtig Stil, was ich ihr zu Lebzeiten nie zugetraut oder gesagt hätte. An Anmut ist ihr Rad bislang nämlich unübertroffen: Das vordere Schutzblech zierte ein Tier, das aussah wie ein Jaguar, auf dem Gepäckträger hatten bequem zwei Mädels Platz und die Bremse drückte dezent von oben auf den Reifen statt hässlich von außen V-förmig auf die Felgen. Und leider ist das alles im Präteritum formuliert, denn: Die Schrauben des Triumph saßen so unfassbar locker wie bei Tante Hilde.


Mein erstes Mountainbike

Als ich dies hier (http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/448823/4/1#texttitel) schrieb, hatte ich eigentlich ein anderes Mountainbike vor Augen, ein tolles nämlich, mein aktuelles. Die Wahrheit ist: Mein erstes Mountainbike war Schrott. Eigentlich war es noch nicht einmal ein Mountainbike, ich nannte es nur so, weil es 18 Gänge hatte und man damit leichter die Berge in der Münchner Schotterebene erklimmen konnte. Es war also mein erstes Rad mit mehr als drei Gängen, zu allem Überfluss neongrün und ähnlich schnell futsch wie Tante Hildes Triumph. Schrott eben.


Mein Stadtrad

Huch, Selbstmitleid: Ich besitze derzeit tatsächlich ein Stadtrad. Keines von diesen klobigen Dingern, wo man an der Seite wasserdichte Taschen anhängen kann und die sich für Radwanderungen entlang deutscher Flüsse eignen. Sondern eines von der Sorte, mit der man an der Ampel neidische Blicke auf sich zieht, weil es gar so geschmeidig daherkommt. Mit seinen spindeldürren Reifen. Seinem filigranen Rahmen. Und seinen anfälligen Verschleißteilen namens Bremse und Schaltung. Aber, hey, sieht top aus, so ein Rad, das man in der Stadt fahren kann und nicht sollte, nicht jedenfalls, wenn die Stadt ein einziges Schlagloch ist, wie meine.

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