Produktbiographie „Meine Instrumente“

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch die Produkte, Frisuren und Moden. Heute Juliane und ihre Instrumente.
juliane-frisse

1. Musikalische Früherziehung: Das Pinguin-Klavier Noch vor Rolf Zuckowski war das Pinguin-Klavier. Ein Mitbringsel von Tante und Onkel zum Verwandschaftskaffee. Sie waren kinderlos, weswegen sie keine Bedenken hatten, einem knapp drei Jahre alten Kind einen Krachmacher zu schenken. Dass sie es noch immer sind, könnte auch mit dem Pinguin-Klavier zusammenhängen. Das Pinguin-Klavier war ein rosa Kasten mit acht weißen Tasten, der weder an ein Klavier erinnerte noch einen sichtbaren Pinguin-Bezug aufwies. Dafür erklang eine scheppernde Oktave aus „Brrrs“ und „Drrrs“, wenn man auf diea Tasten drückte. Das tat ich, doch nur in den ersten Minuten zur Freude der anwesenden Verwandtschaft. Ablenkungsmanöver mit geräuschlosem Spielzeug und schokoladige Bestechungsversuche der Kaffeetafel scheiterten. Niemand konnte mein Pinguin-Klavier und miach trennen. Nachdem ich eine Stunde selig gebrrrt und gedrrrt hatte, war die Batterie des Pinguin-Klaviers leer. Sie wurde nie ersetzt.


2. Orff und ich: Das Glockenspiel Chor- oder Orff-AG, das war neben „Amigo oder Scout?“, „Vanille- oder Schokomilch?“ eine der großen Fragen meiner Grundschulzeit. Weil mir eine Viertklässlerin erzählt hatte, dass die Chor-Leiterin mit Kreidestückchen nach Schülern werfen würde, ging ich zum Orff-Orchester. Obwohl Orff bis zur siebten Stunde ging und Chor nur bis zur sechsten. So groß war meine Angst vor dieser Musiklehrerin. Als ich das erste Mal beim Orff war, saßen an den Glockenspielen die umschwärmten Wendy-Mädchen mit Glitzerhaarspange und tippten mit zierlichen Holzstäbchen auf die Metallplättchen. Den zarten Klang der Glockenspiel-Connection hörte man zwar nur, wenn die anderen Instrumente Pause hatten, also eigentlich nie. Trotzdem wollte ich unbedingt zum elitären Kreis der Glockenspielmädchen gehören. Dass ich zunächst nur Triangel spielen durfte, spornte mich erst recht an. Ich hämmerte schuljahrelang auf Bass, Xylophon und Metallophon ein, bis ich in der vierten Klasse endlich ans Glockenspiel kam. Wo mich nun ebenfalls keiner mehr hörte. Wendy hatte ich auch schon gegen Bravo getauscht.


3.Viertelschräge Töne und Orchesterfreizeiten: Geigenjahre Monatelang lag ich meinen Eltern mit meinem Wunsch in den Ohren, Geige spielen zu lernen. Sie zögerten, ihn mir zu erfüllen. Vielleicht weil ein übender Geigennovize schräg und daher mindestens so nervtötend wie ein Pinguin-Klavier klingt. Schließlich gaben sie doch nach. Acht Jahre hatte ich insgesamt Unterricht und spielte in verschiedenen Orchestern, bis kurz vorm Abitur. Was man meiner Fidelei heute leider nicht anhört. Damals allerdings auch nicht, so wenig wie ich geübt habe. Meine Geigenlehrerin erkannte das immer an meinen hornhautfreien Fingerkuppen. Von Zeit zu Zeit hole ich meine Geige noch mal aus ihrem Russenmafia-Köfferchen und denke an die vielen Orchester-Wochenenden in den Weiten Westfalens. Dann fuhren wir in Schullandheime, probten dort sechs Stunden pro Tag und traten abschließend in halbleeren Gemeindezentren auf. Geblieben ist mir aus den Geigenjahren ein untrügliches Gehör für schon vierteltonschiefe Klänge. Weswegen ich bis heute singende Menschen nur schwer ertrage. Die meisten singen nur fast gerade. Ich selbst liege dagegen souverän immer einen ganzen Ton daneben.


4. Dagegen! Die Trillerpfeife Es hatte sich noch nicht ausgegeigt, da fand ich bereits zu meinem neuen Instrument, das mich in der Weltveränderungsphase aller Fast- und Gerade-Erwachsenen begleiten sollte: die Trillerpfeife. Ab der Oberstufe und auch später im Studium demonstrierte ich gegen alles Böse in der Welt: den Irak-Krieg, Atomkraft, Datenvorratsspeicherung. Meine Trillerpfeife war immer dabei. Einmal gepfiffen und schon wussten alle: Ich bin gegen das System, so irgendwie. Inzwischen protestiere ich meistens nur noch 2.0 und trete pseudo-politischen Facebook-Gruppen bei. Ich brauche Zeit zum Gitarre spielen.


5. Spät dran: Die Gitarre Während ich diese Zeilen schreibe, lausche ich dem Gitarrenspiel meiner Mitbewohnerin ein Zimmer weiter. Monika studiert Jazz-Gitarre und würde mir jederzeit nochmal den fiesen h-Moll-Griff erklären, beim Stimmen helfen oder ein Plektron überlassen, wenn ich meines mal wieder nicht finden kann. Und natürlich Unterricht geben. Beste Voraussetzungen also für mich Spätzünderin, die ich erst mit biblischen 23 Jahren beschlossen habe, Gitarre spielen zu lernen. Gitarre ist ja eher so das Instrument der pubertierenden Jungs, die Rockstar werden oder zumindest mal ein Mädchen aufreißen wollen. Meine Ziele sind bescheiden, ich wäre fürs Erste mit ein paar Whitest-Boy-Alive-Riffen zufrieden. Ich müsste nur mal wieder üben. Gleich morgen vielleicht. Monikas Schüler mit Rockstarambitionen üben meistens auch nicht, so dass seit Monaten jeden Dienstagabend die gleichen Greenday-Songs durch unsere WG schallen. Die Ehrgeizigen unter den Jungs versuchen sich an Metallica. Vielleicht sollte ich ihnen mal stecken, dass man fast kein Mädchen mit einem komplizierten Metallica-Solo beeindrucken kann.

Text: juliane-frisse - Illustration: Katharina Bitzl

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