Redaktionsgedichte über den Winter

Die Schneewalze rollt an und soll am Wochenende alles mit Flockenkram eindecken. Wir setzen ihr heute die massive Gedichtwalze entgegen, denn mit Poesie wärmt man bekanntlich Herz und Auto.
jetzt-redaktion

Der Winter, sonnenklar, ist gut und schön und rund Drum zeigt uns dpa dieses Bild von einem Hund! Dirk von der Vogelweide


Mei Schneehaserl Wanns November is wern die Tage wieda grau Im Gartn san die letzn Bliamerl derfrorn Und mei Frau sagt „Ziag da was an d’Ohrn! Wanns Dezember is Hams in da Stadt drin sovui Kommerz Alle Leit san ogfressen zwegn der Schenkerei Und mei Frau sagt „Host an Schal und Handschuh’ dabei?“ Wanns Januar is Liagt überall der staade Schnee Nachts is so koit, dass d’Autos festfriern an der Straßn Und mei Frau sagt „Auf geht’s, Oida, lange Unterhosn!“ Wanns Februar is kimmt der Fasching daher I geh allaweil als „Lustiger Mohr“ und hob an Spaß Und mei Frau sagt: „Mei, Oida, du verkühlts d’a noch was!“ Wanns März ist Is der Winter endli vorbei Frühling werds, d’ Vögel schrein lustig im Woid Und mei Frau sagt: „Hoit durch, der Dokter kimmt boid!“ Fabsi Fuchsinger


Berlin im Schnee Berlin im Schnee soll trostlos sein Das hast du mir gesagt Anne-Katrin. Der Wind fährt voll von Osten rein Und nimmt sich was er mag Sibirisch! sagen alle Leute Sie stehn im KaDeWe Abteilung Exotische Früchte. Die Obdachlosen kaufen heute Nur Zimt und Beaujolais Die Hundehaufen sind gefroren Man tut sich daran weh Vor allem mit Chucks/Ballerinas Doch Hipster tragen Schaffellohren Und fahrn nach Plötzensee Die Kohleöfen rußen wüst Der Koksmann kommt auch später Weil alle vergessen haben zu bestellen In Mitte hat Tim den Leo geküsst Sie werden beide Väter. Max29


Balkonbestanden gertenblau Grüß Gott, Herr Nachbar! Christkind, Stau. Von Süd, von Ost, es weht herein. Droben drunten Kälteschrein. Sie schicken Decken stopfen Not Hundezwecken Bauernbrot. Die Hirten schütten Schnell jetzt, bitte Frostschutzmittel in die Krippe. Schicksal winkt Dorf _ * _ *_ versinkt. Wilhelm Wagner


Nachts, wenn kühl die Flocken fallen / donnernd sich am Teer festkrallen / da grummelt tief der Wegbaumeister / Friedbert Pflugsalz, ja, so heisster. Er rollt sein mächt’ges Leibesland / schräg hinab an’d Bettenkant. Hievt sich hoch und hört sein Blute rauschend, quietschend, mit Getute. Vierundsechzig Jahre alt / ist diese herbe Mannsgestalt. Ein Salzenstreu, ein edler Räumer/ der Großvater von Marie Bäumer. Er windet sich sein Trikot rum/ orangenfarbig, sicher, stumm. Gießt kaffeefarbne Brühe ein/ in ein töpfern Tassenfein. Schrill leutets her, vom Telefon/ „Jaja“ schilt Fried, ich komm ja schon. Er ahnt des Rufers bittre Klag’/ „Pflugsalz! Schneesturm! Donnerstag!“ Schlüpft rein in feste Fußwarmhalter/ Drückt beim Rausgehen Lichtenschalter Walzt das Trepphaus, müd hinunter/ öffnet Haustür, wird schon muntrer! Geht zwei Meter und rutscht aus. Genick verrutscht, das Leb’n ist aus. So wird klar für Jedermann/ gefährlich lebt der Streufachmann. Petrusilius Zwackelmann


drinnen spielte Crimson und Klee ich klopfte gegen das Fenster sie hörte mich nicht, doch suchte nach mir in mitten der Gespenster dabei war ich die ganze Zeit hier die Scheibe war ringsum beschlagen vom Schnee Heavy Mettke

Vier Schneeengel, von mir gemacht, die einsilbig neben mir liegen. Sichelmond, hab ich vorhin gedacht und bin ne Weile so geblieben. Dunklen Kakao hätt' ich jetzt gerne im Grunde muss ich ja längst heim; doch ich zähl noch ein paar Sterne und meine Zehen frieren ein. Juditha Urbanesca


Ein Schneegedicht! Ein Schneegedicht! Die Ader in meinem Hirn mich sticht. Komm halt raus du blöde Idee, vergrab dich nicht wie Hundehaufen im Schnee! Ach, das ist mir jetzt schnurz, und mach es einfach ganz kurz: Mal ist es warm, mal ist es kalt, so ist das in Mitteleuropa halt. Ist dir schon schlecht von Plätzchen, Stollen und Toffifee, Kommt sicher bald der Neujahrschnee. Erst schneits ihn hin, dann schmilzt er weg, mit den Stiefeln stehst du dann statt im Schnee im Dreck. Katjuschka Reimerowa


Die Eisblumen waren früher auch schöner. denkt sie, lehnt sich etwas weiter vor und rubbelt mit dem Pulloverbedeckten Ellenbogen ein kleines Guckloch frei. Durch das kleine Loch im Fenster sieht sie ihre Sehnsucht nach Kindheit und Angst vor heißer Schokolade, kalten Füßen und einem Loch im Herzen. Die weiße Decke nimmt der Welt alle Kanten alle Ecken alle Farbe. Sie beschließt, das letzte verfügbare Streusalz zum überhöhten Preis zu erwerben. Alles ist relativ. Auch die Kosten für seelische Gesundheit. Francoise Waeschtèr

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