Reingehört und aufgeschrieben

saddle creek/supermodern The Go Find - Miami (Morr Music) Schein23 - Morgens ist es am schlimmsten, da fängt der Tag erst an (stereotonic) The Faint - Wet From Birth (Saddle Creek) Jona - Teilen was du weisst (paul!) The Go! Team - Thunder Lightning Strike (memphis industries) The Electric Club - Olympic Ideas (supermodern) Italo Reno & Germany – Hart aber herzlich (Alles Real Records/BMG) Max Herre - Max Herre (Four Music/Sony) Embrace - Out of Nothing (Universal) Belgien mehr nach vorn! Aus dem schüchternen Flachland kommt zum Beispiel ein junger Mann, der Dieter heißt und sich auf der Bühne The Go Find nennt.
max-scharnigg
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

saddle creek/supermodern The Go Find - Miami (Morr Music) Schein23 - Morgens ist es am schlimmsten, da fängt der Tag erst an (stereotonic) The Faint - Wet From Birth (Saddle Creek) Jona - Teilen was du weisst (paul!) The Go! Team - Thunder Lightning Strike (memphis industries) The Electric Club - Olympic Ideas (supermodern) Italo Reno & Germany – Hart aber herzlich (Alles Real Records/BMG) Max Herre - Max Herre (Four Music/Sony) Embrace - Out of Nothing (Universal) Belgien mehr nach vorn! Aus dem schüchternen Flachland kommt zum Beispiel ein junger Mann, der Dieter heißt und sich auf der Bühne The Go Find nennt. Er hat beim sehr guten Morr-Music Label in Berlin eine Platte namens „Miami“ gemacht. Wer die Gepflogenheiten bei Morr-Music kennt,weiß, dass die Künstler vertraglich verpflichtet sind, mindestens ein Apple Powerbook zu benutzen. The Go Find hat aber dazu auch noch eine Gitarre und macht damit überaus passablen Elektropop. Sehr gut für den urbanen Herbst, zart knisternd, aber immer mit viel Gesang. Ein Hit ist da auch, der heißt „City Dreamer“. Topoffensichtlich: Mit dieser Platte lässt sich lässig noch ein bisschen auf die neue Notwist warten. Nicht gewartet hat man auf eine dottergelbe Platte der deutschen Jugendband Schein23. Die wohnen in Karlsruhe, was ja erst mal alle Gespräche am Tisch verstummen lässt. Schein23 machen laut Presseinfo „teils ruppigen, teils feinsinnigen Indierock“. Was ich schon mal gesagt habe, stimmt auch hier: Musikalisch fitte Halbrockbands aus der Provinz, entlarvt man immer an den miesen Texten. Schein23 fransen ganz arg mit Befindlichkeitsnonsens rum. Kostprobe: „Ich träume in Gedanken versunken / hab mich an deiner Sehnsucht an dir betrunken / habe den Blick zum Horizont gerichtet / und einen Regenbogen in der Ferne gesichtet“ Jochen Distelmeyer darf so was. Aber die Band Schein23 darf so was nicht. Hinter den Texten kreucht tatsächlich halb ruppiger, halb feinsinniger Indierock. Aber bitte, wo kreucht der nicht. Und noch was, Indierocker: Retro-Nachttischlampen will ich nicht mehr auf’m Cover sehen. Nehmt doch mal eine ganz untrendige, moderne Möbelhaus-Lampe! Her mit einem zeitlosen Cover: Die schmucke Fötus-Collage inkl. Muttermund auf dem Album von The Faint bringt Leben in die Bude. Leider habe ich hier den Promo-Zettel verschusselt, weiß aber aus dem Gedächtnis, dass die Kerle aus Omaha kommen und super sind. Die Musik auf „Wet From Birth“ ist extrem tanziger E-Synthie-Rock. Aber nicht so wie ja alle, sondern irgendwie viel, viel besser. Ich hype das jetzt sehr und laufe damit einmal durch den Redaktionsflur, anpreisend. Immerhin Christoph Koch tanzt spontan mit und weiß auch mehr: The Faint nächste Woche im Atomic! Wir bepieseln uns vor Freude. The Faint = gut. Wurde das deutlich? Schmollend muss sie raus und die nächste rein. Jona aus Köln. Das findet der Chef gut. Jona ist ein junger Mann mit einer E-Gitarre, der klingt, als hätten ihm Thees Uhlman und Marcus Wiebusch abwechselnd die Mutterbrust gegeben. Sehr, sehr Tomteesk! Sogar fast die gleichen Texte („ An dem Morgen wenn sie dich wegbringen“). Je länger ich „Teilen was du weißt“ höre, desto dreister finde ich das. Der Typ ist 20 Jahre alt, woher hat er denn schon den ganzen, erwachsenen Weltschmerz, hä? Wenn Tomte schon so weinerlich und abgeklärt angefangen hätten, wäre das nie was geworden. Hm, schwieriger Fall das. Schlecht ja nicht, aber wenn ich weinen wollte, sollte Jona auch nicht dabei sein, irgendwie. Großartiges kommt jetzt noch: The Go! Team. Ein etwas blöder Name, wie ich gerne gestehe, aber sonst geht hier ganz schön viel: Anfangs hört es sich an, als würden alle Instrumente der Welt gleichzeitig spielen. Eigentlich geht es auch immer so weiter. Nur darüber ist dann eine ganz kleine Mundharmonikamelodie. Blockflöten-Pogo trifft Rückkopplungs-Kakophonie, um in der nächsten Sekunde smart mit Breakbeats und Samples auszudancen. So klingt es also, wenn eine ganze Band Bastard-Pop macht. Ziemlich schwierig, genau zu sagen, was hier so gefällt. Die Melange macht’s. Gute Musik für brennende Bauernhöfe. Etwas konventioneller klingt dann das neue Album von The Electric Club aus Würzburg. Deren Single „Say what you say“ chartet ja gerade zurecht durch die Schrammelcharts. Ganz so hochkarätig hält das Album „Olympic Ideas“ nicht durch, aber netterweise ist hier stets der Versuch sich freizuschwimmen hörbar, in Richtung perfekter Gitarrenpop. Klar, dass das nicht so easy ist, wenn man nicht Morrissey heißt, aber hey: The Electric Club haben immerhin schon mal das schönste Cover in dieser Woche. Und die Platte hört sich weg wie nix. Weg wie nix bin ich jetzt auch und gebe ab, an den jungen Kollegen hannes-kerber, der noch zwei Sprechgesang-Asse im Ärmel hat: Italo Reno & Germany: In einem Song des letzten Curse-Albums hat der Rapper gesagt, er wolle nicht seine Rookies in Szene setzten. Jetzt will er schon und bringt das Album Hart aber herzlich heraus. Die egomanische Titten/Bitches-Fraktion des deutschen Hiphops hat weiteren Zulauf bekommen. Das Album ist stellenweise äußerst peinlich. In den Skits legen die beiden eine Sprache an den Tag, über die man nur lachen kann („Ach, Kosengo, die ist richtig latscho.“). Die beiden geben sich deutlich cooler, als sie sind. Die Tracks sind einfach nicht tiefgründig genug, um einzuschlagen. Kann getrost im Laden stehen bleiben. Kein gelungenes Debüt. Max Herre:Irgendjemand hat mal gesagt, Max Herre wäre der „Jesus des deutschen Hiphop“. Wohl wegen seines Aussehens. Jemand anderes hat mal gesagt, Ehefrau und Sängerin Joy Denalane wäre für Max Herre das, was Yoko Ono für John Lennon war. Also könnte man sagen, dass Joy der Judas des deutschen Hiphops ist... Naja, Max Herre ist jedenfalls der erste Rapper seiner Generation in den Midlife Crisis. Er versucht sich in seinem Debütwerk als Solokünstler neu zu orientieren. Nach drei großartigen Platten ist dies der erste Missgriff. Zwar hörbar, aber zu sprunghaft in Stil und Textqualität. Sehr „dünn“. Schade eigentlich, denn die Erwartungen waren riesig. Max versucht sich mal hier, mal da, bedient sich bei Rock, Soul und HipHop, aber irgendwie fehlt der rote Faden durch das Album. Selbst die kontinuierlichen Liebeserklärungen an Ehefrau Joy haben nicht mehr den Zauber von „Mit dir“. Max Herre war einer der besten MCs. Jetzt ist er ein durchschnittlich guter Musiker. Man kann nur auf die nächste Platte warten. Ui, in letzter Sekunde hat barbara-streidl auch noch die neue Embrace gehört: Vor Jahren weinte ich bei der Musik der McNamara-Brüder. "Fireworks", "All the good good people" - großartig. Jetzt haben Danny und Rick McNamara wieder mal eine Platte gemacht mit ihrer Band Embrace: "Out of nothing". Im Vorfeld wurde ständig von dem Stück gesprochen, das ihr alter Spezi Chris Martin von Coldplay für sie geschrieben hat,"Gravity". Das ist das schönste auf der neuen Platte, finde ich. Denn so wie ich doch nicht immer Bock auf Exfreunde oder alte Erinnerungen habe, höre ich diese langen Hymnen mit großen Chören und Indierock-Gitarren, die mir Tränen aus den Augenwinkeln locken möchten, nicht mehr so gerne wie einst. Aber auf dem Haldern-Festival 2004 sollen Embrace der Hammer gewesen sein.

  • teilen
  • schließen