"Respekt vor dem Mann": Ein Nachklapp zum Höhenangst-Video

Vergangene Woche sorgte ein Video für feuchte Hände, in dem ein Mann auf einen Sendemast steigt. jetzt.de hat mit Leuten gesprochen, die sich mit solch einem Job auskennen.
peter-wagner

„And that’s how you climb to the top of a Transmission Tower“. Mit diesen Worten endet ein Video, das seit vergangener Woche im Internet zu sehen ist und bei vielen Menschen für Puddingbeine sorgt (hier zum Beispiel die Reaktionen der jetzt.de-Leser). Es zeigt einen Monteur, der offenbar auf einen 530 Meter hohen Sendemast klettert. Er hat eine Kamera auf seinem Helm befestigt, so dass wir die Klettertour zur Spitze der Antenne aus seiner Sicht erleben. Nun hört es sich nicht besonders spannend an, einem Monteur bei der Arbeit zuzuschauen, der vermutlich die Lampe der Flughindernisbefeuerung austauscht. So nennt man die roten Leuchten auf Türmen oder Sendemasten, die Flugzeugen oder Hubschraubern anzeigen sollen, dass da ein Hindernis ist. Was das Video aber so aufreibend macht, ist die Dramaturgie: Erst ist da noch ein schützendes Gitter um den Mann herum. Dann aber exponiert er sich immer mehr, der Mast wird dünner und dünner, ehe dem Monteur nur noch eine dünne Stange zum sichern bleibt. Und das ist dann nochmal anders schlimm: Der Mann scheint zeitweise ohne jede Sicherung zu klettern.

Endlich oben: Ein Screenshot aus dem besprochenen Video, das vielen weiche Knie machte. Am Freitag hat sich Mario Dennstedt von der Firma Tomkast Antennenanlagen das Video für jetzt.de angeschaut. Er ist früher selbst als Monteur auf Masten gestiegen und errichtet mit seinen Kollegen gerade in Ismaning bei München für den Bayerischen Rundfunk einen neuen Sendemast von knapp 200 Metern Höhe. „Ich bin über die Fitness des jungen Mannes sehr erstaunt. Aber ich würde meine Leute von der Baustelle jagen, wenn die so ohne jegliche Sicherung arbeiten würden.“ Dennstedt kennt in Deutschland keinen Sender, der ähnlich hoch wie der im Video ist. „Das höchste sind die 365 Meter vom Fernsehturm in Berlin.“ Die fiebrigen Reaktionen derer, die sich das Video ansehen, kann Dennstedt nachvollziehen. Dann aber wiegelt er ab: "Das mit der Höhe ist reine Gewöhnungssache." Schwieriger sei die Kraftanstrengung. Dass die Moderatorenstimme im Video immer wieder die Ruhepausen betont, ist für Dennhardt nur natürlich. "Es braucht seine Zeit. Man steigt ja pfeilgrad nach oben und nicht irgendwo einen Abhang hoch. Ein Geübter steigt 200 Meter in 40 Minuten. Wenn es mehr wird, lässt die Kraft dann natürlich nach ..." Die Monteure müssen in Deutschland eigene Steigschulungen absolvieren, ehe sie auf Masten klettern dürfen. Zusätzlich müssen sie sich der sogenannten G41-Untersuchung unterziehen, die bei „Arbeiten mit Absturzgefahr“ Pflicht ist. Dabei stellt ein Arzt zum Beispiel fest, ob ein Arbeiter schwindelfrei ist. Aber wie oft muss man eigentlich auf einen Mast hochklettern? Beim Bayerischen Rundfunk hat man mit der Frage einigermaßen viel Erfahrung. 14 sogenannte Grundnetzsender und 34 UKW-Sender halten die Fernseh- und Radioausstrahlungen am laufen, sagt Ulf Krautstrunk, der den BR-Senderbetrieb leitet. Besonders häufig, sagt er, müsse man nicht hochklettern: entweder, wenn es darum geht, die Flugwarnbeleuchtung zu erneuern, oder, wenn der Frost im Winter den Kabeln zugesetzt hat. "Es kann passieren, dass das Kabel, das zur Antenne geht nicht mehr dicht ist. Das wirkt sich dann auf die Sendeleistung aus." Krautstrunk hatte vor dem Gespräch mit jetzt.de keine Gelegenheit, das Video anzusehen. Als er aber hört, dass der Mann im Video teilweise ungesichert klettere, stöhnt Krautstrunk auf und erklärt das Sicherungssystem an seinen Masten: In der Mitte einer Steigleiter verlaufe eine Schiene, die bis zur Spitze führe und in die der Arbeiter immer eingeklinkt sei. „Er wird nie aus dem Steigschutz rauskommen.“ Seien trotzdem einmal Arbeiten abseits der Leiter nötig, sei der Arbeiter durch ein Seil gesichert, in das er bei einem Schwächeanfall höchstens einen Meter falle. „Dass jemand frei hochkraxelt werden sie bei uns nicht erleben.“ Wahrscheinlich ist das Video vom dem steigenden Monteur eben deswegen so irritierend, weil der Mann, ganz wie die Huber Buam beim Freeclimbing, durch viel Routine Sicherheit in der Höhe gewonnen hat - und es nun bequemer findet, sich nicht immer sichern zu müssen. Mario Dennstedt von Tomkast glaubt, dass seine Monteure das, was der Mann in dem Video macht theoretisch auch könnten. Trotzdem ist er, ganz unter Monteurskollegen, beeindruckt: „Respekt vor dem Mann.“

Text: peter-wagner - Fotos: Screenshots

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