Revolution im Tarif-Dschungel

Weltbürger aufgepasst: Handy-Gespräche im Ausland waren lange ein teures Vergnügen. Jetzt geht es den Roaming-Gebühren an den Kragen.
tobias-moorstedt

Eine typische Handbewegung: Das Flugzeug ist gerade gelandet, die Anschnall-Signale an der Kabinedecke noch nicht verloschen; schon greifen die Menschen in ihre Taschen, drücken hektisch Knöpfe, scheinen erst beruhigt, wenn das Mobiltelefon zwei Mal piepst und damit signalisiert: Du bist angeschlossen. Nicht mehr allein. Früher mögen Auslandsreisen einmal eine Auszeit vom Alltag gewesen sein, heute aber will man über alle Ländergrenzen und Zeitzone hinweg erreichbar sein. Dieser Lebensstil ist ein teures Vergnügen. Nicht nur für die Erdatmosphäre, sondern auch für den Reisenden selbst, der bei mobilen Gesprächen im Ausland teure Roaming-Gebühren bezahlen muss. Mehrere Euro pro Minute kann ein Anruf dann kosten, und die Illusion, auf der ganzen Welt zu Hause zu sein.

Nils Tharandt-Ortiz erreicht man zur Zeit in Mittelamerika. Natürlich funktioniert sein Handy reibungslos. Der 34-jährige Jung-Unternehmer dreht gerade in der Dominikanischen Republik den Werbespot für sein Telefon-Startup "Che Mobil", einen virtuellen Telefonanbieter, der verspricht die Roaming-Kosten massiv zu reduzieren. Der Werbespot spielt im tropischen Dschungel, komplett mit einem Doppelgänger des Che und ein bisschen Guerillakrieg. „Wir sind auch revolutionär“, verteidigt Tharandt-Ortiz den Namen seines Unternehmens. Für den „ehemaligen Salonmarxisten und heutigen Jungkapitalisten“ ist Che Guevara ein „Sinnbild für Freiheit und den Kampf gegen übermächtige Systeme. Das machen wir auch.“ Seit gut einer Woche ist Che Mobil auf dem Markt. Gespräche in Deutschland kosten 16 Cent, im Ausland schwankt der Preis zwischen 39 und 49 Cent. Acht Mitarbeiter hat die Düsseldorfer Firma. Seit Infrastruktur und Leitungen immer billiger zu mieten sind, braucht man nicht mehr Manpower für einen Telekommunikationskonzern. „Che Mobil“ und ähnliche Firmen kaufen Minutenkontingente bei deutschen und ausländischen Anbietern, und „leiten den Preisvorteil an die Kunden weiter“, wie Tharandt-Ortiz erklärt. „Starten sie die Preis Revolucion“, heißt es im Werbeslogan. Um sich bei der Firma anzumelden, muss man im Internet eine spezielle Che-SIM-Karte bestellen und in das Handy einlegen. Wählt man dann eine Nummer, sendet das so modifizierte Gerät Signale in das lokale Mobilfunknetz. Die eigentliche internationale Telefonverbindung wird nur in eine Richtung und über das deutsche Festnetz hergestellt. In den Fußspuren von Google Neue Technik wird oft mit revolutionärer Rhetorik beworben. Als Apple 1984 seinen ersten PC auf den von IBM dominierten Markt bringen wollte, ließen sie den Aliens-Macher Ridley Scott einen Werbefilm über eine dunkle Science-Fiction-Diktatur drehen. Der Titel „1984“. IBM musste die Rolle von Orwells bösem BigBrother spielen. „Che Mobil“ ist nicht der einzige Rebellen-Startup, der zurzeit die Herrschaft der Telekommunikations-Oligarchen attackiert. Die Schweden von "Rebtel" wirbt ebenfalls mit ungewohnt billigen Tarifen. Der Nachteil: beide Gesprächspartner müssen registriert sein. Die österreichische Firma "Jajah" hat den Slogan „Free Your Voice“ und einen so genannten Welthandytarif im Angebot, 15 Cent soll das Telefonieren in der Minute kosten, egal ob man auf dem Potsdamer Platz steht oder in Alma-Ata. Und so funktioniert es: Auf der Webseite lädt man ein Java-Programm auf sein Handy, welches das Gespräch an den nächsten Funkmasten und von dort ins Internet leitet. Bislang funktioniert „Jajah“ nur bei einer begrenzten Zahl an Handy-Modellen, trotzdem will die Firma bis Jahresende eine Million Kunden haben und „die klassische Telephonie mit Voice-Over-IP verbinden“, wie Gründer Roman Scharf erklärt. Hinter „Jajah“ steht der amerikanische Risikokapitalgeber „Sequoia“, der Ende der 90er Jahre „Google“ unterstützt hatte. Scharf sitzt mit seinem Kollegen Daniel Mattes im Silicon Valley in den gleichen Büroräumen, in denen Sergey Brin und Larry Page vor einigen Jahren ihre Suchmaschinen-Weltrevolution eingeleitet hatten. Nils Tharandt-Ortiz denkt in anderen Maßstäben. 25 000 Kunden will er mit „Che Mobil“ bis Jahresende haben. In einem Jahr sollen es 100 000 sein. „Wir bedienen eine Nische“, sagt er, „und sprechen vor allem junge, weltoffene und Technik affine Menschen an“, die ihren global-mobilen Lebensstil pflegen wollen. Die Nachfrage sollte groß sein. 90 Millionen Auslandsreisen unternahmen die Deutschen im Jahr 2005. Den Massenmarkt will Tharandt-Ortiz nicht ansprechen. „Das Telefon ist das einfachste Hightech-Gerät“, sagt er, „die Leute wollen einfach eine Nummer eintippen und loslegen.“ Die meisten Discount-Anbieter legen den Kunden aber kleine Technik-Schwellen in den Weg: Vorwahlen, Rubelkarten, Download oder alternative SIM-Karten. Ältere Nutzer schreckt das ab. Die Revolution hat begonnen. Aber wird sie Erfolg haben? Auf Druck der EU-Kommission müssen die europäischen Mobilfunkanbieter die lukrativen Roaming-Gebühren ab Juli 2007 senken. Ein im Anruf getätigter Anruf darf dann maximal 49 Cent kosten, die Kostenbeteiligung für einen im Ausland entgegen genommnen Anruf maximal 16,5 Cent betragen. Philip Geiger, Unternehmensberater bei den Branchenexperten von „Solon“ denkt deshalb, dass Klein-Anbieter wie „Che Mobil“ oder „JaJah“ nur vier bis fünf Jahre lang interessant sein werden. Dann werde die Preisdifferenz zu den Telefon-Konzernen schwinden. Die Revolution, das sollte ein Che-Fan natürlich wissen, dauert eben manchmal nur ein paar Jahre. Dann schlägt das Imperium normalerweise zurück. Foto: ddp

  • teilen
  • schließen