Bei der Meldung wird es natürlich erstmal warm um viele Nostalgiker-Herzen. „Hipster bringen die Kassette zurück“ titelte das US-Magazin The Daily Dot vergangene Woche. Und erzählte dann von der Firma „National Audio Co.“, die als eines der wenigen tapferen Unternehmen noch Kassetten produziert – und deren Geschäft boomt. Zehn Millionen Kassetten hat die Firma laut eigenen Angaben vergangenes Jahr verkauft und damit Gewinn gemacht. Der Aufnahmegeräte-Hersteller TASCAM würde deshalb bereits wieder anfangen, Kassettenrecorder zu produzieren. Für Daily Dot der ultimative Beweis, dass das ganze nicht nur ein Hipster-Retro-Trend ist, sondern eine langfristige Sache. Aber gilt das auch für Deutschland?

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Mixtapes sind ja immer noch romantisch. Aber kann überhaupt jemand die Dinger noch abspielen?

Eine kurze Online-Recherche ergibt: Ja, auch in Deutschland werden noch Kassetten produziert. Und zwar von Optimal-Media. Schreiben zumindest Wikipedia und diverse Magazine. Die Firma hat ihren Hauptsitz in Röbel an der Müritz - klingt sympathisch. Einmal nachgefragt stellt sich allerdings raus: Die schöne Geschichte stimmt nicht. „Wir waren lange Zeit der einzige verbliebene Hersteller von Kassetten, fertigen diese aber seit diesem Jahr nicht mehr“ schreibt eine Sprecherin. Vinyl stellten sie aber noch im großen Maßstab her. Hm.

Also weiter zum europäischen TASCAM-Äquivalent: Philips. Die Firma hat 1963 die erste Kompaktkassette auf der internationalen Funkausstellung vorgestellt, dazugehöre Kassettenrecorder gab es auch. Die müssten ja merken, wenn die Kassette wiederkäme – reißende Absatzzahlen bei Kassettenrecordern und so. Tatsächlich kann man auch in diversen Online-Shops noch Abspielgeräte von Philips kaufen. Und anders als bei Sony, wo es 2010 einen lauten Aufschrei gab, als sie die Walkman- und Kassettenrecorder-Produktion einstellten, sind über Philips keine Meldungen in diese Richtung zu finden.

Aber auch die Philips Recherche wirkt zunächste wie eine Enttäuschung: Eine sehr nette Dame in der Pressestelle sagt, die Firma stelle ebenfalls keine Kassettenrecorder mehr her. Bei Interesse an der Technologie könne sie ans Archiv weitervermitteln. „Archiv“ - allein der Begriff klingt schon nach dem Tod einer jeden Technologie. Und das soll jetzt wieder im Kommen sein?

Einen Tag später dann aber doch noch Hoffnung: Eine Mitarbeiterin von Gibson Innovations meldet sich. Die Firma stellt seit 2014 lizenziert von Philips weiterhin Kassettenrecorder her, der Absatz sei dabei seit Jahren konstant. "Die Deutschen sind hörspielverrückt, da werden ganze Kassettensammlungen von Generation zu Generation weitervererbt. Und dementsprechend werden auch weiterhin Abspielgeräte benötigt", erklärt die Sprecherin. Also kein Trend nach oben, aber eben auch nicht das Ende. Puh.

>> Und was machen die Hipster jetzt mit den Kassetten? >>


"Cassette Store Day" in Deutschland - aber wer macht da mit?


Die letzte Hoffnung: Die Indie- und Hipsterszene, die der Artikel im Daily Dot ja auch als einen der Gründe für die neue Zukunft der Kassette anführt. Tatsächlich gibt es seit 2013 in England den „Cassette Store Day“, ein Event ähnlich dem „Record Store Day“, bei dem Plattenläden gefeiert werden – nur halt mit Kassetten. Am 17. Oktober 2015 soll es diesen Tag auch in Deutschland geben, maßgeblich initiiert von den beiden Berliner Labels „Späti Palace“ und „Mansions and Millions.“

Um dabei mitmachen zu können, wurden deutsche Labels und Musikläden aufgerufen, Tapes extra für diesen Anlass zu veröffentlichen, die Läden aufzusperren und Events zu veranstalten. Am Telefon erzählt Amande Dagod von Späti Palace, dass Labels bereits Neuveröffentlichungen auf Kassette für diesen Tag angekündigt hätten, darunter auch große Indie-Labels. 25 Shops in ganz Deutschland würden ebenfalls mitmachen. Für Amande sind Tapes weitaus mehr, als ein Hipstertrend: „Ich glaube, dass Kassetten nie wirklich weg waren. Viele Leute haben immer noch welche aufgenommen: kleine Bands zum Verkauf für ihre Touren oder auch als private Mixtapes. Wir wollen das jetzt nur wieder mehr ins Bewusstsein bringen“, erzählt die 26-Jährige.

Auf ihrem Label veröffentlichen primär kleine Berliner Bands, das Motto ist „cheap and cheerful … just like your local Späti“. Das passt auch zu Kassetten. Die sind nämlich vielseitig einsetzbar, sie zu bespielen ist günstig und geht schnell. Im Verkauf kosten sie meistens nur fünf Euro, Platten sind selten unter 15 zu haben .„Vinyl boomt gerade, wenn man eine Platte produzieren lassen will, muss man sich anstellen und warten. Außerdem passen auf eine 7-inch-Platte nur zwei bis vier Songs. Auf Kassetten kann kann man hingegen ein ganzes Album veröffentlichen. Und sie bespielen zu lassen, dauert nur zwei Wochen. Notfalls macht man es halt selbst“, sagt Amande. Dieses Selbermachen ist natürlich gerade in Zeiten der Do-it-yourself-Kultur angesagt.

Für den Cassette Store Day haben viele Labels Mixtapes eingereicht, es wird auch eine Box geben, in die jeder sein eigenes Mixtape tun und ein anderes herausnehmen kann. Die Veranstalter erhoffen sich durch die ganze Aktion natürlich mehr Aufmerksamkeit für die Kassette – und für ihre Unternehmen. Die richtig großen machen da allerdings nicht mit, Kassetten scheinen hier, anders als Platten, weiterhin eher ein Nischentrend zu sein

Aber wie soll das denn nun alles funktionieren, wenn in Deutschland niemand mehr Abspielgeräte geschweige denn Kassetten herstellt? Amande überlegt kurz. Dann sagt sie: „Ich glaube nicht, dass jeder Käufer einen Kassettenrecorder hat. Aber vielleicht ist das auch gar nicht notwendig. Sie mögen es eher, die Kassetten zu sammeln und die Musik anfassen zu können. Das ist ja etwas besonderes.“

Damit trotzdem jeder auch anhören kann, was er da gekauft hat, geht man übrigens ins Internet – jeder Kassette liegt mittlerweile ein Downloadcode bei.

Text: charlotte-haunhorst - Collage: Pia Kettl