Richtungsbestimmung: Vier Menschen über ihre politische Orientierung

Was bedeuten die Begriffe „links“ und „rechts“ heute? +++ Den Text entnehmen wir der aktuellen Ausgabe des Online-Magazins daheim, das Blicke auf die Varianten des Kampfes „LINKS gegen RECHTS“ wirft. Unter anderem geht es um das Image des FC St. Pauli, das trostlose Leben linker Jugendlicher in Cottbus und rechte Computerspiele.
kathrin-hagemann

Protokolle von KATHRIN HAGEMANN.

Manio, 30, Architekt und Projektsteuerer Ich würde sagen, rechts ist eher konservativ, und links eher progressiv und alternativ. Aber man muss unterscheiden: Es gibt einmal das politische Rechts und Links, und dann noch eine bestimmte Art zu leben. Man kann ein konservativer Sozialist sein. Und auch ein Diktator ist nicht immer rechts. In Kuba gibt es einen linken Diktator. Ich selbst habe in manchen Bereichen ziemlich konservative Ansichten, und in anderen eher progressive oder alternative. Ich versuche zum Beispiel, auch wenn es mir schwer fällt, nicht so ein fettes Auto zu fahren, obwohl ich manchmal lieber ein Cabrio haben möchte als meinen alten Peugeot. Ich putze und koche gerne. In Akademikerkreisen ist das vielleicht normal, aber in konservativ-bürgerlichen Kreisen nicht. Ich mag viele konservative Sachen nicht, die ich mit meinem Elternhaus in Verbindung bringe. Da sind bestimmte Dinge einfach grundsätzlich richtig oder falsch. Das heißt dann: „Das macht man nicht“. Aber gerade Diskutieren auf Augenhöhe ist wichtig. Das ist vielleicht eher links. Andererseits gibt es auch bei den Linken intolerante Personen. Da kommt dann der Begriff „liberal“ ins Spiel, den ich eigentlich am liebsten vertrete.

Rima, 20, Politikstudentin Früher war die Definition für mich klar: Links ist progressiv, rechts ist konservativ. Aber das macht in der Realität wenig Sinn. Die Linken verteidigen die Werte, die wir wieder aufgeben wollen: sozial sein, an die Gemeinschaft denken. Inzwischen habe ich die Definition von Erich Fried geklaut: links sein, so wie ich es lebe, bedeutet, seine Position zu haben, andere ihre Position zu lassen, und zu versuchen, die eigene Position zu erklären, mit den in ihr enthaltenen Fehlern. Ich finde es rechts, wenn man starr auf seinem Punkt beharrt. Und links ist es, kritisch zu denken, und etwas wieder und wieder zu reflektieren. Nicht nur sich selber, sondern auch das Andere natürlich. Neonazis sind für mich lebensbedrohlich. Aber sonst waren Rechte, mit denen ich zu tun hatte, zum Beispiel Leute von der Jungen Union, in ihrer Selbstdefinition reflektierter als viele Linke. Die haben dann gesagt: Ich weiß, dass es nicht unbedingt die attraktivste Partei ist, aber die haben Werte, die ich verteidigen will. Ich denke, das ist ihr gutes Recht. Während Linke oft so eine grunddefensive und aggressive Haltung haben. Natürlich gibt es auch sehr reflektierte Linken, die ich sehr schätze. Aber andere Leute haben mein Bild von Linken ziemlich runter gezogen.

Katja, 26, Chemiestudentin Neubrandenburg, wo ich aufgewachsen bin, war früher ein Nazi-Treffpunkt. Die sind von allen umliegenden Dörfern gekommen und standen dann immer am Bahnhof rum, bis die Linken, also die Skater und die Punks, sie durch die Stadt gejagt und vertrieben haben. Ich hatte Angst und habe mich fern gehalten. Deshalb verbinde ich rechts mit Nazis. Und links? Meine Eltern sind total links, meine Oma auch. Sozialistisch links, das heißt, sie sind für mehr Brüderlichkeit unter den Menschen anstelle von Ausbeutung. Sie interessieren sich für die linke Sicht der Welt und lesen die „Junge Welt“ oder das „Neue Deutschland“. Links sein bedeutet, offener zu sein für neue Ideen. Rechts ist mehr rückschrittlich, reaktionär und es ist immer so ein Touch von nationalistischem und patriotischem Denken dabei. Konservativ zu sein, ist noch mal was anderes. Das heißt nur, dass man Dinge so macht, wie man sie schon immer gemacht hat. Ich finde aber, es gibt einen Unterschied zwischen Ritualen, die wichtig sind und ein Zugehörigkeitsgefühl geben, und Traditionen, die keinen Sinn haben. Der Wahlomat hat mich lustigerweise bei der CDU eingeordnet, dann kam die FDP, dann die Linkspartei. Weil ich halt auf so was wie Familie stehe. Ich hab mich gewundert; die CDU ist nicht meine Schublade, was ihre Sicht auf Frauen angeht. Ich finde es im Übrigen auch gar nicht progressiv, sondern normal, dass ein Mann kocht und putzt. Linkes Gedankengut hat es schwer, weil es sich über das Ellbogendenken der Gesellschaft hinwegsetzen will. Theoretisch ist das alles schön und gut. Aber wenn es um die Ausführung geht, klappt es nicht so richtig, und jemand will an die Spitze und die Macht haben. Das ist im Menschen begründet, Menschen sind habgierig. Außerdem sind sie Herdentiere. Deshalb brauchen sie eine Person oder eine Gruppe von Leuten, die Entscheidungen treffen. Nicht diktatorisch, sondern eher wie ein guter Manager, der die Stärken seines Teams so nutzt, dass man zum Erfolg kommt.

Melike, 24, Politikstudentin Also für mich ist das ziemlich simpel: rechts bedeutet so mehr oder weniger Nazi. Klar darf man das nicht in allen Kontexten laut sagen, zum Beispiel über Parlamentsparteien, aber für mich ist es so. Das geht auch ganz klar nach Bauchgefühl. Links ist dann eigentlich alles, was eine Meinung hat. Und dann wird immer noch behauptet, dass es eine Mitte gibt. Aber das sind die Arschlöcher, die keine Meinung haben wollen. Das Schema ist auch nicht nur auf Deutschland anwendbar. Und Religion hat damit nichts zu tun. Für mich gelten eigentlich in jedem Land die Kategorisierungen, wie ich sie beschrieben habe. Der Rest, die Fassade – das ist dann nur noch Politik. Illustration: katharina-bitzl

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