S wie Scheitern: Das A bis Z zur gescheiterten Klimakonferenz

Der Klimagipfel von Kopenhagen ist ohne Abkommen und nur mit einer Absichtserklärung zu Ende gegangen - in ihrem A bis Z zieht unsere Autorin eine Bilanz zu den Tagen in Dänemark und erklärt, was nun geschieht.
anke-luebbert

A wie Annex 1 Unter "Annex 1" sind im Kyoto-Protokoll Länder aufgelistet, die sich zu konkreten Reduktionszielen bis 2012 verpflichtet haben. Als Industriestaaten gelten sie gleichzeitig als Hauptverursacher des Klimawandels. Einzige Ausnahme: die USA. Das Land hat nach wie vor das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet. B wie Bella Center Das Konferenzzentrum. Auf den wenige Metern von der Metro zum Bella-Center mussten sich die Delegierten ihren Weg vorbei an der Greenpeace Jugend, an Sandwiches verteilenden Veganern in Hasenkostümen und Trommelgruppen bahnen. Drinnen dann eine andere Welt: Konferenzräume, Zeitpläne, Meetings.

C wie CDM "Clean Development Mechanisms" (CDM) sind im Kyoto-Protokoll vorgesehen. Sie ermöglichen es den Industriestaaten, sich CO2-Einsparungen anrechnen zu lassen, die durch Projekte in Entwicklungsländern entstehen. Vertreter von Entwicklungs- und Schwellenländern kritisieren diese Praktik. **

Am Donnerstag kündigte Henrike im jetzt.de-Interview an, sich die Haare zu scheren, wenn es kein ordentliches Abkommen gebe. Am Freitag war es soweit. ** D wie Doppelstrategie Die Treibhausgas-Reduktionsverpflichtungen für die Annex1-Länder laufen 2012 aus. Wie es dann weitergeht, ist nach wie vor offen. Schon seit Jahren fahren die Vereinten Nationen (genauer: die United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) eine Doppelstrategie. Eine Verhandlungsgruppe bemüht sich um ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll, in dem es neben den neuen Reduktionsverpflichtungen für die Industrieländer auch um Verpflichtungen für die Schwellenländer geht. Die zweite Verhandlungsgruppe ist gegen die Kyoto-Vereinbarungen und will ein komplett neues Abkommen auf die Beine stellen. Am Ende der Kopenhagener Konferenz steht nun eine bloße Absichtserklärung. E wie Elf Millionen Menschen ... ... unterzeichneten bis Freitag eine Online-Petition von avaaz.org: "We want a real deal". F wie Fossil of the Day Jeden Tag um 18 Uhr verliehen Mitarbeiter von CAN (Climate Action Network) im Bella-Center das Fossil of the Day, eine Negativauszeichnung für das Land, welches die Verhandlungen den Tag über am meisten blockiert hatte. Auch Deutschland bekam das Fossil verliehen. G wie Greenwashing Greenwashing nennt man Bemühungen von Unternehmen, sich durch Marketing ökologisch in einem günstigen Licht zu präsentieren. Am Kongens Nytorv, einem großen Platz im Kopenhagener Zentrum, hing so viel Werbung für emissionsarme Autos und Windanlagen, dass sich die Frage aufdrängte, wer eigentlich noch CO2 produziert? **

David und Johannes taten es Henrike gleich. ** H wie Hubschrauber Der Kopenhagen-Soundtrack zur Klimakonferenz: Hubschrauberknattern. I wie "I was a bottle" In Shirts mit diesem Aufdruck nahmen Studenten an der Garderobe im Bella-Center Jacken, Taschen und Mäntel an. Und erduldeten die Dauerfrage: "Darf ich mal anfassen?" K wie Klima Forum Fünf Fußminuten vom Hauptbahnhof entfernt wurde ein Gipfel für all jene eingerichtet, die zum Konferenzgelände keinen Zugang hatten oder wollten. In der zweiten Veranstaltungswoche übergaben die Delegierten ohne Mandat der Konferenzleitung des Klimagipfels ein eigenes Papier. L wie Lümmelgesetz Unter dem Namen "Lümmelgesetz" verabschiedete die dänische Regierung ein neues Gesetz, das nicht ganz so amüsant ist wie sein Name. Das Lümmelgesetz erlaubt es, Demonstrationsteilnehmer ohne besonderen Verdacht festzunehmen und 12 Stunden lang in Sicherheitsverwahrung zu behalten. Die dänische Polizei machte reichlich Gebrauch von der Möglichkeit. Aus Angst vor ein paar militanten Demonstranten schränkten die Dänen das Recht auf Versammlungsfreiheit und freie Meinungsäußerung grundsätzlich stark ein - denn wer festgenommen wird, bevor er gewalttätig werden kann, der wird festgenommen, bevor er überhaupt demonstrieren kann.

Vor dem Bella-Center. M wie Montreal Der Prozess von Montreal war viel zitiertes Vorbild für die Kopenhagener Konferenz. 1987 einigten sich die Vereinten Nationen in Kanada auf eine gemeinsame Strategie, um das weitere Anwachsen des Ozonlochs zu verhindern. Im Montrealer Protokoll wurde detailliert der FCKW-Ausstiegsprozess für einzelne Staaten festgelegt. Der Prozess von Montreal gilt als bisher erfolgreichstes Beispiel für die Lösung eines globalen Umweltproblems. N wie "No planet B" "There is no planet B" stand als Motto auf einem von vielen Transparenten und Plakaten. Unzählige Demonstrationen, Kundgebungen und Aktionen begleiteten die Konferenz. Zur Demonstration nach der Halbzeit des Klimagipfels kamen gut 100.000 Menschen. Eine größere Demonstration hat es in Dänemark noch nie gegeben. O wie Option "Textarbeit" beschreibt ganz gut, womit sich die Delegierten in Kopenhagen zwei Wochen lang beschäftigten. In den Textentwürfen wimmelte es von Optionen. Wo immer ein Fakt noch nicht geklärt war, stehen Klammern im Text - darin die Optionen. Ob zum Beispiel {2} oder, wie von Tuvalu eingebracht, {1,5} Grad als maximale Erderwärmung angestrebt wird, blieb bis zum Schluss offen. P wie Pink Badge Im Gegensatz zu den NGOs mit ihren gelben und der Presse mit ihren orangenen Akkreditierungsausweisen, trugen die Delegationen der Verhandlungsparteien Pink um den Hals. R wie Rauswurf In den letzten Tagen des Gipfels kürzte die Konferenzleitung Tag für Tag den Zugang für Nichtregierungsorganisationen. Einige NGOs wurden ganz ausgeschlossen, ohne darüber vorher in Kenntnis gesetzt zu werden. Das Vorgehen wurde als intransparent kritisiert. S wie Scheitern "Ambitious, fair, legally binding" - das war die Kurzformel, wenn es darum ging, die Erwartungen an die Konferenz auszudrücken. Die Absichtserklärung nun bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Sie ist nicht rechtlich verbindlich. Es gibt keine Reduktionsziele. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer klagten über ihrer Ansicht nach nicht angemessene Beteiligung. T wie Tuvalu Hätte der 12.000-Einwohnerstaat Tuvalu nicht die Rechte an seinem Internet-Länderkennzeichen ".tv" verkauft, hätte es den Beitritt zu den Vereinten Nationen wohl nicht bezahlen können. Seit 2000 ist Tuvalu nun Mitglied der Vereinten Nationen. Der kleine Staat sorgte in Kopenhagen für viel Aufregung. Schon in der ersten Woche war der Verhandlungsführer Tuvalus in einer Sitzung in Tränen ausgebrochen. "Das Schicksal meines Landes liegt in ihren Händen", schluchzte er. Aber selbst die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad kann Tuvalu nicht retten: Bei mehr als 1,5 Grad Erderwärmung wird der Inselstaat im Meer versinken. U wie UNFCCC Die Klimarahmenkonvention "United Nations Framework on Climate Change" der UN existiert seit 1992. Der Generalsekretär des UNFCCC ist für die Ausrichtung der jährlichen Treffen der Vertragspartner zuständig und sitzt in Bonn. V wie Vertrag Einen Vertrag gibt es trotz der hohen Erwartungen vor dem Klimagipfel nun nicht. W wie "Was nun?" Da die Reduktionsverpflichtungen im Kyoto-Protokoll 2012 auslaufen, galt das Zusammentreffen in Kopenhagen als letzte Chance, rechtzeitig neue Verpflichtung auszuarbeiten. Im Sommer wird es ein Halbjahrestreffen in Deutschland geben, in einem Jahr eines in Mexiko. Was dann passiert und ob es einen Vertrag geben wird, bleibt unklar.

Z wie zwei Grad Das IPCC, das Intergovernmental Panel on Climate Change, geht davoon aus, dass bei zwei Grad Erderwärmung ein kathastrophaler Klimawandel gerade noch verhindert wird. Dann gäbe es noch eine Chance, dass die schlimmsten Folgen für Mensch und Umwelt ausbleiben. Im Copenhagen Accord, der Abschlussübereinkunft des Klimagipfels, erkennen die Unterzeichner das vom wissenschaftlichen Beratergremium der UN vorgegebene Zwei-Gradziel an. "Wir stimmen darin überein, dass die Erwärmung des Klimas auf unter zwei Grad gegenüber einem vorindustriellen Stand begrenzt werden muss", heißt es in der Übereinkunft. Ohne die entsprechenden Reduktionsverpflichtungen bleibt das jedoch ein Lippenbekenntnis.

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