Sag endlich Tschüss!

Vier Autoren verabschieden sich: von ihrem Auto, ihrer Beziehung, ihrer Wohnung und - ihrer Nase.
philipp-mattheis

Trennungen machen nicht nur traumatisierten Scheidungskindern Angst. Abschied nehmen bedeutet etwas verlieren, das man lieb gewonnen hat - sei es nur aus Gewohnheit. Deshalb verharren wir oft so lange in Lebenssituationen, die uns eigentlich gar nicht so gut gefallen. Doch nur wer sich verabschiedet, kann etwas Neues beginnen. Vier Autoren erzählen ihre Trennungserfahrungen mit Autos, Partnern, Wohnungen und Körperteilen.


Schlussmachen darf nicht leicht fallen Übers Schluss-Machen weiß ich nur eins. Es tut weh, egal wie man es macht. Sich zu trennen, das ist die größte Unglücks- und Leiderfahrung, die wir Wohlstandskindern wissentlich in Kauf zu nehmen bereit sind. Was die Sache kein bisschen besser macht. Und: Es gibt keine richtige Art, Schluss-Machen, es gibt nur ein paar grundlegend falsche. Wenn einem der Mensch, mit dem man Schluss macht, etwas bedeutet (und das sollte er doch, schließlich hat man ihn geliebt) und wenn einem die Zeit, die man zusammen verbracht hat, irgendetwas wert war, dann sollte man es auf eine Art tun, die dem anderen wenigstens zeigt: Ich liebe dich nicht mehr, aber mir hat das etwas bedeutet zwischen uns. So ungefähr. Ich habe einmal mit einem Brief Schluss gemacht. Das geht nicht, und es ist eine der Sachen in meinem Leben, auf die ich kein bisschen stolz bin, und von der ich mir heute sicher bin, dass ich sie anders machen würde, wenn ich eine zweite Chance bekäme. Denn ich habe da einen Mensch wirklich verletzt und mit diesem Wissen lebt man nicht gern.

Zwei Jahre später habe ich tatsächlich eine zweite Chance bekommen, mit dem gleichen Mädchen und ich habe versucht, es richtig zu machen. Ich wollte es zutiefst. Wir haben telefoniert, geheult, ich habe mich in den Zug gesetzt, bin von München nach Hamburg gefahren und am gleichen Tag wieder zurück, wir haben geredet, sind durch Hamburg gelaufen, haben Kaffee getrunken, Zigaretten geraucht und was sich jetzt vielleicht romantisch anhört, war auch nicht viel besser. Dass ich sie genauso verletzt habe wie beim ersten Mal, ist mir erst später klar geworden. Immerhin sind wir heute noch Freunde, obwohl ich gut verstehen würde, wenn sie mich nie wieder hätte sehen wollen. Wollte sie nicht, vielleicht habe ich Glück gehabt. Und es hat gedauert. Zeit hilft, aber sie heilt nicht alle Wunden. Vor allem keine Wunden, die man einander nicht hätte zufügen müssen. Ich mag glauben, dass es die große, gute, wahre und richtige Liebe gibt, die, die über das Verliebtsein hinausgeht. Und genau deshalb kann es das gute und richtige Schluss-Machen nicht geben. Zwei Menschen treffen sich, verlieben sich, lieben sich, und dann entlieben sie sich gemeinsam wieder und sagen synchron, ja, es war schön, was wir hatten, jetzt ist es leider vorbei, lass uns getrennte Wege gehen? One in a Million. Vielleicht sehe ich das nur so, aber Schluss-Machen ist manchmal notwendig - aber wenn man einen Menschen geliebt hat, darf einem das Schluss-Machen nicht leicht fallen. Sonst verraten wir das, weswegen wir doch Schluss gemacht. Unser Bild der großen und wahren Liebe in unseren Köpfen – und den Menschen, der einmal dieses Bild erfüllt hat. adrian-renner Auf der nächsten Seite: Alte Liebe rostet. Abschied von einem Auto


Alte Liebe rostet Es muss während einer der nächtlichen Runden um den Block passiert sein, auf der Parkplatzsuche. Oder beim Volltanken. Oder, als mir die Innenverkleidung der Tür zum hundertsten Mal abriss, obwohl ich weiß, dass man erst das Fenster runterfahren und von oben auf die Tür greifen muss, um sie zu schließen. Plötzlich sah ich den Haarriss in der Stoßstange deutlicher als ihre schöne Form. Ich sah den Rost über dem linken Kotflügel blühen, sah den weißen Lackstreifen auf der schwarzen Tür, wo mich irgendein Idiot mal gestreift hatte. Ich fand meinen 1988er BMW 635 CSI nicht mehr groß und stattlich, sondern nur noch unpraktisch. Und wenn ich seine sechs Zylinder aufheulen ließ, dachte ich auf einmal an die Umwelt. Da wusste ich: Der muss weg. Er konnte gar nichts dafür. Er hatte sich kaum verändert. Aber genau die Eigenschaften, für die ich ihn einst liebte, gingen mir jetzt auf die Nerven. Das bedeutete nicht, dass es mir jetzt leicht fiel, ihn loszuwerden – im Gegenteil: Es nervte mich genauso, ihn zu besitzen, wie es mich nervte, mich um die Auflösung unserer Beziehung kümmern zu müssen. Halbherzig machte ich ein paar Fotos, stellte sie ins Internet und schrieb einige Zeilen dazu. Nach einer Weile kamen die ersten Anrufe. Aber statt mich zu freuen, dass ich vielleicht Geld bekomme und einen Klotz am Bein loswerde, war ich am Telefon unmotiviert und mürrisch. Trotzdem schien der dritte Anrufer ernsthaft interessiert zu sein: er sicherte mir zu, den Wagen für 3500 Euro zu nehmen, ungesehen. Wir verabredeten uns bei der Garage meines Vaters, wo ich den Wagen untergebracht hatte.

Es war Mitte November und wurde schon dunkel. Mich fröstelte. Normalerweise ist es Frühling, wenn ich den Wagen abhole... Ich stand vor der Duplex-Garage, drehte den Schlüssel der Hebe-Hydraulik, hörte das vertraute Geräusch, spürte die vertraute Vorfreude und sah, wie sich die unverwechselbare Haifischschnauze meines schwarzen Sechsers langsam aus der Versenkung hob. Da war er wieder. Und ich merkte erst jetzt, was ich getan hatte. Ich hatte ihn verkauft. Mein erstes eigenes Auto. Mit 24 hatte ich mir in den Kopf gesetzt, BMW zu fahren. Er musste schön, groß und eher selten sein. Und er musste, obwohl ich das niemals zugegeben hätte, über 200 PS haben. Ich wollte einen Sechser. Ich hatte 2500 Euro. Er kostete 4500. Den Rest lieh ich mir. Die nächsten Jahre saß ich abwechselnd hinterm Steuer oder in der Arbeit, um mir das Auto, das ich fuhr, auch leisten zu können. Nun saß ich auf dem Beifahrersitz. Auf dem Fahrersitz saß der Interessent und machte eine Probefahrt. Ab und zu fragte er etwas, ich antwortete, er scherzte, ich lächelte gequält. Dieser dahergelaufene Typ berührte ganz selbstverständlich Lenkrad und Schaltknüppel des Autos, mit dem ich von Österreich bis zur Nordsee quer durchs Land gefahren bin. In dem ich nachts auf Raststätten geschlafen habe und den Sonnenaufgang mit einem schlecht schmeckenden Tankstellenkaffee begrüßt habe. Dieses Auto, das meine Mutter und ich zusammen getauft hatten, mit einem Piccolo: ich musste ja noch fahren. Sie war ebenso stolz gewesen wie ich. Nach einer Weile hielt der Interessent an: „Er ist schlechter als ich dachte. Sagen wir Zweitausendfünfhundert?“ In diesem Moment wäre ich gerne allein gewesen. Auf dem Fahrersitz, Parkplatz suchen. heinz-helle Auf der nächsten Seite: Eine Nase kann man nicht verraten. Eine Autorin trennt sich von einem Körperteil


Eine Nase kann man nicht verraten Sie saß seit über 20 Jahren in meinem Gesicht, bevor ich beschloss, mich von ihr zu trennen. Bis dahin hatten wir eine Beziehung, die eher auf Gewöhnung basierte, als auf Liebe. Der Abschied fiel nicht besonders schwer. Ich war nie besonders unglücklich mit meiner Nase, aber auch nie besonders glücklich. Bis zur Pubertät war sie ein Körperteil wie jedes andere, dann fing sie plötzlich an zu wachsen, viel schneller, als Lippen, Augen oder Wangenknochen. Mit 18 war sie ausgereift. Groß und prominent thronte sie mitten auf meiner Visage. Der Rest des Gesichts kam irgendwie nie nach. Ein bisschen schief war sie auch noch, schon seit der Grundschule. Im Schwimmunterricht spielten wir einmal Tiefseetaucher. Und das ging so: Wer als erstes auf dem Beckenboden ankam, hat gewonnen. Meine Nase war Sieger. Sie berührte als allererste den Grund, mit einer solchen Wucht, dass es knackste und das Chlorwasser sich in ein hübsches pink färbte. Es war das erste Mal, dass ich bewusst das Vorhanden-Sein dieser Nase wahrnahm. Das erste Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte. In der S-Bahn zum Krankenhaus gehe ich sie noch einmal durch: Sommersprossige Zeiten. Verschnupfte Zeiten. Pickelige, verzweifelte Teenager-Zeiten, als ich versuchte, Nasen-Mitesser mit Clerasil wegzuätzen und sie gleich mit dazu.

Das vorletzte Kapitel unseres Werdegangs ist der Besuch beim HNO. Eigentlich war ich wegen den Ohren da. Aber zum Abschied steckte mir der Arzt noch etwas Metallenes in die Nasenlöcher und schaute sich den Inhalt an. Das Urteil: „Septumdeviation“. Es hörte sich sehr schlimm und wichtig an. Übersetzt bedeutete es bloß, dass die Trennwand zwischen den Nasenlöchern im falschen Winkel stand. Die Krankenkasse würde die Kosten für das Geradestellen-Übernehmen. Man könnte bei der Gelegenheit doch…? Am Abend vor der OP schaue ich lang Fotos an und versuche meine Nase aus der Meta-Perspektive zu betrachten. In der ganzen Fotokiste gibt es keine Aufnahmen von mir im Profil. Ich hasse meine Seitenansicht. Macht es aus mir einen neuen Menschen, wenn sie plötzlich zu meiner Schokoladenseite wird? Ist es Verrat an sich selbst? Müsste man sich nicht lieben wie man ist, in guten und schlechten Zeiten, die guten und die schlechten Körperteile? Tiefsinnige Meta-Überlegungen klappen nicht. Vielmehr strömen in meinen Kopf Gedanken wie: Sucht man sich die neue Nase im Katalog aus? Was ist, wenn sie mir so eine machen, wie bei Viktoria Beckham? Muss ich alte Fotos verbrennen, damit niemand beweisen kann, dass jemand in meinem Gesicht gewerkelt hat? Tiefsinn klappt erst im Narkoseraum. Vielleicht ist es auch Panik. „Ich schneide mir ein Stück meines Ichs ab“, denke ich und bin augenblicklich weg. Es ist der Anfang des letzten Kapitels. Als ich mit Gesichtsgips aufwache, schmerzt das Lebe-Wohl ein bisschen. Aber das ist vermutlich normal, wie bei verlassenen Wohnungen oder toten Haustieren. Immerhin hat sie mich über 20 Jahre lang begleitet. Die Autorin möchte anonym bleiben Auf der nächsten Seite: Liebe aus Gewohnheit ist auch Liebe. Acht Jahre in derselben Wohnung und die Folgen


Liebe aus Gewohnheit ist auch Liebe Es war der Muff von tausend Jahren. Ich übertreibe, es waren an Jahren acht gewesen. Acht Jahre Leben, ein Tag putzen. Tags zuvor hatten wir die Möbel ausgeräumt, heute mussten wir sauber machen, um die Wohnung besenrein zu übergeben. Eine halbe Stunde lang schrubbte ich schon an dem Türrahmen herum. Nichts passierte; der gelbe Nikotinschimmer haftete fest wie die Erinnerungen. Es war meine erste eigene Wohnung gewesen. Als mein bester Freund und ich einzogen, kostete sie 800 DM und war für München so billig wie ein Ein-Euro-Döner. Dass sie mit 40 Quadratmeter für zwei Personen ziemlich klein war und die Böden mit grauem PVC belegt waren, dass im vermauerten Hinterhof Ratten hausten und der Hausmeister gerne mal einfach so klingelte, um nach dem Rechten zu fragen – all das war damals so nebensächlich wie ein Pickel auf der Nase eines Mädchens, in das man frisch verliebt ist. Als ich einzog, war ich 19 Jahre alt und gerade Zivi. Als ich auszog, hatte ich mein Studium beendet.

Ich schrubbte weiter an dem Türrahmen. Irgendwann musste der fahle Schimmer verschwinden. Bilder aus den Jahren zogen vorbei. Auf der ersten Party, die wir feierten, schlief mein Bruder – immerhin 1,92 Meter – in der Badewanne, Michael kotzte vom zweiten Stock ins Treppenhaus und jemand brachte Spacekekse mit, von denen Miriam dann unwissend einen zuviel aß. Drei Jahre später krabbelte nachts auf plötzlich ein Käfer über den Küchenboden. Die Käfer wuchsen und vermehrten sich. Irgendwann waren es Kakerlaken und sie hatten ein Nest hinter unserem Kühlschrank. Ich glaube damals hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, es sei Zeit für Veränderung. Es folgten aber noch fünf weitere Jahre, in denen Mädchen übernachteten, Freunde am Küchentisch Bier tranken, jemand von der GEZ und ein Gerichtsvollzieher vorbei kamen und das Klo verstopfte. Eine Wohnung, in der man zu lange lebt, ist wie eine Beziehung, die ihre Halbwertszeit überschritten hat. Eigentlich, denkt man sich, eigentlich ist die Luft raus. Doch Gewohnheit, Bequemlichkeit und die Vergangenheit sind ein starker Kitt, den man zu unterschätzen neigt. Man wartet auf den großen Knall, einen äußeren oder inneren Anlass, eine Initialzündung, die das Trägheitsmoment überwindet und zum Abschied zwingt. Doch der kommt nicht. Stattdessen trägt ein bequemer Trott einen Menschen durch die Jahre. Es ist nicht schlecht, und besser sein könnte es ja immer – so das tröstende Mantra. Damit lebt man ein gutes Leben. Aber nicht das beste. Im Nachhinein sieht alles leichter aus. „Nie wieder“, sage ich mir dann. „Nie wieder aus Bequemlichkeit und Gewohnheit mit einem Mädchen zusammen bleiben. Nie wieder aus Faulheit in derselben Wohnung wohnen bleiben.“ Aber so einfach ist es nicht. Gewohnheit ist ein Teil des vielschichtigen Gefühlskomplex, den wir Liebe nennen. Nach einer halben Stunde Schrubben mit der immergleichen Handbewegung lüftete sich der Nikotinschleier ein wenig. Da hinter wurde es weiß. Es warteten noch drei andere Türrahmen.

Text: philipp-mattheis - Heinz Helle, anonym, Adrian Renner

  • teilen
  • schließen