Sammeln sie Herzen? Eine kleine Supermarkt-Typologie

Fast jeden Tag verbringt man ein paar Minuten in einem Supermarkt - und fühlt sich dort irgendwie. Höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme der Atmosphäre zwischen Fleischtheke und Kasse!
fabian-fuchs

Edeka Hier hat man ja immer das Gefühl, dass alle Angestellten miteinander verwandt sind und der Laden irgendwie zur Familie gehört. Dafür spricht auch das recht ordentliche Gesamtbild, das leider auch leicht inzestuöse Befangenheit zwischen den Regalen verströmen lässt. Wer auf dem Land aufgewachsen ist, hatte meist einen kleinen Edeka als Sehnsuchtsort, wo es eine Scheibe Wurst über die Theke gereicht gab und eben jede Menge Süßkram vor der Kasse. Nicht sehr gefällig sind der teutonische Name und der Umstand, dass hier nach Kleingeld kramende Omas die Hauptkundschaft bilden. In Edekas, stellt man sich vor, können auch jederzeit maskierte Gangster eindringen und ein Blutbad anrichten - etwas, das in einem Lidl undenkbar wäre. Schön wiederum ist, dass die Edeka-Märkte sich nur sympathisch langsam an die Sterilität der Supermarktmoderne gewöhnen und Schriftzüge und Tüten immer noch aussehen, als wäre es 1985 und alles gut. Kauft man hier: Bärenmarke-Kondensmilch, Aufschnitt. An der Kasse sitzt: Die Marktleiterin, eine resolute Mittfünzigerin mit Strähnchen und Brille zum Drüberschielen


Plus Balanciert ja stets zwischen totalem Trashladen und dem irgendwie gemütlichem Discounter aus der Nachbarschaft. Letztlich auch der Supermarkt des kleinen Mannes, wo es nahezu nie normales Bier gibt, aber immer eingelegtes Grillfleisch im Sonderangebot und mit unseriösen Marinaden. Plus-Märkte sind eindeutig an engsten und klaustrophobischsten angelegt, was dem Frischgemüse besonders zu missfallen scheint - jedenfalls ist es meist in bedenklichem Zustand oder einfach komplett weg. Durch die palettenweise Aufnahme von Non-Food-Aktionsprodukten wurde die Raumsituation in den meisten Plus-Märkten derart schwierig, dass Plus-Profis heute ihren Einkauf erledigen, während sie in der Kassenschlange stehen. Angenehm gestaltet ist die Bio-Linie, widerwärtig dagegen die Vital-Linie. Die Steinfliesenfußböden im Plus sind jedenfalls immer phänomenal schmierig und ein Einkauf am Samstag gegen 19 Uhr vermittelt genau das Gefühl von urbaner Verwahrlosung, das man für den Start in den Abend braucht. Kauft man hier: Sein komplettes Leben oder nur Weinbrandbohnen An der Kasse sitzt: Dauernörgelnde Rumänin mit stahlhartem Griff oder der magersüchtige und semmelblonde Filialleiter.


Tengelmann Will ja so etwas wie der Mercedes unter den Supermärkten sein und fährt deswegen etwa genau so viele Sympathiepunkte ein - ach nein: Herzen! Die geisteskranken Maskottchen Frosch und Schildkröte von anno tobak sind heute einem komplett gesichtslosen Auftritt gewichen. Auffallend sind jetzt vor allem die Preise, es ist wahnsinnig schwer beim Tengelmann weniger als 15 Euro an der Kasse zu zahlen. Die Tchibo-Ecke, in der es immer so Alpenfestung-Dessous gibt, trägt nur unwesentlich zum Wohlfühlmoment der Einkäufer bei. Fein hingegen ist, dass sich hin und wieder regionale Produkte eine Ecke erkämpfen können und man tatsächlich alle Zutaten für eine durchschnittliche Johan-Lafer-Vorspeise bekommt – eine Aufgabe mit der man bei alle anderen Supermärkten scheitert. Kauft man hier: Schwarze Oliven ohne Kern, Rinderbraten, Schnürsenkel An der Kasse sitzt: Ein unfreundlicher Schüler, dem der aufgestellte Polokragen unter dem weißen Kittel hochkommt.


Lidl Eigentlich super, weil optimiert für anonymes, unkompliziertes Geldausgeben bzw. Lebensmittel einschaufeln – ohne die Aldi-Marken-Irritation. Fehlt eigentlich nur noch, dass man mit dem Auto direkt durch die Regalreihen fahren kann. Wie für Discounter üblich, frei von jeglichem Charme bzw. Menschlichkeit, aber dafür umso kontrastreichere Bühne für die Typen, die hier so tagtäglich durchtaumeln. Das beste Schauspiel bieten samstags die Großfamilien, bei denen Vati zwar das Geld hat, aber nur Mutti Ahnung, was man essen kann. Immer wieder überraschend üppiges Obst- und Gemüseangebot, das dazu verlockt, doch mal Physalis und Auberginen zu kaufen, die man dann eine Woche später unverzehrt entsorgt. Einen gewissen Kick stellen die buffetartigen Sonderpostenflächen mit Pantoffeln, Kleintraktoren und Reserva-Weinen aus Chile dar. Hier lassen sich gut noch mal Isolierband und ein Geschenk für Oma (z.B. Olivenbäumchen) mitnehmen. So richtig unangenehm wird es bei Lidl nur, wenn trotz der Akkordarbeiter an den Kassen die Stauungen massiv werden und man gezwungen ist, in die Wagen und Leben der Mitkäufer zu blicken. Entschädigung ist dafür das abermalige Erlebnis, dass ein krachvoller Einkaufswagen nur 34,50 Euro kostet. Kauft man hier: 5kg-Sack Zwiebeln, Klopapier, Katzenfutter An der Kasse: Ein meistens erstaunlich netter Roboter


Penny Der Schillernste unter den Supermärkten und ein Zwitter: klein wie ein klassischer Supermarkt, voll gestopft und laut wie ein Discounter. Das Kaputteste findet man hier - in und zwischen den Regalen. Aber irgendwie schlägt auch ein Herz, zum Beispiel gibt es diesen absurden Backofen mitten in den Filialen, in dem das Brot aufgebacken wird – deswegen riecht es fortwährend unfassbar gut und der Duft übertüncht so manche Fahne. Hier kauft man für Partys ein, die ausarten dürfen oder den Proviant fürs Festival. Und dabei entdeckt man manche Produkt-Absonderlichkeiten, die hier die Zeit überdauern - Bayerisch Blockmalz oder so etwas. Kauft man hier: Underberg, Zutaten für Chili con Carne An der Kasse: Mischung aus Tante Emma und Schwarzem Sheriff

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