Scheinheilig Abend

Dauersingle, Langzeitpaar, Frischgetrennter: Egal, welchen Beziehungsstatus du gerade hast - an Weihnachten mit der Familie wird alles besonders schlimm. Eine Handreichung zum Überleben des Feiertags-Martyriums.
katharina-elsner

Die Frischgetrennte  

So wirst du begrüßt:
"Awwww, komm her!" Beim ersten Blick auf deine Mama in der Haustür brichst du in Tränen aus. Dabei hast du die ganze Zugfahrt über an deiner Contenance geübt! Aber bei der Vorstellung, dass ihr letztes Jahr hier noch zusammen unterm Tannenbaum gesessen habt, verlierst du jede Selbstbeherrschung. Du bist allein. Für den Rest deines sinnlosen Lebens. Dass immerhin deine Eltern dich noch lieben, ist da kein Trost: Was bleibt denen auch anderes übrig?  

So verläuft der Abend:
"Kind, jetzt iss doch was. Du bist schon ganz abgemagert", lächelt deine Mutter und packt dir noch ein Stück Keule auf den Teller. Bei der traditionellen Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Runde verzählen sich deine Eltern andauernd absichtlich und lassen dich dreimal hintereinander gewinnen. Der Abend endet in deinem ehemaligen Kinderzimmer, in dem du dein altes Dino-Kopfkissen nassweinst.  

Das bekommst du geschenkt:
Geld, Geld, Geld, denn deine Eltern wissen: Konsum macht (zeitweise) glücklich.  

Dieser Satz fällt auf jeden Fall:
Von Mama: "Kopf hoch, das Leben geht weiter." Von Papa: "Ich wusste es schon immer, der Kerl ist nichts für dich."  

Das bedeutet er:
"Kind, such dir lieber einen Mann mit Geld. Oder einen Handwerker."  

So überstehst du den Abend:  
Die größte Gefahr stellt dein Smartphone darf. In keinem Fall solltest du auf "Ich will dich zurück"-Nachrichten hoffen oder, noch schlimmer, solche schreiben. Unterstützender Alkoholkonsum ist trotzdem zu empfehlen. Dann hast du eine Ausrede, um die Mitleidsrunde Nummer zwei beim Frühstück am nächsten Morgen zu verpassen.



Der Frischverliebte  


So wirst du begrüßt:
Mutti und Vati lauern schon hibbelig an der Haustür, als ihr ankommt. Schließlich freuen sie sich schon seit sechs Wochen darauf, das Mädchen kennenzulernen, von dem du ihnen bislang nur äußerst andeutungshaft am Telefon erzählt hast. Dich drücken sie hart und herzlich, deine neue Freundin erntet von deiner Mutter breites Strahlen und einen Händedruck mit beiden Händen. Als dein Vater sie etwas linkisch begrüßt, siehst du, wie deine Mutter verstohlen einen skeptischen Scannerblick auf deine Liebste wirft.  

So verläuft der Abend:
Stolz platziert deine Mutti die Weihnachtsgans auf dem Tisch, während das Lächeln deiner Flamme kaum merklich versteinert. Hattest du etwa vergessen zu erwähnen, dass sie Frutarierin ist? Als dein Vater nach der vierten Feuerzangenbowle anfängt, sie mit dem Namen deiner Ex anzusprechen, weist du darauf hin, dass ihr "jetzt wirklich total müde von der langen Fahrt" seid und dringend ins Bett müsst.

Das bekommst du geschenkt:
Deine Eltern haben einen Gutschein für ein Wellness-Wochenende für zwei besorgt. Oder einen Tandem-Bungeesprung. Jedenfalls etwas, das man zu zweit machen kann. Dass deine neue Freundin in der Sauna Hitzepickel bekommt und unter Höhenangst leidet, können sie ja nicht wissen.

Dieser Satz fällt auf jeden Fall:
"Und, was machst du so?"  

Das bedeutet er:
"Also, die Jana (deine Ex und der Traum deiner Eltern) hat Medizin studiert und nebenbei drei Mal die Woche bei den Klinikclowns mitgemacht. Und du kommst also gerade von einer Weltreise zurück und studierst jetzt Ägyptologie... Was, äh, macht man denn damit?"  

So überstehst du den Abend:
Du positionierst deine neue Freundin taktisch geschickt gegen deine Ex, indem du sie drängst, die Geschichte zu erzählen, "wie du in Australien das Kind mit dem Schlangenbiss gerettet hast! Und wie war das eigentlich, als du da auf der 'Arctic Sunrise' im Polarmeer unterwegs warst?" Deine Ökostrom-beziehenden Eltern sind am Ende des Abends wenigstens davon leicht beeindruckt.    


Der Dauersingle

So wirst du begrüßt:
Gar nicht. Kein "Hallo", als du die Haustür aufschließt, niemand empfängt dich. Stattdessen wartet im Flur ein Berg von Koffern und Kinderspielzeug. Aus dem Wohnzimmer hörst du in hochtönender Babysprache die Stimme deiner Mutter. Dort sitzt die Familie duzi-deizend um das Neugeborene deiner Schwester.  

So verläuft der Abend:
Das Baby wird am Tisch von einem Verwandten zum nächsten gereicht, wo es mit großer Ausdauer auf Blusen sabbert und an Haaren zieht. Finden alle ganz reizend. Du hast dir schon drei Mal wegen der Kinderkeime die Hände gewaschen, jetzt bekommst du keinen Bissen herunter. Den Wein dagegen umso besser!

Das bekommst du geschenkt:
Von deinen Eltern: eine Besteigung des Kilimandscharo für Alleinreisende. Von deinem vorwitzigen kleinen Bruder: eine Kuchenmischung mit dazugehöriger Backform "Back dir deinen Traummann. Mit Antihaftbeschichtung".  

Dieser Satz fällt auf jeden Fall:
In betont beiläufigem Ton: "Und...was macht die Liebe?"  

Das bedeutet er:
"Was haben wir nur falsch mit dir gemacht?"

So überstehst du den Abend:
Das pausbäckige Sabbel-Balg deiner Schwester bündelt dieses Jahr die meiste Aufmerksamkeit der Verwandten – zum Glück! So kannst du dich nach der Bescherung verdrücken, um, wie jedes Jahr, in der alten Stammkneipe ehemalige Schulfreunde wiederzusehen und mit drei bis sechs Bieren den Weihnachtsfrust hinunterzuspülen. Am Ende landest du, wie jedes Jahr, in den Armen deines Mittelstufenfreunds Malte-Carsten. Wenn du am zweiten Weihnachtsfeiertag wieder auf dem Heimweg in deine Stadt bist, weißt du: Schlimmer wird das Single-Leben die nächsten 362 Tage auf keinen Fall.  



Der Langzeitpartner  

So wirst du begrüßt:
"Na ihr zwei?" In verschworener Eintracht stehen deine und die Eltern deiner Freundin vor eurer Haustür. Denn: Ihr teilt euch an Weihnachten nicht mehr auf, sondern führt als Paar die Familien in eurer gemeinsamen Wohnung zusammen.  

So verläuft der Abend:  
Dein künftiger Schwiegervater Volker schneidet, wie immer, die Gans an, während eure Mütter Anekdoten der letzten drei Silvesteressen zum besten geben. Später planen die Mütter in der Küche den nächsten gemeinsamen Jahresurlaub zu sechst – beziehungsweise zu siebt, denn dann wird ja wohl hoffentlich Nachwuchs da sein, wie sie mit vielsagendem Blick in Richtung deiner Freundin anfügen.  

Das bekommst du geschenkt:
Ein Teeservice für die Glasvitrine und den Ratgeber "Wir sind schwanger! So klappt es auf jeden Fall."  

Dieser Satz fällt auf jeden Fall:
"Wir würden uns ja schon über ein Enkelkind freuen, ihr doch auch, Eckhard und Inge, oder?"  

Das bedeutet er:
"Nächsten Herbst geht Papa doch in Pension - da wird uns ja nun doch etwas langweilig. Den kleinen Wutzler könnten wir uns dann ja super teilen, wenn ihr mal in Urlaub wollt..."  

So überstehst du den Abend:
Tief durchatmen und nicken. Und nett lächeln, selbst wenn Inge später mal wieder die beste Stellung zur Empfängnis erklärt. Denn spätestens um Mitternacht endet das Kreuzverhör - alle Gäste schlafen im Hotel. Denn zum Glück wissen Inge, Eckhard und Volker: Um dem Wunsch nach einem Enkelkind nachzukommen, müsst ihr üben, üben, üben.

Text: katharina-elsner - Illustration: Yinfinity