Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

Schnell ein Arzt! Ich habe Touchmanie

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Name Touchmanie

Symptome Der Patient tippt mit seinem Zeigefinder auf alle Bildschirme, die sich ihm bieten. Es geschieht beim Geldabheben, im Angesicht veralteter Erklär-Bildschirme in Technikmuseen oder während Langstreckenflügen beim Schauen von Filmen. Dem Touch auf den Bildschirm folgt dabei stets eine enttäuschte Reaktion. Die Enttäuschung über die rückständige Technik hält sieben Sekunden an. Pathogenese Sogenannte Smartphones mit berührungssensiblen Bildschirmoberflächen ändern den Zugang zu Technik. Der Finger wird zum Handwerkszeug und das Touchen zur Kulturtechnik. So sieht es das Feuilleton. Die Realität schert sich einen Dreck um diese Errungenschaft und bleibt unberührt. Der Smartphone-Toucher wird krank. Typischer Satz des Patienten „Ach so, da muss man noch so Buttons drücken.“ Reaktion der Umwelt „Fass mich nicht an!“ Mögliche Behandlungsmethoden Einwöchige Tastenkur mit Schreibmaschine und rituellem Tippen an die Stirn.


Name Early Adopter Fatigue

Symptome Diese Krankheit ist heimtückisch, weil sie dem Erkrankten einerseits ein übersteigertes Selbstwertgefühl beschert, seine Laune aber andererseits maßgeblich verschlechtert. Im Verlauf der Krankheit reduzieren sich die sozialen Kontakte so, dass am Ende nur noch Freundschaften mit anderen Befallenen möglich erscheinen. Pathogenese (Entstehung der Krankheit) Die Krankheit ist in der Medien- und Internet-Branche verbreitet. Sie befällt vor allem Menschen, die sich von Berufs wegen mit neuen Phänomenen befassen müssen oder solche, die ihr Selbstverständnis und Standing in der „Szene“ aus der Tatsache ziehen, dass sie im Schnitt einen Monat früher von Trends und Moden wissen als der durchschnittliche Fußgängerzonen-Geher. Die Krankheit beginnt oft harmlos mit einer zufällig entdeckten Website oder einer technischen Neuerung, die auf sogenannten „amerikanischen Blogs“ gezeigt wurde. Der Erkrankte spürt beim Entdecken eine diebische Freude und ein unerklärliches Überlegenheitsgefühl anderen Menschen gegenüber. Da der Erkrankte dieses Gefühl möglichst bald wieder erleben möchte, widmet er seine Freizeit dem Absurfen einschlägiger Websites. Typischer Satz des Erkrankten „Hast du das auch schon entdeckt? Dann müsste meine Oma ja spätestens morgen auch bescheid wissen.“ Reaktion der direkten Umwelt Angehörige reagieren zu Beginn verschüchtert auf die Anwandlungen des Erkrankten und können in devoter Haltung erstarren. Sie sollten jedoch dazu übergehen, dem Erkrankten eine robuste Ignoranz entgegen zu bringen. Nur so besteht Hoffnung auf Besserung. Mögliche Behandlungsmethoden Die Behandlung besteht vor allem darin, dem Erkrankten den Zugang zum Internet zu verbieten und die Lektüre von Magazinen wie dem „Stern“ zu verordnen.


Name Google-Alzheimer

Symptome Akute Erinnerungsschwäche sobald die Google-Eingabemaske auf dem Bildschirm erscheint. Der Patient erinnert sich noch, dass er etwas bei Google suchen wollte, kann aber nicht mehr angeben um welchen Begriff oder welches Themenfeld es sich handelte. Erhöhter Leidensdruck, weil er sich sicher ist, dass es etwas Wichtiges war. Als Übersprungshandlung wurde gelegentlich die verzweifelte Eingabe von Ersatzbegriffen wie „Ich“ oder „Salbei“ beobachtet. Pathogenese Überlastung des Google-Reflexes bzw. Überlagerung mehrerer Suchwünsche die sich gegenseitig blockieren. Zwanghaftes Aufrufen der Google-Startseite auch wenn gar kein konkreter Suchbefehl ausgeführt werden soll. Typischer Satz des Erkrankten „Was wollte ich denn jetzt gerade googlen?“ Reaktion der direkten Umwelt „Google halt was anderes, zum Beispiel, ob es das Wort Mondscheiß gibt. Weil wenn nicht, hätte ich das quasi gerade erfunden.“ Mögliche Behandlungsmethoden Wenig hilfreich ist es, dem Erkrankten zu schildern was man selber den ganzen Tag gegooglet hat und wie einfach das doch war. Stattdessen empfiehlt sich langsames Zurückgehen der Denkschritte und ein paar Glas frische Luft.


Name Lebenslauf-Borderline

Symptome Surfurlaube werden zu „Praktika in der Tourismusbranche“ umgedeutet und ein Job als Zeitungsausträger wird im Lebenslauf zur „mehrjährigen Berufserfahrung im Verlagswesen“: Patienten mit diesen Verhaltensweisen pressen aus ihren Leben das letzte Blut und malen damit ihre Lebensläufe. Pathogenese Die Rezession hockt auf der Welt wie ein nackter Geier und geht nicht weg. Für immer weniger Jobs gibt es immer mehr hammermäßig ausgebildete Hochschulabsolventenbewerber mit Lebensläufen, die besser gefüllt sind als der Sack des Weihnachtsmannes. Mitunter sind die Angaben in den Biografien aber auch verderblich oder gar nicht mal erlebt. Typischer Satz des Patienten „Am Wochenende Party bei dir an der Ostsee? Bist du nicht beim Roten Kreuz? Kannst du mir dann vielleicht ein Zeugnis über nen Erste Hilfe-Kurs ausstellen? Reaktion der Umwelt „Bei dir ist auch viel Lauf und kein Leben, hm?“ Mögliche Behandlungsmethoden Keimende Altersweisheit.


Name Kindernamen-Amnesie

Symptome Beim Wiedersehen mit den Kleinkindern von Freunden „friert der Patient ein“. Es entsteht eine Standbildsituation, weil das Gehirn bei Ausnutzung der vollen Serverkapazität Kolonnen mit Vornamen scannt, um Deckungsgleichheit mit dem optischen Eindruck zu erzeugen. Das Problem besteht darin, dass die optischen Eindrücke von Kleinkindern für den Patienten meist indifferent sind. Phänotypische Merkmale, die eventuell von den Eltern vererbt wurden (Riesennase, blondes Haar) sind im Kleinkindalter noch zu gering ausgeprägt, um Trennschärfe zu anderen Kleinkindern zu erzeugen. Pathogenese Gegen Ende des dritten Lebensjahrzehnts gehen Paare länger dauernde Bindungen ein und zeugen Kinder. In manchen Freundes- und Bekanntenkreisen ist von Bevölkerungsexplosionen berichtet worden. Kinderlose Menschen in diesen Kreisen werden in dieser Phase zu Patienten und leiden unter Kindernamensamnesie, weil für sie Kleinkind gleich Kleinkind ist. Typischer Satz des Patienten (beim Wiedersehen) „Ahhh, da isse ja, die kleine, ach Quatsch, der kleine ... (Standbild) ... Na? Du?“ Reaktion der Umwelt „Jonas. Er heißt Jonas.“ Mögliche Behandlungsmethoden Es gibt zwei erprobte Varianten. Die erste geht davon aus, dass der Patient im Rahmen einer selbsterlebten Mutter- oder Vaterschaft mehr Interesse an Kleinkindern gewinnt und aus einem gewachsenen Verständnis heraus gewillt ist, auch fremde Namen auswendig zu lernen. Die zweite Variante bedeutet, dem Patienten und seiner Krankheit soviel Verständnis wie einem Kleinkind entgegen zu bringen.

Text: peter-wagner - mit Christina Waechter und Max Scharnigg; Illustration: Katharina Bitzl

  • teilen
  • schließen