Schneller, flacher, Intel: Apple will cool bleiben

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„Jahrelang war der Intel-Chip in PCs gefangen“, so beginnt der neue Werbespot, der die Zusammenarbeit der Computerfirma Apple und dem Chiphersteller Intel ankündigt. „Eingesperrt in öde kleine Kisten, wo er öde kleine Aufgaben verrichtete. Ab heute wird der Intelprozessor befreit – und ein Leben in einem Mac führen dürfen“.

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Illustration: Julia Schubert

Solch pathosgefärbten Worte ist man von Apple spätestens seit dem legendären „1984“-Werbespot gewöhnt, und so sparte sie Steve Jobs auch nicht, als er am Dienstag bei der Keynote zur diesjährigen Macworld-Konferenz in San Francisco einen neuen Computer vorstellte: Das „Macbook Pro“ ist ein Nachfolger des Powerbooks – nur eben mit einem Intelprozessor ausgestattet, was es vier- bis fünfmal schneller macht und mit einer Dicke von nur noch 2,6 Zentimeter zum dünnsten Mac-Notebook aller Zeiten. Mit Katzen- und Mitbewohnersicherung Die vielleicht schönste Neuerung ist eigentlich nur eine Winzigkeit, die jedoch die Liebe zum Detail verrät, die Apple-Chefdesigner Jonathan Ive und sein Team schon immer auszeichnete: Das Stromkabel wird nicht mehr in das Notebook eingesteckt, sondern mit einem starken Magneten nur noch daran „angeklebt“. Die so genannte „MagSafe“-Technik sorgt somit dafür, dass egal wie viele Katzen oder betrunkene Mitbewohner durchs Zimmer rennen – nie wieder wird jemand den Computer dadurch vom Tisch fegen, dass er über das Stromkabel stolpert. Auch die iMacs werden mit den neuen Intel Dual Core Prozessoren ausgestattet und damit zwei- bis dreimal so schnell sein wie zuvor. Eigentlich sollte die Zusammenarbeit erst im Juni diesen Jahres zu fertigen Produkten führen – nun werden die iMacs schon ab sofort und die Macbooks ab Februar verfügbar sein. Weitere Neuigkeiten, die Steve Jobs im Moscone Center in San Francisco vorstellte, umfassen: - eine iPod-Fernsteuerung mit eingebautem FM-Radio - eine neue Version der Programmsuite iLife mit Funktionen wie Photocasting (Podcasting für Fotos) und einem Podcast-Studio für das Musikprogramm GarageBand - das neue Programm iWeb, das Teil des iLife-Pakets ist, und die einfache Erstellung von Websites ermöglicht Die vielfach erwarteten Billig-iBooks für einen Tiefpreis von rund 500 Dollar wurden ebenso wenig Realität wie die erhoffte Spielfilm-Großoffensive für den Video-iPod. Geheime Fotos auf dem Spülkasten Dabei sind die Internet-Gerüchte, die im Vorfeld um jede Keynote von Steve Jobs entstehen, schon längst so legendär wie die vorgestellten Produkte selbst. Hobbydesigner basteln mühevoll ihre eigenen Visionen, fotografieren sie und stellen die Bilder dann mit Geschichten ausgeschmückt ins Netz, die sich ungefähr so lesen: „Ich arbeite bei Apple und konnte einen der neuen Mac Minis kurz mit auf die Toilette nehmen und fotografieren – entschuldigt, dass das Bild so unscharf ist“. Aber die Gerüchte sind mehr als nur purer Zeitvertreib der oft sektenhaft anmutenden Macgemeinde: Sie sind auch eine Art Marktforschung. Oder um es mit dem früheren Softwareentwickler und –manager Paul Boutin zu sagen: „Wenn es über einen bestimmten Produkttyp vor der Macworld kein Gerücht gibt, ist er es vermutlich auch nicht wert, ihn zu bauen“. Ein gutes Beispiel dafür ist das iPhone: War ein weißes, glattes Telefon im iPod-Look vor einem Jahr noch eines der heißesten Gerüchte, so redete dieses Jahr im Vorfeld der Keynote niemand davon – ein klarer Beweis, dass nach der Motorola-Kooperation niemand mehr Interesse daran hat. Andererseits erzählt kaum jemand Gerüchte weiter, an die er insgeheim nicht glaubt – oder auf die er nicht wenigstens hofft. Die Zusammenarbeit mit Intel war schon vorher bekannt gewesen, dass die Rechner nun schon so früh kommen, war dennoch eine Überraschung – ebenso wie die Tatsache, dass sie in die iMacs und Powerbooks, äh, Verzeihung: „Macbook Pros“, eingebaut werden. Viele hatten damit gerechnet, dass zuerst die iBook-Klasse und die billigen Mac Minis damit ausgestattet würden. Apples Kampf gegen die Uncoolness Abzuwarten bleibt, ob Apple im gerade begonnenen Jahr wirklich seine Coolness verliert, wie immer mehr Kritiker befürchten. Zu viele Bankangestellte liefen inzwischen mit weißen Ohrstöpseln herum, beklagen sie. (Kein Wunder – inzwischen werden pro Minute über 100 iPods verkauft - über 32 Millionen waren es 2005). Zu lang seien die Schlangen von Menschen, die in den Apple Stores und Partnergeschäften kaputte Geräte auf den Servicetresen legten. Zu viele Zeitungsartikel über den „iPod-Schick“ seien von ergrauten Manufaktumkunden verfasst worden, die stolz berichteten, wie sie endlich den kompetten Bob-Dylan-Backkatalog bei sich tragen könnten und nicht müde wurden, Nick Hornby für die lässigste Sau der Welt zu halten. Die Avantgarde der Elektromusiker, die fast ausschließlich Applerechner für ihre Laptopmusik verwenden, kleben die leuchtenden Apfellogos auf den Rückseiten ihrer Arbeitsgeräte hingegen immer häufiger ab. War es 2004 noch cool, wenn in einer TV-Serie weiße Kopfhörer zu sehen waren oder Magazine statt nach den öden Platten für die einsame Insel keck fragten: „Was ist auf Ihrem iPod, Scarlett Johansson?“, winken viele heute ab – oder fragen zynisch, wie viel Apple für solche Stunts bezahlt hat. Doch obwohl die Apfelfirma im Bereich digitaler Musik binnen kurzer Zeit eine Hegemonialstellung erreicht hat, wie es sonst fast nur Technics bei DJ-Plattenspielern geschafft hatte, bewegt sich der Marktanteil im Bereich der Personal Computer nach wie vor um die wenig furchteinflößende Marke von drei Prozent. Ob sich das durch den Intel-Deal ändern wird? Wenn Apple auch die iPod-Socken damit ausstatten wird – sicherlich.

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