Schwuler Protest gegen Westerwelle

Von allen Seiten hagelt es momentan Kritik auf Außenminister Guido Westerwelle. Der Schwulenaktivist und Künstler Wolfgang Müller schließt sich mit „Gays against Guido“ an
johanna-kempter

Blaue Buchstaben auf gelbem Hintergrund – sieht nach FDP aus. Ist aber genau das Gegenteil. Der Künstler Wolfgang Müller hat sich diese Farbkombination für eine Aktion gegen Guido Westerwelle ausgeliehen. Statt „Die Mitte stärken!“ oder einem anderen FDP-Slogan heißt es auf Müllers Buttons: „Gays against Guido“. „Die FDP-Farben blau und gelb sind rein ästhetisch gewählt. Sie wurden von Grafikdesignern entwickelt. Nicht wie beispielsweise grün, bezogen auf grüne Bäume, auf Ökologie. Die Ästhetik der FDP ist völlig frei – man kann sie mit beliebigen Bedeutungen füllen“, erklärt Müller. Er empfindet sich zwar nicht als politischer Künstler, betont aber gleichzeitig, dass Ästhetik immer auch politische Elemente trägt. „Die Anfangsbuchstaben von ‚Gays against Guido’ ergeben das Wort Gag. Das Spaßmobil hat schließlich er erfunden!“, sagt Müller. Auch kein Zufall: ein englischer Slogan gegen einen Politiker, der sich mit der englischen Sprache schwer tut.

Der Künstler und Schwulenaktivist Wolfgang Müller. Bild: Tom Neubauer Müller ist nicht erst seit der Dekadenz-Debatte unzufrieden mit Guido Westerwelle. Aber sie bestätigte seine Haltung zum Außenminister: „Wenn jemand mit viel Geld negativ über Hartz-IV-Empfänger redet und ihnen Dekadenz unterstellt, muss ich mich davon distanzieren. Und mich selbst positionieren. Jemand, der den Button trägt, zeigt nämlich, wo er steht.“ Im Gegensatz zu Westerwelle, der seine Homosexualiät eher im Hintergrund hält. „Er tut so, als gäbe es keinen Zusammenhang zwischen seinem Leben und dem Rest der Gesellschaft. Aber so ist das nicht! Dass er heute als Außenminister agieren kann, ist auch Verdienst der Lesben- und Schwulenbewegung.“ Auch bei „Samstag ist ein guter Tag – Blog mit homosexuellen Tendenzen“ taucht der Schriftzug „Gays against Guido“ auf. Im Vorfeld der Bundestagswahl postete der Berliner Blogger Rainer Hörmann wahlplakatähnliche Grafiken in FDP-Farben. „Homosexualität ist noch lange kein Grund FDP zu wählen“, heißt es auf einem Plakat. Dort, wo sonst das Parteilogo prangt, steht „GAG“ – die Abkürzung für „Gays against Guido“. „Ich würde nicht sagen, dass er eine Idee von mir oder ich einen von ihm kopiert habe“, sagt Wolfgang Müller. Er habe das Blog nicht gekannt, als er im Oktober 2009 die Idee zu seinen Buttons hatte. „Manchmal gibt es ja auch Parallelen, da liegt dann wohl etwas in der Luft...“ Mit seinen Buttons will Müller auch auf den Trend zum Neo-Individualliberalismus aufmerksam machen, zu dessen Vertretern er Westerwelle zählt. „Der Neo-Individualliberalismus geht davon aus, dass wir heute in einer aufgeklärten Gesellschaft leben. Dass jeder, der fleißig arbeitet, seinen gerechten Lohn bekommt. Aber das ist ein Irrtum!“, sagt Müller. Er spricht von Männern, die ihre Homosexualität offen leben und dadurch schlechtere Karrierechancen haben als Schwule, die dezenter mit ihrer Homosexualität umgehen. Und von Frauen, die niedrigere Gehälter bekommen als Männer. „Der Neo-Liberalismus tut so, als wäre alles ausdiskutiert, als wären alle Ungleichheiten beseitigt. Auf dieser Basis zieht man dann falsche Schlüsse.“ Ein falscher Schluss ist es anscheinend auch anzunehmen, dass Deutschlands Homosexuelle geschlossen hinter dem schwulen Außenminister stehen. Wolfgang Müller gefällt der Populismus nicht, dem sich Westerwelle bedient. Er kritisiert Westerwelles konstruierte Feindbilder, mit denen der Politiker Stimmung machen wolle: „So ein Bild zu gestalten, zum Beispiel das vom Sozialschmarotzer, das ist Zündeln mit dem Feuer. Ich sage mal, ein deutscher Außenminister sollte wenigstens 60 Prozent der Bevölkerung vertreten, nicht bloß fünf Prozent. Der vertritt ja auch mich als Bürger, ich zahl ja Steuern! Geld, von dem auch er bezahlt wird. Dann kann er nicht so polarisieren.“ ++++++++++++ jetzt-Mitarbeiter Peter Wagner war gestern beim politischen Aschermittwoch der FDP in Straubing. Seinen Text liest du hier

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