Selbstgewählte Überwachung

30.000 Menschen wollen freiwillig ihre Daten an eine App rausgeben, die das Handy-Nutzungsverhalten auswertet. Dahinter steckt die Angst, internetnetsüchtig zu sein - zurecht?
charlotte-haunhorst

Der Server von "Menthal" ist überlastet. Beim Besuch der Webseite ploppt direkt ein Fenster auf, das einem mitteilt: "Die Berichterstattung, der Enthusiasmus sowie der Ansturm haben uns berührt, geehrt ..., und schlicht überfordert. Die Server kommen mit den Registrierungen einfach nicht nach. Wir haben daher die Registrierung neuer Nutzer zeitweise suspendieren müssen." Das ist insofern bemerkenswert, als dass "Menthal" eine App ist, mit der man anonymisiert seine Handy-Nutzungsdaten weitergibt. 30.000 Menschen haben sich seit dem 15. Januar 2013, dem Erscheinungstag der von der Uni Bonn entwickelten App, bereits für ihre Nutzung registriert, manche Portale bewerben sie als "Hilfe gegen Handy-Sucht". Dabei gibt die Anwendung ihrem Nutzer nur Auskunft darüber, wie oft pro Tag man das Handy angeschaltet hat, welche Apps wie lange genutzt wurden, wieviele Minuten man telefoniert und wieviele SMS geschrieben hat. Gespräche, das Surfverhalten oder Mailverläufe werden nicht aufgezeichnet, auch wird einen niemand anfeuern, das blöde Smartphone jetzt endlich wegzulegen. Aber warum reizt es uns so, vorgeführt zu bekommen, wieviel Lebenszeit wir schon wieder ins Smartphone gesteckt haben?

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Illustration: Julia Schubert

30.000 Menschen interessieren sich für eine App die ihnen Feedback über ihr Handynutzungsverhalten gibt

Dr. Christian Montag, Privatdozent in der Abteilung differentielle und biologische Psychologie der Uni Bonn, hat die App gemeinsam mit sieben Kollegen entwickelt. Die große Nachfrage überrascht auch ihn: "Wir werten das als Bestätigung, dass es am Thema Handy-Sucht ein großes Interesse gibt. Dabei ist das bisher keine anerkannte Krankheit." Die Forscher vermuten, dass die Sucht ähnlich wie Glücksspiel oder Alkohol funktioniert - Vernachlässigung des sozialen Umfelds und Entzugserscheinungen inklusive. Anders als beispielsweise der Gang zum Zock-Automaten, ist der Griff zum Handy hingegen weitestgehend automatisiert. "Viele nutzen das Handy beispielsweise auch als Uhr. Der Blick auf die Zeit wird dann schnell noch mit der Nutzung von sozialen Netzwerken oder Chats verbunden", sagt Montag. Von der App erhoffen sich die Teilnehmer somit vermutlich, selbstständig einzusehen, wenn's zu viel wird. Denn wo die genaue Grenze zwischen normaler Handynutzung und -sucht ist, müssen die Wissenschaftler noch herausfinden: "Wir wollen gar nicht technikpessimistisch sein und sagen 'Das Internet ist immer schlecht'. Im Gegenteil, oft wird man dadurch auch produktiver. Man muss halt den Punkt finden, ab dem die Kurve wieder fällt und man nur noch abgelenkt ist", erklärt Christian Montag.
http://www.youtube.com/watch?v=06IfIgfhzrs Das Werbevideo von "Menthal"

Als Lösung für dieses Problem eine App aufzusetzen, mag auf den ersten Blick ironisch wirken. Christian Montag erklärt es allerdings so: "Die App läuft nur im Hintergrund und soll dann zukünftig auch Feedback geben, wie viel Zeit man am Handy verbracht hat. Es ist quasi so, als würden wir Menschen, die abnehmen wollen, eine Waage zur Hand geben." Der Vorteil an diesem Verfahren im Vergleich zu vorherigen Studien zur Internet-Sucht: Bisher mussten die Probanden immer selbst einschätzen, wie viel Zeit sie am Gerät verbringen. "Dabei unterschätzt man das oft, weil der Griff zum Handy so unbewusst erfolgt", sagt Montag. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jun. Prof. Alexander Markowetz, einem Informatiker, wollte er deshalb ein Produkt entwickeln, das den Selbstbetrug verhindert und einen mit der Realität konfrontiert: Beim Pilotversuch mit 50 Studierenden guckten die Teilnehmer im Durchschnitt 80 Mal am Tag aufs Handy - alle zwölf Minuten bei einem 16-Stunden-Tag. In der Hälfte der Fälle wurde nicht nur auf den Startbildschirm geschaut, sondern noch weitergehend gechattet, Mails gelesen oder gesurft. Die Ursprungsfunktion eines jeden Handys, das Telefonieren, wurde allerdings nur sechs Minuten am Tag genutzt.

Diese Ergebnisse muss man natürlich abhängig vom Job betrachten, das sagt auch Christian Montag. "Ich habe jetzt auch direkt auf Ihre Presseanfrage reagiert, weil ich meine Mails ständig im Blick habe", sagt er. Medienmenschen, Manager und Politiker werden vermutlich auch von Berufswegen öfter aufs Handy starren als ein Fluglotse, der ständig superaufmerksam sein muss. Und generell ist Handy-Nutzung natürlich nicht immer sinnbefreit und eine Form der Prokrastination. Allerdings gibt es ein Ergebnis der Pilotstudie unter den Studierenden, das uns alle beunruhigen sollte: Das am häufigsten auf dem Handy verwendete Spiel war "Candy Crush Saga". Zumindest das könnten die 30.000 Teilnehmer in der nächsten Phase ändern.

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