Selfie und Selbstbild

Eine Studie legt nahe: Wer häufig Selfies postet, könnte psychopathische Tendenzen aufweisen. Ein Blick in die Wissenschaft und ein paar Gedanken zu einer paradoxen Kulturtechnik.
lucia-heller
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Illustration: Julia Schubert



Es ist nichts Neues, dass Menschen Bilder von sich schießen und sie ins Netz stellen. Allerspätestens seit der Oscar-Verleihung 2014 wissen sogar Gelegenheitsbesucher des Internets, was ein Selfie ist. Ebenfalls nicht neu ist die Vermutung, dass Leute, die dauernd Selfies posten, einen Hang zur Selbstdarstellung haben.

Neu ist allerdings, dass dieses Verhalten ein Anzeichen für ernstzunehmende psychische Störungen sein kann. Das hat soeben eine wissenschaftliche Studie ergeben. Eine Forschergruppe der Ohio State University mit 800 männlichen Teilnehmern brachte folgendes zutage: Männer, die mehr Selfies posten als andere, neigen eher zu Narzissmus als der Durchschnitt. Klingt zunächst wenig verwunderlich – bis man liest, dass die Selfie-Männer nicht nur eine größere Portion Selbstverliebtheit mitbringen, sondern sich im Schnitt auch näher an der Psychopathie bewegen als der Rest. Die ist eine Art Extremversion von Narzissmus und zeigt sich in einem Mangel an Empathie und Mitgefühl für andere Menschen. Überraschend viele Männer posteten ihre Selfies erst, nachdem sie sie eingehend verschönert hatten. Die Leiterin der Studie, die Psychologin Jesse Fox, war überrascht, dass Männer deutlich stärker von einem Phänomen betroffen sind, das „Selbst-Objektifizierung“ genannt wird. Bisher habe man diese Eigenschaft „allgemein eher Frauen zugeschrieben als Männern“. Der Begriff bedeutet, dass man den eigenen Körper nicht mehr aus seiner eigenen Perspektive, sondern aus der eines Beobachters betrachtet und wertschätzt. Die Forscherin Fox meint, dass bei Frauen und Männern der Druck wächst, online gut auszusehen. Insbesondere unsichere Menschen sind abhängig von der positiven Bewertung durch andere und nutzen die Möglichkeit, durch Selfies wieder und wieder ihre Außenwirkung zu testen. Sie spricht von einem „sich selbst verstärkenden Zirkel der Selbst-Objektifizierung“. Heißt: je mehr Selfies, desto mehr Feedback, desto mehr Selfies usw. Die Studie umfasst bisher nur männliche Teilnehmer, Fox ist allerdings an einer Nachuntersuchung mit Frauen zugange. Sie erwartet hier ähnliche Befunde wie bei den Männern, also höhere Narzissmus- und Psychopathie-Werte bei den Selfie-Begeisterten und eine hohe Selbst-Objektifizierung. Es wäre im Gegenzug aber auch vorstellbar, dass sich Selfie-Frauen von den Männern in ihrer Persönlichkeitsstruktur unterscheiden, nämlich eher unsicher sind und darauf hoffen, mithilfe von positivem Feedback auf ihre (gelungenen?) Selbstportraits einen schwachen Selbstwert aufzubessern. Was bleibt aus all dem zu schlussfolgern? Vielleicht nur, dass die Selfie-Kultur im Grunde eine völlig paradoxe ist. Mittlerweile müsste doch auch die zigtrillionste Bloggerin einmal erkannt haben, dass ihr unermüdliches Selfie-Posten bei den meisten ihrer Follower als genau das wahrgenommen wird, was es ist: Verzweifelte Komplimentfischerei. Dass im Alltag vieler Leute mehr Zeit dafür draufzugehen scheint, ihr Leben in sozialen Netzwerken zu inszenieren, als es tatsächlich zu leben, ist immerhin fast schon 'common sense'. Und dennoch nimmt das selbstverliebte Verhalten kein Ende, zu schön ist offenbar die Illusion, einfach etwas ganz Besonderes zu sein. Das es absolut wert ist, Tag für Tag wieder ein makelloses "Woke up like this" Foto von sich ins Internet zu laden. Auf dass es Likes regnen möge. Egal, von wem.




Text: lucia-heller - cydonna / photocase.de

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