Sexy Typ mit Stock im Kreuz: Das war mein Leben mit Lehrern

Niemand lernt von allein, niemand lernt nur an der Schule. Unsere Autorin erinnert sich an ihre Mentoren. Ein Rückblick in fünf Akten
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Die Grundschullehrerin

Meine Schulzeit fing nicht gut an: In Woche eins machte Frau Arnold uns nur mit Fu und Fara, zwei Kreaturen aus orangefarbenen Socken bekannt. Das war langweilig. Ich schrieb also in das neue Schreibheft meine wohl erste Alliteration: Fu haut Fara eins in die Frehse. Ich wollte Frau Arnold damit zeigen, dass ich bereits schreiben konnte und wir die Sache mit den Socken überspringen können. Frau Arnold hingegen war von meinem Vokabular schockiert, bat meine Eltern zum Gespräch und überlegte, ob ich nicht wegen noch fehlender sozialer Kompetenzen lieber in die Vorschule gehen sollte. Aber ich durfte bleiben. Dass Frau Arnold mich sonderbar fand, fiel mir nicht im Geringsten auf. Ich liebte Frau Arnold nach ein paar Wochen über alles. Nach der Hofpause machte sie, die sich am liebsten in Walla-Walla-Kleidung hüllte und immer einen langen Clip-Ohrring trug, der ihr bis zur Schulter baumelte, immer Lautzeichen wie ein Indianer – das Stichwort für uns, sie alle zu umarmen und zu herzen, bis der Mob aus Lehrerin und zwanzig kleinen Mädchen und Jungs sich in Richtung Klassenraum bewegte. Die Zuneigung hatte Gründe: * Die Süßigkeitendose, aus der wir uns jeden Freitag ein Wochenendhupferl entnehmen durften. * Sie hatte die schönste Schrift der Welt. Frau Arnold schrieb immer mit lila oder türkiser Tinte in unsere Diktathefte und Poesiealben. Mit dem Effekt, dass nach einer Weile auch die Hälfte der Mädchen in schnörkeliger Schrift - allerdings voller Rechtschreibfehler in ihre Deutschhefte krickelten. * Zum Geburtstag backte sie Kuchen und schenkte uns Seife in Tierform. Ein bisschen Frau Arnold habe ich mir durch die Jahre hin bewahrt. Meine Handschrift ist wie ihre voll von geschwungenen Schnörkeln. Eine Schrift, die noch heute ein wenig an Grundschultafel erinnert. Nach dem Abitur habe ich Frau Arnold noch einmal besucht und die Versuchung war groß, sie mit Indianerlautzeichen zu begrüßen und sie dann fest zu umarmen. Ich hab's aber gelassen. Immerhin: Eine Süßigkeit durfte ich mir noch nehmen.


Die Klavierlehrerin

Musikalisches Talent, welches meine Mutter mir wegen meiner langen Finger und der kleinen Handflächen attestierte, habe ich nicht. Vielleicht wurde es auch nur im Keim erstickt. Von Olga, meiner russischen Klavierlehrerin. Du sitze wie Sack schwere Kartoffeln, sagte sie abschätzig, als ich mich gerade darauf konzentrierte, ihr den Flohwalzer (auswendig!) vorzuspielen. Vernunft und Disziplin würden mir fehlen, sagte sie. Olga hatte die harte Petersburger Schule hinter sich. Damit sie gerade auf dem Hocker saß, wurde ihr beim Klavierüben immer ein Holzbrett hinten in den Rocksaum gesteckt. Zumindest erzählte sie mir das. Leichte Schläge mit dem Rohrstöckchen hätten ihr damals Disziplin eingetrichtert, also das, was sie bei mir vermisste. Aber ihre Ermahnungen steigerten weder meine Ehrfurcht noch meine Motivation. Ich übte, trotz täglicher Ermahnung meiner Mutter, immer nur Dienstagmittag – in der Stunde, bevor ich zu Olga musste. Eigentlich hätte sie mich auch loben können, denke ich heute. Das Geld meiner Eltern bekam sie doch sowieso! Stattdessen versuchte sie mich zu schleifen: * Meine gemalten Notenschlüssel – zu krakelig. * Die Tonleiter – ohne Gefühl. * Das erste Lied, das ich mit zwei Händen spielen konnte – ein Trauerspiel. Olgas konstant geschürzte, pink angepinselte Lippen entspannten sich nur, wenn sie selbst spielte. Die zarten Töne, die sie ihrem protzigen weißen Flügel entlockte, fand ich verzaubernd. Doch auch das weckte nicht meinen Ehrgeiz. Ich entschied mich, nicht unerheblich von meiner Vorliebe für Paddy Kelly beeinflusst, für die alternative Blechflöte aus Irland, die Tinwhistle. So kam ich zu Tina, der stark achselbehaarten Tinwhistle-Lehrerin, die trotz riesiger Brüste immer nur schlabberige Tanktops trug. Als ich dann aber auch mein letztes Kelly-Poster in den Müll befördert hatte, war es auch mit der Tinwhistle vorbei. Meine musikalische Karriere war am Ende. Mit einer Ausnahme: Den Flohwalzer kann ich immer noch auswendig spielen.


Der Tanzschullehrer

Mit vierzehn war es an der Zeit, in die Tanzschule zu gehen. Ich landete bei Thorsten. Thorstens Grinsen war betoniert und so breit, dass auch die Tanzschüler in der letzten Reihe seine strahlendweißen Backenzähne erblicken konnten. Dazu: gestärktes Hemd plus havannafarbene Hornbrille. Nur seine Känguruhlederschuhe, mit denen er souverän über das gebohnerte Parkett glitt, unterschieden ihn vom durchschnittlichen Aussehen eines Mitglieds der Jungen Union. Mit Hilfe von Thorstens energischen Zwischenrufen ("Einszwei, Chachacha und Rechtszwei, Chachacha") tanzte ich Standard in Grundschrittversion zu trashiger Chartsmusik der frühen 2000er. Dabei ging es um mehr als Tanzschritte. Und Thorsten war viel mehr als nur ein Tanzlehrer. Seine Tanzschule war der Ort, an dem die in der Pubertät befindlichen und deshalb leicht deformierten Jungs und Mädels Benimmregeln für das weitere Leben erlernen sollten. Thorsten predigte uns zwischen Hüftschwung und Wiegeschritt den Knigge! Inklusive Zurechtrücken des Stuhls für die Dame und angemessenen Umgang mit dem Dämon Alkohol. Es half nichts. Die Tanzschulparties nutzten wir, um im Gebüsch Apfelkorn zu trinken und der sonntägliche Tanztee war vor allem dazu da, Mädchenschwarm Jan-Henrik näher zu kommen. Da ist ein Stuhl nur im Weg. Das Schlimme an Thorsten waren seine kläglichen Versuche, locker zu sein. Zwischen den strikten Lehrstunden brachte er uns den so genannten „Busstop“ bei, eine Art Square Dance, der mich immer an das Unterhaltungsprogramm auf einem Kreuzfahrtschiff erinnert. Er sagte Sachen wie: „Jeder Tanz, der mit rechts für die Dame beginnt, endet auf A – außer Tango. Sonst hieße es ja Tanga.“ Dann lachte er affektiert.


Der Professor

Den Typus "Sexy Professor" hielt ich immer für ein Klischee aus Liebesschmonzetten und Daily Soaps. Doch dann begann mein Studium an der Fakultät für Sozialwissenschaft. In der Einführungsvorlesung stand Professor G., der neue Dozent aus der Schweiz hinter dem Rednerpult. Im maßgeschneiderten Anzug, mit leicht angegrauten Schläfen und einem etwas abschätzigen Blick trug er in sonorer Stimme die Powerpointfolien vor. In den ersten Wochen raunten die Studenten, dass der Professor unfassbar hohe Ansprüche hätte und unvorbereitete Studenten im Seminar auseinandergenommen würden. Wollte ich gute Noten in den Hausarbeiten? Dann sei er zu umgehen. Neben dieser Aura aus Macht und Wissen, die ihn genau wie seine „Jil Sander Sun for Men“-Wolke umgab, war seine Attraktivität ein weiterer Grund, weshalb sich Studentinnen in seiner Nähe immer etwas zu oft durch die Haare fuhren. Auf dem Wochenmarkt schlenderte er leger, den Pulli um die Schultern, mit seiner deutlich jüngeren Freundin am Arm durch die Gassen zwischen den Ständen und kaufte Filetsteak und Antipasti. Klischee olé, dachte ich. In meiner Lerngruppe, die nur aus Mädels bestand, machten wir nicht ernst gemeinte Witze über unseren sexy Professor. Doch selbst die Mütter meiner Freundinnen schienen Prof. G. ganz heiß zu finden. Ich fragte mich, warum so ein arroganter Pinsel von allen ehrfürchtig angehimmelt wird? Dann traf ich ihn selbst auf dem Flur und reagierte schüchtern. Was mich ärgerte. Im vierten Semester belegte ich mein Projektseminar bei ihm. Unfreiwillig, versteht sich. Die größte Überraschung war: Professor G. leitete ein spannendes Seminar, gab uns allen Bestnoten und schrieb mir am Ende Referenzen für Bewerbungsunterlagen. Und ich merkte: Das Klischee des "Sexy Professor" war in diesem Fall wirklich nur ein Klischee. Aus der Nähe erkannte man, dass seine glänzenden, graumelierten Haare keineswegs ein genetisches Geschenk waren. Professor G. toupierte seinen Haaransatz und sprühte seine Föhnfrisur mit Haarspray fest. Dieser Fakt nahm viel von seinem Glanz. Und ich konnte mich besser auf seine Lehrqualitäten konzentrieren.


Der Fahrschullehrer

Das Abitur war schon lange in der Tasche, der erste Uniabschluss auch. Zu meiner mobilen Unabhängigkeit fehlte also nur noch der Führerschein. Fahrlehrer kannte ich bis dato nur aus Erzählungen und aus dem Film „Happy-Go-Lucky“. Mein Fahrlehrer Herr Rolfsen („Nenn mich einfach Rolli“) war aber anders als der im Film. Etwas älter, etwas gelassener und er machte keine rassistischen Bemerkungen. Rolli war dafür einer von der sexistischen Sorte. Er instruierte mich in der ersten Stunde, dass ich hier endlich lernen würde, wie man richtig "mit Knüppeln" umgehe. Er erzählte dumpfe Blondinenwitze und intonierte noch so einfache Bemerkungen so, dass auch in ihnen eine gewisse Doppeldeutigkeit hindurchschimmerte. Ich sagte ihm, dass er nicht halb so witzig sei, wie er denke. Und er hörte mit dem den Sprüchen auf. Rolli war rund sechzig Jahre alt und trug die für Fahrlehrer scheinbar obligatorische schwarze Lederjacke und Jeans. Trotz seiner dritten Zähne wähnte er sich in der Blüte seines Lebens. Er dieselte sich dermaßen mit Eau de Toilette ein, dass auch ich nach der Fahrstunde stark nach Moschus und Patchouli roch. In den Fahrstunden krallte ich mich am Lenkrad fest, während Rolli seelenruhig im Takt des dudelnden Oldiesenders wippte. Er blieb meist gelassen und stellte sich auf meine Fahrfehler ein. Ich stellte mich auf die Witze ein, die er sich in den 30 Berufsjahren angeeignet hatte: * Ich bremste zu stark. Er sagte: „Du haust wohl auch ´ne Reisszwecke mit dem Hammer in die Wand“. * Fuhren wir ins Bremer Viertel Walle, sagte er prompt: „Ah ja, nach Walle woll´n se alle.“ * Zur Begrüßung gab's ein "Moin-Moin". Wenn die Fahrstunde mittags war, gab es ein „Mahlzeit“. Sagte ich zum Abschied „Mach´s gut“, sagte Rolli „Mach´s besser“. Mit der Anzahl der Stunden hinter dem Steuer wurde ich besser, aber laut Rolli würde ich es nie schaffen, so gut wie er zu fahren. Aber er war gnädig und sagte: „Es gibt bestimmt Sachen, die du auch besser kannst als ich.“ So entließ er mich in die Welt des Straßenverkehrs.

Text: fiona-webersteinhaus - Illustration: Katharina Bitzl

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