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"Sie wollten dich nicht kontaminieren"

Als vor fast 25 Jahren der Atomreaktor von Tschernobyl in die Luft geht, ist unsere Autorin zwei Tage alt - jetzt hat sie mit ihrer Mutter über diese Zeit geredet.
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Unsere Autorin Fiona Weber-Steinhaus kam kurz vor der Atomkatastrophe in der damaligen Sowjetunion zur Welt. Bald feiert sie ihren 25. Geburtstag, wenig später jährt sich auch der Unfall. Wie war das damals? Rückte die Geburt angesichts der Ereignisse in den Hintergrund? War das die Geburt Ökogeneration? Fiona hat mit ihrer Mutter Lesley Jane, 54, über diese Fragen geredet. Die Schottin kam 1982 gemeinsam mit Fionas Vater nach Bremen. Das Foto weiter unten entstand wenige Tage nach der Geburt.

Fiona: Mama, ich werde am 24. April 25. Zwei Tage nach meiner Geburt ist der Reaktor in Tschernobyl explodiert. Erinnerst du dich?
Lesley Jane: Da haben wir aber noch nichts von dem Unglück gehört, erst nach und nach sind die Nachrichten zu uns durchgesickert. Woran ich mich genau erinnern kann: Als ich in den ersten Wehen lag, war dein Vater mit der Situation überfordert. Er wusste nicht so genau, was er tun sollte, also hat er mir aus dem stern Artikel über den amerikanischen Luftangriff in Libyen vorgelesen, der Mitte April passierte. Tschernobyl-Nachrichten kamen dann ein paar Tage später.  

Ich habe gelesen, dass erst am 28. April von einem „Unfall“ in der Sowjetunion berichtet wurde.
Ja, das kommt hin. Im Frühstücksraum der Geburtsstation haben die Mütter und die Hochschwangeren darüber diskutiert. Da bin ich hellhörig geworden, da ich keinen Fernseher im Zimmer hatte. Je mehr Informationen kamen, desto unruhiger wurden alle. Vor allem die Milch war ein Thema, manche sind wahrhaft panisch geworden. Ich kann mich noch an eine junge Mutter erinnern, die aufhören wollte zu stillen, aus Angst um ihr Baby. Das fand ich absurd. Andere wollten Sojamilch haben.  

Wie hast Du darauf reagiert?
Ich fand es schlimm, dass die Panikmache zu unsachlichen Diskussionen geführt hat. Ich habe mich gefragt: Wenn die Mütter hier so am Rad drehen, was passiert denn, wenn wirklich etwas vor Ort geschieht?  

Hast du dir keine Sorgen gemacht?
Naja, der Chefarzt hat eine Ansprache gehalten und uns über die zu erwartenden Strahlungen und mögliche Gefahren informiert. Mit so einer sachlichen Einschätzung der Lage konnte ich mehr anfangen. Das Krankenhaus hat dann auf Bitten der Frauen karrenweise H-Milch angeschafft. Und außerdem: Du warst mein Hauptfokus.  

Hat meine Geburt alles andere abgeschwächt?
Ja, natürlich! Ich war mit dir über eine Woche im Krankenhaus, die Geburt war kompliziert, das war alles ziemlich anstrengend und stressvoll. Und man kommt schnell in die Krankenhausroutine. Die Babys müssen zum Bluttest, sie müssen gewogen werden und weil du etwas blass um die Nase warst, wurdest du noch täglich unter die Wärmelampe gelegt.  

Hast du gedacht, dass es besser gewesen wäre, wenn ich früher oder später auf die Welt gekommen wäre?
Nein, für keine Sekunde. Ich war glücklich, dass du gesund und munter warst.  

Wie hat die Reaktorkatastrophe deine Einstellung zur Atomkraft beeinflusst?
Ich war damals ziemlich naiv und wusste fast nichts über Atomkraft. Was aber zumindest am Anfang daran lag, dass ich der deutschen Sprache nicht so mächtig war und es in Großbritannien nicht so sehr Thema war. Ich kann mich zwar noch an Demos gegen die Reaktoren in Dounreay im Norden Schottlands erinnern, aber ich bin da nicht mitgegangen. Die Briten haben auch heute nicht so eine aktive Anti-AKW-Bewegung wie in Deutschland. Ist das nicht auch heute noch so?  



Zumindest werden die Nachrichten in Großbritannien auch nach dem Tsunami und den Ereignissen von Fukushima nicht von Ausstiegsdiskussionen dominiert.
Erst durch den Reaktorunfall bin ich wirklich auf das Thema und die Gefahren aufmerksam geworden. Ich hatte die „Atomkraft - Nein Danke!“-Sonnen bei unseren Freunden gesehen. Aber der Wille weiter nachzuhaken, mich zu informieren, den hatte ich erst später.  

Wie war es, als du dann aus dem Krankenhaus entlassen wurdest?
Am ersten Sonntag im Mai hat Oma für dich eine Art "Heidentaufe" organisiert, wie ich es nenne - die Sektgläser ganz hinten bei uns im Wohnzimmerschrank, die sind noch von dem Tag. Alle Freunde und Bekannten sind erst zur riesigen Anti-AKW Demo in Bremen gegangen und danach zur Feier gekommen.  

War ich dann überhaupt noch der Mittelpunkt der Feier?
Alle Gäste haben dich natürlich begutachtet und sich gefreut, das Hauptthema aber war Atomkraft. An dem Tag hat es geregnet, und alle Gäste haben von sich aus ihre nassen Jacken in Plastiksäcken im Keller verstaut, um dich nicht, übertrieben ausgedrückt, zu „kontaminieren“. Das fand ich rührend. Ach und wir hatten drei verschiedene Sorten Milch: echte Milch für deinen Vater, der gewitzelt hat „Ich trinke die Verstrahlte“. Dann Sojamilch und H-Milch. Oma hat beim Tengelmann um die Ecke die Regale nach alten H-Milch Packungen durchforstet.  

Hast du sehr darauf geachtet, was wir Kinder essen?
Naja, wir haben keine Pilze gegessen und kein Wild. Aber das hätte deine Schwester sowieso nicht angerührt. (Die Schwester ist vier Jahre älter als Fiona / Anm.) Und zu der Sojamilch: Ich habe den Kinderarzt Dr. Hoffmann angerufen. Der meinte „Sind sie verrückt? Soja ist voll von Pestiziden, das ist auch nicht das Beste für ihr Baby.“ Also habe ich mich an die alte H-Milch gehalten.  

Kannst du dich noch an diese Katzenbücher erinnern - Weißnäschens Geschichten, mit den Katzen Schu Schu, Schwarzpfötchen und Knuschelmuschel?
Mhh, nein, da weiß ich nichts mehr von.  

Ihr habt mir die im Alter von drei, vier Jahren vorgelesen. Die Katzenmutter kriegt im Buch einen Riesenschreck, als die Katzen draußen im Regen spielen. Sauren Regen assoziiere ich immer noch mit diesen Katzengeschichten. Aber ihr habt nie mit mir darüber gesprochen.
Ich bin nicht der Meinung, dass man schwierige Themen vor Kleinkindern von drei Jahren diskutieren muss. Manchmal fühlen diese sich dann verantwortlich. Deine Schwester zum Beispiel hat im Kindergarten viel über das böse Plastik gelernt. Als wir dann im Portugal-Urlaub waren, hat sie die ganze Woche nur Müll aus dem Wasser gefischt. Sie war ganz besorgt und meinte, dass sie die Erde retten muss.  

In der Abirede wurden wir als der „Tschernobyl-Jahrgang“ betitelt. Trotzdem ist Tschernobyl für mich mehr ein abstraktes Symbol, dass mir aus Dokus, Büchern und Erzählungen bekannt ist.
Ich habe mich damals gefragt, ob dein Jahrgang oder die Generation instinktiv mehr mit Anti-AKW-Gefühlen aufwächst.  

Was denkst du jetzt?
Dein Jahrgang war schon deutlich mehr öko als der deiner Schwester. Als ich für eine deiner Partys Pommes und Würstchen auf dem Büffett aufgebaut habe, hat eine deiner kleinen Freundinnen mir einen Rüffel gegeben, dass das ja "totaaal un-bio und ungesund" sei. Nachher war die Pommesplatte trotzdem leer.  

Ihr wolltet vor rund anderthalb Jahren den Stromanbieter wechseln, habt es dann aber doch nicht gemacht. Jetzt nach der Katastrophe in Japan seid ihr wieder am Vergleichen und Suchen. Glaubst du, dass Menschen manchmal eine Katastrophe brauchen, um ihr Verhalten zu ändern?
Ja, so traurig es auch ist. Dein Vater und ich haben uns auch überlegt, dass jedes Familienmitglied morgens Radeln und Rudern muss, damit wir eine autarke Stromversorgung haben ...

Mama! Jetzt im Ernst …
Naja, nach Tschernobyl gab es nur die Stadtwerke, bis sich der Strommarkt liberalisiert hat. Unser jetziger Wechsel hat aber nicht nur mit der Anti-AKW-Bewegung zu tun, sondern auch mit der intransparenten Preispolitik.  

25 Jahre Tschernobyl, 25 Jahre ich – und jetzt die Katastrophe in Japan. Was fühlst du bei diesen Bildern, die du im Fernsehen siehst?
Ich habe gedacht: Das ist history revisited. Erst Libyen und die Angriffe, und jetzt das Reaktorunglück in Japan. Das sollte dir und mir und uns allen zu denken geben, dass wir aus der Geschichte lernen. 



Text: fiona-webersteinhaus - Foto: privat