Sind Deutschlands Schüler zu angepasst?

Nach dem Amoklauf von Winnenden hat eine Protestgruppe versucht, Deutschlands Jugendliche zum Schulboykott aufzurufen. Erfolglos. Jetzt setzen die Initiatoren auf eine Unterschriftenaktion
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In den letzten drei Wochen haben Experten und Politiker so manche Maßnahme diskutiert, um künftig Amoktaten an deutschen Schulen zu verhindern. Metalldetektoren an der Pforte, ein Killerspiel-Verbot, die Zensur von jugendgefährdenden Songtexten. Ohne Ergebnis. Ein wirksamer Weg, eine Veränderung durchzusetzen, wäre möglicherweise ein Aufbegehren der unmittelbar Betroffenen gewesen: ein Aufbegehren der Schüler. Die Initiatoren der Aktion „Keine Mordwaffen als Sportwaffen!“ haben versucht, genau dies zu erreichen – erfolglos.

Die Gruppe "Keine Mordwaffen als Sportwaffen" fordert den Verbot von gefährlichen Sportwaffen, wie jene der Marke Walther, Modell P99 Roman Grafes Stimme klingt längst nicht mehr so fest und überzeugt wie am 13. März, jenem zweiten Tag nach dem Schulmassaker von Winnenden. Er wirkt deprimiert. Gemeinsam mit einer Reihe von Künstlerkollegen hatte der Autor innerhalb kurzer Zeit eine Initiative zum Verbot von lebensgefährlichen Sportwaffen gestartet. Die Gruppe forderte alle Schüler dazu auf, so lange nicht mehr zur Schule zu gehen, bis ein entsprechendes Gesetz vom Bundestag verabschiedet sei. Das Ergebnis nach zahlreichen Medienauftritten und Flugblattaktionen ist ernüchternd. Deutschlandweit folgten gerade einmal fünf Schüler dem Aufruf zur Schulverweigerung. „Für eine Überzeugung muss man manchmal ziemlich allein seinen Weg gehen“, heißt es in der jüngsten Pressemeldung der Aktion „Keine Mordwaffen als Sportwaffen!“. Die Worte klingen wie ein altbekannter Vorwurf an die heutige Jugendgeneration: zu brav, zu gehorsam, zu angepasst. Selbst die wenigen Schulverweigerer können diesem Vorurteil nicht entgegenwirken: Die Waldorfschüler Ilja und Paul Möbius aus Hamburg sind gerade einmal sechs und neun Jahre alt, auch die übrigen drei Verweigerer gehen noch zur Grundschule. Ob der Boykott des Schulbesuchs die alleinige Entscheidung der Schüler war, darf daher bezweifelt werden.

Autor Roman Grafe während einer Unterschriftenaktion an der U-Bahnhaltestelle der Universität Frankfurt am Main Und dennoch: Es ist kaum vorstellbar, dass in Deutschland kein einziger Jugendlicher ein Verbot gefährlicher Sportwaffen befürwortet. Weshalb also haben sich die Schüler dem Boykottaufruf nicht angeschlossen? Im Rahmen einer Unterschriftenaktion hat Roman Grafe in letzter Zeit mit Schülern in ganz Deutschland gesprochen. Sein Fazit: „Viele Schüler fühlen sich nicht verantwortlich fürs Ganze. Man denkt an sich und seine Nächsten und an die Übernächsten schon nicht mehr.“ In Frankfurt am Main habe eine Schülerin ihr Nein zum Schulboykott mit einer anstehenden Bioarbeit begründet, ein 18-jähriger Schüler aus Sachsen sagte ihm, er glaube nicht, dass so ein Amoklauf an seiner Schule passieren könne. „Eine Frankfurter Schülerin hat zu mir gesagt, sie könne den Schulbesuch nicht verweigern, weil sie im nächsten Jahr Abi mache und nicht zu viel Unterrichtsstoff versäumen wolle“, erzählt Roman. Manche Aussagen seien erschreckend unbekümmert gewesen und hätten ihm gezeigt, dass die Schüler den Ernst der Lage nicht begriffen haben. Zwar habe es von Seiten der Lehrer eine überraschend breite Zustimmung gegeben, doch hätten sich etliche Schüler auch aufgrund ihrer Furcht vor Strafen nicht an der Schulverweigerung beteiligt. „In Deutschland werden die Schüler ja von der ersten Klasse an zur Anpassung erzogen, sie wollen nichts riskieren. Dabei sollte Widerspruch gerade in einem demokratischen Staat eine Tugend sein“, sagt Roman Grafe. Hoffnung macht dem 40-jährigen Autor eine erfolgreiche Unterschriftensammlung in England. Nach dem Grundschulmassaker von Dunblane im Jahr 1996 unterzeichneten dort mehr als eine Million Bürger eine Petition zum Verbot von privaten Schusswaffen. Mit Erfolg. „Warum soll das nicht auch in Deutschland funktionieren“, sagt Roman. Drei Wochen hat seine Gruppe von nun an Zeit, um 50 000 Unterschriften zu sammeln. Dann kann die Petition im Deutschen Bundestag öffentlich beraten werden. „Wenn man die Opfer ernst nimmt, gibt es gar keine Alternative“, sagt Roman Grafe. Seine Stimme klingt wieder kämpferisch. Alle Infos zur Petition und die elektronische Unterschriftenliste findest du auf der Homepage