Smarts versenken

Niederländische Jugendliche haben ein neues Hobby gefunden: Kleinwagen ins Wasser werfen
sarah-stricker

Als Enrik aufwachte, war sein Auto weg. „Zuerst dachte ich, ich sei am Abend zuvor vielleicht so betrunken gewesen, dass ich es nicht wie sonst an der Gracht abgestellt hatte“, sagt er. Aber als er aus dem Haus kam, sah er schon das Heck seines Wagens im Wasser treiben. „Ich habe mir extra einen Smart gekauft, weil es mich genervt hat, jeden Abend ewig nach einem Parkplatz zu suchen. Der Fortwo ist halt schön klein.“ Genau das wurde Enriks Wagen jedoch zum Verhängnis. Zwei, drei Stöße, und er lag im Kanal. ,,Smart smijten” – Smart schmeißen, heißt der neue Volkssport in Amsterdam, der sich unter Jugendlichen wachsender Beliebtheit erfreut. Viele Smartbesitzer parken nicht seitlich am Kanal, wie größere Autos, sondern nutzen die Lücken dazwischen und stellen sich mit Heck oder Front zum Wasser. Dadurch braucht es kaum Kraft, sie ein Stückchen nach vorne zu schieben. Angeblich vergeht kaum ein Wochenende, ohne dass ein Kleinwagen in die Gracht geschubst wird. „Als mir auf der Arbeit ein Kollege erzählt hat, dass ihm das passiert ist, hab ich erst nur gelacht“, sagt Caspar de Jong, „ich dachte, das klingt so absurd.“ Bis dann zwei Wochen später sein eigner Smart dran glauben musste. Er hatte er am Oudezijds Achterburgwal geparkt, mitten im Rotlichtviertel von Amsterdam, schlief schon ein paar Stunden, als es plötzlich klingte. Ein Polizist vor der Tür. Ob das sein weißer Smart sei, der da im Fluss schwimme. „Ich bin total ausgeflippt. Es war Totalschaden“, sagt Caspar.

Eigentlich gibt es an den meisten Grachten einen kleinen Zaun, damit die Wagen, wenn der Fahrer mal vergisst, die Handbremse zu ziehen, nicht in den Fluss rollen. „Aber mit zwei, drei Mann kann man die drüber heben“, sagt Jan. Er heißt nicht wirklich so, aber obwohl er nur Mitwisser ist, möchte er nicht erkannt werden. Er selbst hat noch keinen Smart „geschubst“, aber seine Freunde tun es öfter, vor allem Samstagnachts, wenn sie aus ihrer Stammkneipe geworfen werden und noch keine Lust haben, heim zu gehen. „Am Anfang war es nur ein Gag. Früher haben wir Fahrräder in den Kanal geworfen. Wir wollten nur mal kucken, ob es auch mit einem Smart klappt.“ Sie seien selbst überrascht gewesen, wie leicht es ging. Angst, geschnappt zu werden, hätten sie nicht. Und tatsächlich scheint die Gefahr eher gering. Bisher hat die Polizei keine Verdächtigen. Es wirkt ganz so, als stünde sie dem Problem weitgehend machtlos gegenüber. Einem Problem, das in ihren Augen gar kein wirkliches ist. Offiziell handelt es sich noch immer um „Einzelfälle“. Auch wenn die Behörden aus Angst vor Nachahmern die genauen Zahlen unter Verschluss halten. Nur soviel: Von einer nieuwe rage, einem neuen Kult, wie die niederländische Presse schreibt, könne keine Rede sein. Im Smart Zentrum in Amsterdam häufen sich jedoch die Kunden, die ihre völlig durchnässten Wagen zurückbringen. „Wir sollen nicht drüber sprechen, hat die Polizei gesagt, aber es sind schon einige“, so ein Sprecher. Konkreter will er nicht werden. „Sie müssen verstehen, das ist nicht eben geschäftsfördernd.“ Jan findet die ganze Aufregung übertrieben. „Zahlt doch die Versicherung“, sagt er. Tatsächlich tut sie das in den meisten Fällen nicht. Enrik bekam zum Beispiel keinen Cent. Höhere Gewalt heißt es. Die Kosten für den Neuwagen musste er selber tragen. Diesmal hat er sich einen Viertürer gekauft.

Text: sarah-stricker - Foto: dpa

  • teilen
  • schließen