So prüde ist das Internet

Ab Ende März streicht Google öffentliche Blogs mit sexuellen Inhalten. Wie spießig Konzerne im Netz agieren und dass darunter manchmal auch die Pressefreiheit leidet, haben wir in einem Zeitstrahl zusammengefasst.
lisa-bruessler

12/2008
Stillende Mamis sind Pornografie
Facebook nimmt Bilder von stillenden Müttern aus dem Netz – zumindest, wenn die Brustwarze zu sehen ist. Eine betroffene Mutter schreibt daraufhin einen Brief an Facebook. Sie erhält einen Verweis auf die Richtlinien: Brustwarzen sind als pornografisches Material anzusehen und damit verboten. Auf dem beanstandeten Bild ist die aber nicht einmal zu sehen – nur eine Mutter mit hochgeschobenem Top und ihren zwei Söhnen an der Brust. Stephanie Muir, eine der Zensierten, organisiert deswegen zusammen mit 11.000 anderen Usern ein „virtuelles Stillen“, bei dem die Nutzer ein Profilbild einer stillenden Frau hochladen. Gleichzeitig versammeln sich etwa zehn Frauen vor der Facebook-Zentrale in Palo Alto zum öffentlichen Stillen.      

                                

02/2010
Zu viel nackte Haut in Apps
Apple räumt in seinem Appstore auf und entfernt allein an einem Wochenende 5000 „anstößige“ Anwendungen. Anstößig bedeutet in diesem Fall: alle Applikationen, die Bilder von Frauen oder Männern in Badeanzügen, Bikinis oder Badehosen zeigen. Betroffen ist die App „Wobble“. Sie wurde entfernt, weil man auf Fotos Brüste wackeln lassen konnte. Seitdem die Macher jetzt aber auch Ohren und Augen wackeln lassen können, ist sie wieder erhältlich.


Zuviel nackte Haut tut der Öffentlichkeit nicht gut - so lautet das Credo zensierender Konzerne wie Google.

10/2010
Kanye West-Cover zensiert
Kanye West sorgt mit seinem Album-Cover von „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ für Aufsehen. Abgebildet ist ein Gemälde des amerikanischen Künstlers George Condo. Ein Paar in eindeutiger Pose: eine Art nackte Wolfs-Version von Kanye auf der Couch, auf dem eine nackte Frau mit Flügeln und einem gepunkteten Schwanz sitzt. Schon vor Erscheinen des Albums twitterte der Rapper: „Yoooo, die haben mein Album-Cover verboten!“ und fügte einen Tag später hinzu: „Verboten in den USA! Die wollen nicht, dass ich auf der Couch mit meinem Phoenix chille.“ Von dem Cover gibt es nun zwei Versionen. Bei iTunes ist das Originalbild zu sehen, allerdings verpixelt.



07/2012
Cover-Penis unerwünscht
Ein Mann in weißer Unterhose ziert die Titelseite des ZEIT-Magazins. Auf der zweiten Seite ist sein nackter Unterleib zu sehen – mit Penis. Der Anlass: Über die weiblichen Geschlechtsorgane berichten die Medien mehr als über den Penis. Als die Redaktion beide Bilder auf ihrer Facebook-Seite hochlädt, löscht Facebook die Bilder. Verwiesen wurde wieder auf die Community-Regeln. User luden das Cover auf ihren eigenen Webseiten hoch und verlinkten es.



11/2012
Ellenbogen für Brüste gehalten – Bild gelöscht
Man könnte denken, es handelt sich um ein Blondine mit großen Brüsten – schaut man aber genauer hin, sind es wohl doch eher Ellenbogen. Mit diesem optischen Trick wollte das Webmagazin Theories of the Deep Understanding of Things testen, ob die Anstands-Wauwaus von Facebook auf diese Täuschung hereinfallen. Es funktioniert, denn schon kurz Zeit später posten die Macher des Magazins einen Screenshot, der zeigt, dass Facebook das Bild entfernt hatte, weil es gegen seine Richtlinien verstoße. Facebook entschuldigt sich später für den Fehler und stellt das Bild wieder online.



11/2012
Zu viel Haut für Ebook
Apple teil-zensiert den Titel von Naomi Wolfs Sachbuch Vagina durch Sternchen und nimmt kurz darauf The Proof of the Honey der syrischen Autorin Salwa Al Neimi aus dem Ebook-Verkauf. Grund dafür ist das Umschlagbild, das einen weiblichen Akt von hinten zeigt. Medienberichten zufolge wurden allerdings beide Änderungen wieder rückgängig gemacht. Die Bücher sind seitdem unzensiert bei iBooks im Angebot.

03/2013
Facebook sperrt Museumsseite
Was Kunst und was Pornografie ist, interessiert auch Facebook wenig: Das soziale Netzwerk sperrt die Seite des Pariser Museums „Jeu de Paume“ für 24 Stunden, weil es mit Brüsten für eine Ausstellung warb. Die Ausstellung des auf historische und moderne Fotokunst spezialisierten Museums zeigt eine schwarz-weiß Retrospektive der französischen Fotografin Laure Albin Guillot (1879-1962). Auf dem zensierten Bild ist eine nackte, blonde Frau zu sehen. Nur ihr Schambereich ist durch ein Tuch verhüllt, ihre Brüste sind gut sichtbar. Gemälde von Nackten seien erlaubt, Fotos nicht, erklärt das Untenehmen – auch wenn das Foto von 1940 ist.



02/2014
#dontfearthenipple
Designer Anthony Vacarello war wohl nicht bewusst, dass sein Outfit zu einem politischen Statement werden würde: Er lässt Model Anja Rubik in einem transparenten Top mit einem hochgeschlitzten Rock und spitzen Lackschuhen über den Pariser Laufsteg laufen. Als Rubik das Bild auf Instagram teilt, löscht der Anbieter es. Die voll entblößte Brust scheint nicht mit den Richtlinien von Instagram übereinzustimmen, denn als Rubik das Foto nochmals mit schwarzem Balken über den Nippeln hochlud, wurde es nicht gelöscht. Seitdem twittern User unter Rubiks Hashtag #dontfearthenipple zum Thema. 



04/2014
Liberale spielen Kommune 1 nach
Auf einem Wahlkampf-Bild der Jungen Liberalen sieht man die nackten Rückseiten von sieben Mitgliedern in einer Reihe an eine Wand stehen. Damit erinnern sie an das berühmte Foto der „Kommune 1“ aus dem Jahr 1967. Wie die „Kommune 1“ wollen auch die Julis damit gegen Prüderie und Spießbürgerlichkeit angehen. Facebook, ganz spießbürgerlich, zensiert das Bild und legt einen schwarzen Balken über die nackten Hinterteile.



02/2015
Google zähmt Blogger
Google will auf seiner Plattform Blogger keine sexuellen Inhalte mehr haben und entfernt öffentliche Blogs, die nach dem 23. März erstellt werden. Bestehende Blogs betrifft das nicht – diese werden auf „privat“ umgestellt. Ihr Inhalt ist dann nur noch für Seiteneigentürmer und freigeschaltete Leser sichtbar. "Wenn es in Ihrem Blog keine Bilder oder Videos gibt, die sexuell eindeutig sind oder sexuell explizite Nacktheit darstellen, ändert sich für Sie nichts", verkündet Google in seinen Richtlinien für nicht jugendfreie Inhalte auf Blogger. Komplett schließt Google Nacktheit aber nicht aus: „Nacktheit ist weiterhin erlaubt, wenn der Inhalt der Öffentlichkeit einen wesentlichen Nutzen bietet, zum Beispiel im künstlerischen, erzieherischen, dokumentarischen oder wissenschaftlichen Kontext.“ Was einen wesentlichen Nutzen hat, entscheidet dabei aber natürlich Google.


Text: lisa-bruessler - und lucia-heller

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