So viel bin ich wert

Vier Protokolle über die schwierige Suche nach dem eigenen Wert und ein Einkommensvergleich vom Diplompädagogen bis zum Ingenieur
mercedes-lauenstein



Stefan, 31, arbeitet als selbstständiger Grafikdesigner: 
„Während meines Kommunikationsdesignstudiums habe ich frei gearbeitet. Ich wusste nicht, was ich für meine Arbeit verlangen darf, und habe gesagt: Danke, dass du überhaupt an mich gedacht hast! Ich mache das total gern! Es macht mir schließlich Spaß! Um meinen Verdienst einzuordnen, habe ich abgewogen, wie viel ich verdienen würde, wenn ich stattdessen kellnern würde. Ein ganz falscher Ansatz. Mir hat es geholfen, andere Grafiker zu fragen, wie viel sie für ihre Arbeit verlangen. Zur Not helfen auch Gehaltsspiegel von Designverbänden. Mit diesen Fakten hat man vor dem Kunden eine Verhandlungsbasis. Die ersten Jahre sind trotzdem ein einziges Stolpern. Mal schießt man über das Angemessene hinaus, mal ist man viel zu günstig. Ich habe mich schon oft geärgert, wenn ich schüchtern einen Preis sagte und mein Gegenüber sofort einverstanden war. Hochpokern ist immer die bessere Alternative. Das Gespräch ist nicht  sofort beendet, nur weil du zu viel verlangst. Schlecht bezahlte Projekte nehme ich inzwischen nur noch an, wenn  sie von Freunden stammen, die mir schon mal behilflich waren. Ich habe auch mal unentgeltlich eine Webseite für eine Kneipe gemacht. Bis heute bekomme ich dort Freibier. Das macht schon Spaß – aber reich macht es einen nicht. Es gibt den Punkt, an dem man eine realistische Rechnung aufstellen muss: Wie finanziere ich mein Leben? Wie viel Zeit habe ich für unbezahlte Projekte? Hab ich überhaupt Lust darauf? Wann ist einfach mal Schluss?“



Moritz, 26, arbeitet seit seinem Abitur als Steward:
„Es war gar nicht geplant, diesen Job nach meinem Abitur länger als ein, zwei Jahre zu machen. Ich wollte bloß raus in die Welt. Und plötzlich habe ich mehr verdient als die meisten anderen Leute in meinem Umfeld. Im Vergleich mit ihnen habe ich gut doppelt so viel Freizeit. Wenn ich eine schöne Klamotte sehe, kann ich sie  mir kaufen, und wenn  ich lecker essen gehen will, kann ich das machen. Ich kaufe mir gutes Biobrot und lebe in einer großen Wohnung mitten in Hamburg. Ich sehe viel von der Welt und schlafe in den besten Hotels.  Ich habe allerdings meine Ansprüche an mich im Laufe der Zeit heruntergeschraubt – ich brauche für meinen Selbstwert kein abgeschlossenes Studium mehr. Es würde mir sehr schwerfallen, auf meinen derzeitigen Lebensstandard zu verzichten. Zurück an eine Uni gehen, eine Ausbildung  oder womöglich unbezahlte Praktika machen – das könnte ich fast gar nicht mehr richtig einsehen, jetzt, da ich einmal gemerkt habe, wie viel Geld ich auch ohne das alles verdienen kann.“  




Elke, 28, studierte Kulturwissenschaften und arbeitet in einer Agentur für Public Relations:
 „Nach dem Studium habe ich mich bei unzähligen Verlagen und PR-Agenturen um eine Stelle beworben, doch ich habe nicht eine einzige Rückmeldung bekommen. Also ging ich für sechs Monate in ein Praktikum in einen Kölner Buchverlag. Ich hätte sehr gerne weitergearbeitet, aber alles, was sie mir bieten konnten, war eine Praktikumsverlängerung. Ich sagte ab. Mit Sack und Pack zog ich nach Berlin. Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn man neue Leute kennenlernt und ihnen nur erzählen kann, dass man es mit Ende zwanzig, voll ausgebildet und mit sehr gutem Studienabschluss noch nicht weiter gebracht hat als zu einem schlecht bezahlten Praktikum. Als die Berliner PR-Agentur, in der ich das nächste Praktikum anfing, mir nach drei Monaten ein Volontariat anbot, war ich immerhin erleichtert. Die Agentur bekam größere Kunden, ich war zur Stelle und rutschte nach – es hatte nichts mit meiner Qualifikation zu tun, glaube ich. Seit ein paar Tagen ist mein Volontariat beendet, und ich bin jetzt fest angestellt. Es ist ein wahnsinnig gutes Gefühl, zum ersten Mal von den Eltern unab­hängig  zu sein und endlich das zu verdienen, was einem mit einem Abschluss zusteht. Im Nachhinein ist es natürlich einfach, den Leidensweg als eine Investition in die Karriere zu betrachten. Wäre ich aber  zu arrogant an die  Sache herangegangen, stünde ich nun immer noch mit leeren Händen da. Jetzt habe ich meine feste Position und Perspektiven, mich innerhalb der Agentur weiterzuentwickeln oder eines Tages in eine andere Richtung. Ich bin froh und stolz, dass ich mich da durchgebissen habe.“



Julia, 23, studiert im 6. Semester Wirtschaftsingenieurwesen mit Vertiefungen in Energiewirtschaft, Energietechnik und Finance & Accounting:
„Neben dem Studium arbeite ich bei PAUL Consultants e.V., der studentischen Unternehmensberatung der TU Dresden. Da habe ich bereits die Möglichkeit, für Unternehmen Marktanalysen oder Prozessoptimierungen zu erstellen. Bezahlt wird das natürlich auch, wenngleich nicht so wie bei einer regulären Unternehmensberatung. Mittlerweile bin ich sogar im Vorstand unseres Bundesverbandes Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen e.V. Hier haben wir engen Kontakt zu Firmen wie der Telekom oder Ernst&Young, die uns ideell sowie finanziell unterstützen. So lernen wir beispielsweise in Workshops ihre Arbeitsweise kennen und sie im Gegenzug unser Potenzial. Man baut sehr schnell Selbstbewusstsein auf, wenn man versteht, dass die eigenen Fähigkeiten ausreichen, um mit den Verantwortlichen  in den Unternehmen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Mittlerweile bin ich so geübt in der Zusammenarbeit mit den Unternehmen, dass ich ganz genau weiß, was ich kann und was ich wert bin – ich würde mich nicht darunter verkaufen. Mein Gegenüber mag vielleicht große Erwartungen haben, einschüchtern tut mich das aber nicht. Klar gilt es, nachher auch gute Arbeit  zu leisten, aber ein professionelles und selbstbewusstes Auftreten ist bereits die halbe Miete. Seine eigenen Stärken zu erkennen und zu fördern, das halte ich für das Wichtigste auf dem Weg in eine erfolgreiche Karriere. Das funktioniert nämlich meistens wesentlich besser, als sich nur damit zu beschäftigen, seine Schwächen auszumerzen.“

Was verdient ein Maschinenbauer? Ein Pilot? Ein Schauspieler? Lies unsere Gehaltsübersicht auf der nächsten Seite.  


Was verdienst du? Eine kleine Gehaltsübersicht (Zusammengestellt von stefanie-heiss)



Christoph, 26, studierte BWL, arbeitet seit zwei Monaten im Vertrieb eines Automobilherstellers und verdient 42.000 Euro brutto im Jahr: „Ich glaube, das ist ein angemessenes Gehalt. Ich habe es nicht selbst ausgehandelt. Es gibt eine Vorgabe dazu, was Studenten mit einem Bachelorabschluss bekommen.“

Christine, 23, studierte Elektro- und Informationstechnik, arbeitet seit einem Jahr bei einem großen Energieversorger und verdient 37.000 Euro brutto im Jahr: „Ich habe sechs Monate Probezeit, und dann bekomme ich 200 Euro mehr im Monat.“

Dominik, 28, studierte Diplompädagogik an der Universität, arbeitet seit einem Jahr in der Jugendarbeit der evangelischen Kirche und verdient 26.400 Euro brutto im Jahr: „Das Gehalt bestimmt sich aus dem Tarifvertrag. Ich komme damit zurecht, finde es aber schade, dass Berufe ganz unterschiedlich bezahlt werden. Ich arbeite mit Kindern, die sind die Zukunft der Gesellschaft! Außerdem bekomme ich gerade das Gehalt eines Sozialpädagogen, weil es nur wenige Stellen für Diplompädagogen gibt.“

Anna, 24, studierte Tourismusmanagement und Marketing, arbeitet seit Oktober 2010 im Regionalmanagement und Marketing und verdient 30.000 Euro brutto im Jahr: „Ich hab einen Vorschlag machen müssen, wie viel ich möchte, und danach haben wir noch ein bisschen darüber gesprochen und uns geeinigt. Ich habe mich darüber informiert, was man als Einsteiger mit dem Abschluss verdienen kann, und weil ich keine Berufserfahrung habe, liegt das schon ziemlich gut.“

Sebastian, 26, studierte Ma- schinenbau, arbeitet seit Mitte 2010 als Qualitätsingenieur bei einem großen Automobilhersteller und kann mit Urlaubs- und Weihnachtsgeld auf 60.000 Euro im Jahr kommen: „Eigentlich ist meine Berufswahl ein Zusammenspiel aus drei Faktoren: Ich wollte Sicherheit, also eine unbefristete Arbeits­stelle mit Zukunftsperspektiven, einen Job, der Spaß macht, und ein gutes Gehalt.“

Florian, 26, hat an der Air Berlin Flugschule eine Ausbildung zum Piloten gemacht, fliegt seit zwei Jahren bei Air Berlin und verdient 56.000 Euro brutto im Jahr: „Das Geld bestimmt sich nach dem Tarifvertrag. Es könnte mehr sein, aufgrund der Verantwortung, die wir haben.“

Tom, 26, studierte Theaterschauspiel, geht zurzeit zu Castings im Filmschauspiel und verdient etwa 10.000 Euro brutto im Jahr: „Im Moment komme ich ungefähr auf zehn bezahlte Arbeitstage im Jahr. Und pro Tag bekommt man etwa 800 Euro. Die restliche Zeit arbeite ich umsonst. Sonst gehe ich kellnern, helfe beim Bühnenaufbau mit, was mir so in die Hand fällt, um am Ende des Monats die Miete zahlen zu können. Ich werde es irgendwann mal schaffen, aber bisher ist es noch nicht der Fall gewesen. Ich hänge einfach am Schauspiel, das ist meine Passion.“

Christian, 28, studierte Medizin, arbeitet seit Juli 2010 als Assistenzarzt an einer internistischen Klinik in München und verdient 4200 Euro brutto im Monat: „Das ist ein Gehalt nach dem Tarifvertrag der Länder. An Unikliniken ist das Einsteigergehalt für Assistenzärzte immer gleich. Und dann kann man durch Nacht- und Wochenenddienste noch was dazuverdienen.“

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