Soft Skills: An der Uni Halle gibt es Credit-Points für Behindertenbetreuung

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Kann man soziale Kompetenz eigentlich lernen? Hm, dachte man sich vor zehn Jahren beim Diakonischen Werk in Stuttgart: Kann man eigentlich nur erfahren. Also gründeten ein paar soziale Seelen eine Agentur für Soziales Lernen (Agentur Mehrwert), die seitdem Menschen verschiedenster Herkunft – vom Manager bis zum Azubi - in Behindertenprojekte oder Altersheime vermittelt. Seit Herbst machen auch Studenten mit. Kathleen Heilmann zum Beispiel: Im Wintersemester hat die 19-Jährige 80 Stunden in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung in Halle/Saale verbracht. Und dafür fünf Credit Points bekommen. Kathleen studiert Erziehungswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und wollte sich vergangenen Herbst ihre Wahlfächer zusammen suchen, Stichwort Schlüsselkompetenzen. „Rhetorik zum Beispiel ist aber immer sehr schnell voll. Deshalb hat es sich angeboten, bei Do it! mitzumachen.“ „Do it! Service Learning für Studierende“ hieß der Modellversuch und der kam so zustande: Die Macher der Agentur Mehrwert klopften im vergangenen Jahr bei deutschen Unis an und fragten, ob es nicht eine feine Idee wäre, Studenten über ein Semester hinweg sozial Arbeiten zu lassen. Zwecks sozialer Kompetenz, zwecks Charakterschulung. Immerhin fünf Universitäten mochten die Idee.

„In den USA ist Service Learning ein großes Thema“, sagt Wolfram Keppler von Mehrwert. „Es geht um Persönlichkeitsentwicklung und die kann man im sozialen Bereich besonders gut trainieren.“ Keppler spricht von einem „Mini-Zivildienst“ und einer „Schwelle“, über die man sonst nicht drüber geht. Mehrwert sorgt dafür, dass Neuntklässler von der Hauptschule die Schwelle genauso überschreiten wie Führungskräfte, die 1.000 Leuten vorstehen. „Raus aus der eigenen Welt“, skizziert Keppler das Motto. „Menschen treffen, die viel mitzuteilen haben.“ Kathleen war eine von 20 Studenten der MLU, die sich zu dem von der Robert Bosch Stiftung geförderten Pilotversuch meldeten - auch in München, Oestrich-Winkel, Lüneburg und Dresden wagten Studenten den ungewöhnlichen Versuch und tauschten Lehrsaal mit Betreuungseinrichtung. „Vorher habe ich nie etwas mit behinderten Menschen gemacht“, sagt Kathleen und musste sich zum Beispiel erst an die Direktheit, das Umarmen, das Knuddeln gewöhnen. „Die kommen einem schon ziemlich nah“, sagt sie am Telefon und lacht. Aber sie gewöhnte sich an die Nähe, sie lernte sie schätzen. Kathleen ging mit den Bewohnern spazieren, beschäftigte sich mit ihnen - kleine Sachen mit nicht so kleiner Wirkung. Wolfram Keppler jedenfalls warnt davor, die Leistung der Kurzzeitpraktikanten zu unterschätzen, auch wenn sie mitunter nur aus Zuhören besteht. „Die Betreuer in einem Altenheim haben vielleicht 50 Mal von einer Person das Gleiche erzählt bekommen. Da ist es gut, wenn diese Leute ihre Geschichte endlich jemand neuem erzählen können!“ "Man kann es freilich auch schärfer machen", sagt Keppler und berichtet von Managern, die auf Vermittlung seiner Agentur in einer Behinderteneinrichtung mit Wachkomapatienten arbeiteten. "Dagegen ist eine Werkstatt mit geistig Behinderten ein leichtes Feld." Vergangenen Freitag nun stellten sich die Studenten an der MLU gegenseitig ihre Erfahrungen im Abschlussseminar vor - sie wagten sich auf eher leichte Felder. „Es hat eigentlich jeder gut empfunden“ sagt Kathleen. „Das war auf jeden Fall besser als jedes Präsentationsseminar.“ Wolfram Keppler hofft, dass die Beispiele nun Schule machen an anderen Hochschulen. „Die Leute sollen merken, dass es wichtigere Dinge als Konsum und Karriere gibt.“ Denn Geld gibt es für die Stunden in den Altenheimen und Einrichtungen keines zu verdienen. „Wir sind gemeinnützig“, sagt Keppler. Allein die aufnehmenden Einrichtungen bekommen einen monatlichen Unkostenbeitrag, den Sponsoren oder Stiftungen übernehmen. Mehrwert fungiert als Initiator und Geldsammler und Vermittler und setzt vor allem auf Eigeninitiative vor Ort. In Halle etwa kümmerte sich die Freiwilligen Agentur um das ehrenamtliche Engagement der Studenten. Noch ist nichts sicher, aber vielleicht gibt es im nächsten Jahr eine Fortsetzung des Projekts. Wenn es nach Kathleen geht, sehr gerne. „Ich kann das klar weiterempfehlen“, sagt sie.

Text: peter-wagner - Foto: ddp

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