Sonntag, 25. Januar 2004

Verlag Kindheit ist ja im Nachhinein niemals das, was sie tatsächlich war.
susanne-klingner

Verlag Kindheit ist ja im Nachhinein niemals das, was sie tatsächlich war. Wir und unsere Erinnerung machen da gemeinsame Sache und aus ihr eine Aneinanderreihung von witzigen Geschichten und Anekdoten, die mit der Realität oft nur wenig gemeinsam haben. Bei Schriftstellern ist das nicht anders – selten macht ein Buch uns sagen: Ja, so hat sich Kindheit tatsächlich angefühlt damals, so schön oder so beschissen. Genau so ein Buch kommt jetzt aus einer unerwarteten Ecke: Der schwedische Autor Åke Edwardson schreibt normalerweise Kriminalromane, doch in "Der letzte Abend der Saison" hat er Geschichten aus der Kindheit und Jugend gesammelt. Gerade wurde der Band als List Taschenbuch neu aufgelegt. Edwardson erzählt verblüffend nüchtern Episoden aus der eigenen Vergangenheit – als kindlicher Ich-Erzähler oder in der dritten Person, aber immer aus der Sicht des Kindes. Lennart darf im Auto des Onkels das erste Mal vorn sitzen, wie "ein Großer, einer wie der Onkel mit Zigaretten und Schnauzbart ... mit dicken Fingern, fast so groß wie sein eigener Arm". Der Onkel raucht Zigaretten und trinkt Alkohol im Auto und an einer Pferdekoppel schläft er einfach im Auto ein. Doch Åke Edwardson lässt Lennart nicht darüber nachdenken, ob das gut oder schlecht ist, sondern es ist eben einfach so. Als Kind sind die Dinge einfach wie sie sind. Das zuzugeben, macht das Buch unglaublich lesenswert. Auch als der kleine Bruder bei einem Autounfall ums Leben kommt, schreibt Edwardson nicht über den Schock und die Trauer, die ein Kind vielleicht gar nicht in Worte fassen könnte. Alle aufgeschriebenen Gefühle wären wohl nur nachträgliche Spekulation. Und weil hier ein Kind erzählt, der neben dem schlafenden Bruder im Auto sitzt, ist es eben einfach passiert: "Nach einer Weile kam uns jemand entgegen, mein Vater lenkte nach links in den Schotter und der Autoreifen verlor die Haftung. Als er versuchte gegenzulenken, geriet der Wagen heftig ins Schleudern und schlug mit der linken Seite gegen einen Baum. Ich weiß nicht, ob mein kleiner Bruder aufwachte, ehe es passierte." Es ist der letzte Satz der ersten Geschichte und ab da mag man das Buch nicht mehr zur Seite legen, bis es ausgelesen ist. "Der letzte Abend der Saison" von Åke Edwardson, erschienen bei List, 204 Seiten, 7,95 Euro.

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