Spenden für vier Takte Schlagzeug

Eine Crowdfunding-Kampagne sammelt Geld für die Schöpfer des wohl meistgesampelten Drumbreaks der Musikgeschichte. Dessen Komponisten wussten jahrelang nicht, dass ihr Stück tausendfach verwendet wird.
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Illustration: Julia Schubert


Es muss seltsam gewesen sein für Richard Lewis Spencer, als er 1996 ans Telefon ging und am anderen Ende der Leitung ein junger Typ mit britischem Akzent irgendwas von Jungle und Drum and Bass erzählte und von einem Master-Tape, das er kaufen wollte. Spencer hatte „Amen Brother“, den Song, um den es ging, vor fast 30 Jahren geschrieben und aufgenommen. Damals war der Track nur eine B-Seite gewesen, ein Instrumentalstück, das keinen wirklich interessierte. Und jetzt plötzlich war da dieser Unbekannte in der Leitung und erzählte, dass ein Teil dieses Songs berühmt geworden war. Dass man diesen Teil „Amen Break“ nannte. Dass in den Neunzigern tausende Drum-and-Bass-DJs und Jungle-Produzenten das Amen Break verehrten und verwendeten. Dass manche Leute sogar sagen, Jungle sei aus diesem Beat entstanden. Dass Rapgrößen wie Public Enemy, Ice Cube oder Niggaz with Attitude es als Grundlage für ihre Songs benutzten. Und all das, ohne dass Spencer je etwas davon mitbekommen hätte.

http://www.youtube.com/watch?v=qwQLk7NcpO4

Das Amen Break besteht aus nur vier Takten Schlagzeug. Kein Bass, keine anderen Instrumente, nur purer Funk-Groove, der drei Takte durchläuft und im vierten einmal in eine kurze Verzögerung stolpert. Diese vier Takte haben Musikgeschichte geschrieben. Und gerade wird diese Geschichte um ein erstaunliches Kapitel erweitert.

Denn obwohl das Break so berühmt geworden und so oft benutzt worden war, hatte Spencer nie etwas davon. Es ist nie Geld für die Nutzung des Samples geflossen. Das wird sich jetzt ändern. Seit ein paar Tagen ist eine Crowdfunding-Kampagne online, in der Geld für Spencer gesammelt wird. 1000 Pfund waren als Ziel angegeben. In den ersten Tagen wurden schon fast 14.000 Pfund gespendet.

Für Spencer ist das ein spätes Glück. Er hat seine Musikerkarriere längst beendet, seine Band ist schon lange aufgelöst. Gregory Coleman, der Drummer der Winstons, der den Beat 1969 eingespielt hatte, ist 2006 gestorben. Er war pleite und obdachlos. Auch das Label von damals gibt es längst nicht mehr.

Deshalb bemerkte so lange keiner der Urheber den Siegeszug des Samples. Und selbst, wenn es jemand bemerkt hätte, hätte das nicht automatisch unendlichen Reichtum bedeutet. Denn es gibt für die Verwendung von Samples keine eindeutige Vergütungsregelung. Generell ist es nicht erlaubt, das Werk eines anderen einfach so zu verwenden. Aber im konkreten Fall wird oft darüber gestritten, wo die Grenze verläuft. Ist ein einziger Takt schon einzigartig genug, um ihn zu schützen? Sind es die vier Takte des Amen Breaks? Oder kommt da ein guter Drummer vielleicht auch so drauf?

Wie schwer solche Entscheidungen sind, merkt man, wenn man sich ein paar der vielen Songs anhört, in denen das Amen-Break verwendet wird. Auf der Seite Whosampled.com werden 1468 Songs aufgelistet, die das Break enthalten sollen. The Prodigy tauchen da auf, genauso wie Aphex Twin und Skrillex, sogar Slipknot und die Titelmelodie der Zeichentrickserie Futurama stehen auf der Liste. Mal läuft das Sample im Originaltempo, mal als langsamer HipHop-Kopfnicker-Beat, mal als treibender Jungle-Beat mit Bass unterlegt. Mal wurde das ganze Sample verwendet, manchmal nur ein Schnipsel – und manchmal fragt man sich, ob da nicht einfach ein Schlagzeuger was sehr Ähnliches aufgenommen hat.

Hinter der Spendenkampagne steckt Martin Webster, 42, DJ aus Großbritannien. Er sei mit Rap, UK Jungle und Drum and Bass aufgewachsen, das Amen Break habe ihn sein Leben lang begleitet, schreibt er. Als er den Komponisten Spencer in einem BBC-Interview hörte und erfuhr, dass der Erfolg seines Songs vollkommen an seinem Urheber vorbei gegangen war, beschloss er, das zu ändern. Mit der Spendenaktion wolle er den Schöpfern des „wahrscheinlich berühmtesten Samples aller Zeiten“ etwas zurückgeben. Er ruft alle, die das Sample je benutzt haben – oder die Songs, in denen es vorkommt, gehört haben –  dazu auf, das auch zu tun. Sollten all diese Menschen dem Aufruf folgen, könnte es sein, dass bei Richard Lewis Spencer bald wieder das Telefon klingelt und er sich wundert: wenn Martin Webster ihm sagt, welche Summe er ihm überweisen wird.


Text: christian-helten - Foto: Screenshot

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