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Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Sagen Fußballfans. In trauriger Regelmäßigkeit tritt das Geschehen auf dem grünen Rasen aber in den Hintergrund und andere Ereignisse im Stadion bestimmen die Schlagzeilen. So geschehen auch am vergangenen Dienstagabend, während des EM-Qualifikationsspiels zwischen Italien und Serbien. Nachdem sich der Anpfiff wegen der Ausschreitungen serbischer Fans um eine halbe Stunde verzögert hatte, wurde das Spiel bereits nach sieben Minuten endgültig abgebrochen. Als der italienische Torwart von einem Leuchtgeschoss aus dem serbischen Block getroffen wurde, drohten die Krawalle in der Folge zu eskalieren.

Die Festnahme von Ivan "dem Schrecklichen" Bogdanovic Soweit also die Fakten, aber dahinter steckt viel mehr, als nur eine Handvoll aggressiver Hooligans. Neben 35 weiteren „Fans“ ging auch Ivan Bogdanov der Polizei ins Netz, als er versuchte, versteckt im Gepäckfach eines Fanbusses, zurück nach Serbien zu gelangen. Der 30-Jährige gilt den Behörden als der Rädelsführer der Randale, der die Stimmung aufheizte und maßgeblich am Gewaltausbruch beteiligt war. Er zerschnitt ein Sicherheitsnetz gegen Wurfgeschosse, verbrannte die albanische Flagge und zeigte mehrfach den faschistischen Gruß. Ivan Bogdanov scheint jedes bekannte Klischee über Hooligans zu erfüllen: mehrfach vorbestraft, unter anderem wegen Körperverletzung und Drogenbesitz, offiziell arbeitslos mit gelegentlichen Jobs bei Sicherheitsfirmen, Anführer eines Ultra-Fanclubs von Roter Stern Belgrad. Doch seine Personalie lässt tiefer blicken und steht exemplarisch für den lange schwelenden Konflikt zwischen Kosovo-Albanern und Serben. Unübersehbar und in mehrfacher Ausführung ist die Zahl 1389 auf seinem bulligen Körper eintätowiert. In diesem Jahr unterlag das serbische Heer den Osmanen auf dem Amselfeld, das Datum wird als Erkennungsmerkmal der ultranationalistischen serbischen Rechten gebraucht. Bereits 2004 war Ivan an gewalttätigen Protesten gegen die Unabhängigkeit des Kosovo beteiligt, später geriet er im Zuge der Ausschreitungen gegen die Verhaftung des Kriegsverbrechers Radovan Karadzic und einem Brandanschlag auf die amerikanische Botschaft ins Visier der Polizei. Während er damals noch ein nützliches Werkzeug der Nationalisten war, distanzieren sich Belgrads Politiker und Offizielle inzwischen von seinen Taten. Präsident Boris Tadic entschuldigte sich bei seinem italienischen Pendant Silvio Berlusconi, ebenso die serbische Botschafterin in Rom. Der serbische Verbandspräsident Tomislav Karadzic bezeichnete das Verhalten seiner Landsleute als „Schandfleck“ und sah darin einen „Angriff auf unseren Staat“. Auch die serbischen Medien drängen nun unisono auf „eine entschlossene Aktion, um den Hooligans ein für alle Mal den Garaus zu machen“. Wie ernst es um solche Bemühungen tatsächlich bestellt ist, wird die Zukunft zeigen. Die Geschehnisse in Genua kamen alles andere als überraschend: Bereits am vorhergehenden Sonntag lieferten sich etliche der nach dem Fußballspiel festgenommen Hooligans Straßenschlachten mit der Polizei, als sie gemeinsam mit rechtsextremen und nationalistischen Gruppierungen gegen eine Schwulenparade in Belgrad demonstrierten. Ivan blieb unbehelligt und konnte noch am selben Tag den Weg nach Italien antreten, allen Warnungen zum Trotz. Ans staatliche Fernsehen ergingen Hinweise, man solle vom Kauf der Übertragungsrechte absehen, denn „es werde sowieso abgebrochen“. Angeblich wurden die italienischen Sicherheitskräfte über die drohenden Ausschreitungen und die Anreise gewaltbereiter Fans informiert. Die serbischen Kollegen hatten zunächst beteuert, ein entsprechendes Fax geschickt zu haben, wollten darauf im Nachhinein aber nicht mehr bestehen. Das Problem ist wahrlich nicht neu, alleine 2009 sind in Serbien Hunderte Strafanzeigen wegen Randalen im Zusammenhang mit Fußballspielen eingegangen, von denen aber keine zur Verhandlung kam. Wirkliches Interesse an einer Lösung scheint niemand an den Tag zu legen, ganz im Gegenteil. Die Ausschreitungen bieten eine öffentlichkeitswirksame Plattform für die politischen Parolen der extremen Rechten, mit den Krawallen soll die Annäherung Serbiens an die EU sabotiert werden. Ultranationale Kräfte erhoffen sich durch die Destabilisierung vorzeitige Neuwahlen, die Schläger in den Stadien kommen ihnen gerade Recht. Und die Fußballspieler selbst? Der serbische Kapitän Dejan Stankovic und einige seiner Mitspieler offenbarten eine recht eigenwillige Deeskalationsstrategie: zur „Beruhigung“ erboten sie den serbischen Gruß – oder waren es doch nur drei gereckte Finger, um vor der drohenden 0:3 Niederlage am grünen Tisch zu warnen und so die eigenen Fans zur Raison zu bringen? Wie auch immer diese Geste gemeint war, kein Zweifel kann jedenfalls daran bestehen, dass der Ausgang des Ermittlungsverfahrens – und damit die Wertung des abgebrochenen Spiels – Ivan und den anderen festgenommenen Gewalttätern herzlich egal sein wird. Wenn es ihr Ziel war, den albanisch-serbischen Konflikt neu anzuheizen, dann haben sie dies am vergangenen Dienstag erreicht: Bereits einen Tag später protestierende etliche Kosovo-Albaner vor der serbischen Botschaft in Tirana und verbrannten ihrerseits serbische Nationalflaggen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die aufgeheizte Stimmung schnell wieder abkühlt – Fußball mag eine Nebensache sein, die eskalierende Gewalt von Genua ist es jedenfalls nicht.

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