Sprit für die Welt

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Es gibt dieses Supermarktkassenmistgefühl, das sich in letzter Zeit vermutlich bei vielen immer wieder einstellt. Da hat man eigentlich nur ein paar Kleinigkeiten für den anspruchslosen Einpersonhaushalt ins Körbchen geladen und schon verlangt der Mensch an der Kasse einen zweistelligen Betrag. Auch wenn der Satz „alles wird immer teurer“ irgendwie nervt: Er stimmt leider und das hat mit Inflation und Mehrwertsteuer gar nicht mal so viel zu tun. Tatsächlich steigen die Preise für Nahrungsmittel derzeit mit einer kaum fassbaren Rasanz. Allein Weizen ist in den letzten Monaten auf dem Weltmarkt um 25 Prozent teurer geworden. Doch während sich der durchschnittsdeutsche Supermarktbesucher nur kurz grämt, über die 25 Cent, die das Brot jetzt mehr kostet, haben die plötzlichen Preisveränderungen eine gravierende Folge für die Entwicklungshilfe.

Dürre in Niger, Bild: rtr Zum einen steht der akuten Hungerhilfe eine mittlere Katastrophe bevor. Allein das US-amerikanische Programm USAID hat vor ein paar Tagen bekannt gegeben, dass auf Grund der Nahrungsmittelpreise bereits 200 Millionen Dollar fehlen. Die USA stellen etwa 40 Prozent der Nahrungshilfe des Welternährungsprogrammes der Vereinten Nationen (WEP). Das meldete selbst vor kurzem erst ein Defizit von 500 Millionen Dollar an. In den nächsten Tagen erhalten deswegen die Geberländer offizielle Appellschreiben von der Organisation, mit finanzieller Unterstützung einzugreifen. „Uns fehlt rund ein Drittel des Budgets“, sagt Ralf Südhoff, vom deutschen Büro des WEP. „Weizen, Reis, Mais und Soja sind die Grundnahrungsmittel, die wir an die Hungernden ausgeben. Genau da sind die Preise im letzten Jahr um 40 Prozent gestiegen.“ Die Hilfsorganisationen kommen da nicht hinterher. In Ländern wie Togo oder Kamerun geben Arme bereits 60 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrung aus. In Afghanistan kostet der Weizen derzeit 67 Prozent mehr als im letzten Jahr. Immer weniger Afghanen sind daher in der Lage, sich noch selbst zu versorgen, auch wenn sie gerade nicht unmittelbar von den Kämpfen dort betroffen sind. „Das bedeutet, dass wir zweieinhalb Millionen Menschen mehr versorgen müssen, als in unseren Berechnungen geplant“, sagt Südhoff. Bisher bleibt offen, wie das ohne eine massive Aufstockung der Mittel geschehen soll. Drei Probleme haben zu der Situation geführt: Zum einen wächst neben den Ölpreisen und damit Transportkosten auch der Nahrungsverbrauch in den Boomregionen. Allerdings nicht, weil da jetzt alle mehr Reis oder Brot essen. „In Indien und China bildet sich glücklicherweise eine Mittelschicht, die sich leisten kann, mehr Fleisch zu essen“, sagt Südhoff. Mehr Zuchtvieh verbraucht mehr Getreide: Eine Negativbilanz, weil viel mehr Kalorien in ein Tier gefüttert werden, als am Ende beim Fleischverzehr heraus kommen. Hinzu kommt der Klimawandel mit seinen Dürren und Flutkatastrophen. Und dann ist da noch das, was viele für ein gutes Mittel gegen den Klimawandel halten: der Biosprit. Allein in den USA ist vergangenes Jahr etwa ein Drittel des Mais in die Produktion von Ethanol geflossen. Vor allem aber in Südamerika wird der Biospritboom zum Problem. In Mexiko kam es im vergangenen Jahr bereits zu Unruhen, weil sich die Menschen auf einmal keine Maistortillas mehr leisten konnten – das absolute Basic der mexikanischen Küche. Wolf-Christian Ramm von Terre des Hommes hält den Ethanolboom für ein „großes, großes Problem.“ Nicht nur, weil mehr Menschen Hunger leiden, sondern auch, weil er zu mehr Gewalt führt. „In gewalttätigen Gesellschaften wie Kolumbien gibt es schon genügend Probleme, zumal wegen der ungerechten Bodenverteilung. Weil Maisanbau wegen des Ethanolbedarfs jetzt noch profitabler wird, kommt es immer öfter dazu, dass die Menschen von dem bisschen Land, das sie besitzen, mit Gewalt vertrieben werden.“

Die USA haben im vergangenen Jahr ein Drittel ihres Maisanbaus in Ethanol investiert. Bild: AFP So entsteht ein gewaltiger moralischer Konflikt zwischen dem Bedarf nach klimafreundlichem Brennstoff in den Industrienationen und den verheerenden Folgen – Hunger, Gewalt – den dieser für die armen Regionen hat. „Bio ist hier ja auch positiv behaftet, die Leute meinen, sie tun was Gutes, wenn sie mit Ethanol fahren“, sagt Ramm. Dass es nicht so einfach ist, ist natürlich schwer zu erklären. Ralf Südhoff von WEP hat allerdings eine ganz klare Meinung dazu: „Der massive Ausbau des Biosprits ist nicht haltbar. Weil wir im Norden meinen, immer und überall Auto fahren zu müssen, wird der Hunger im Süden immer größer.“ Auch Bernhard Walter, der Referent für Landwirtschaft und Ernährungshilfe bei Brot für die Welt hält die derzeitige Entwicklung für extrem kritisch. „Man kann es sich leider nicht so einfach machen, Benzin durch Ethanol zu ersetzen“. Seiner Einschätzung nach sehen das Klimaschutzaktivisten auch so. Deswegen versuchen die Hilfsorganisationen nun, durch Lobbyarbeit politisch Druck auf die Brennstoffproduktion zu machen. Im Februar fand bereits eine Anhörung im Bundestag zum Thema statt. Die konkrete Nahrungsmittelhilfe steht trotzdem vor einem Problem. „Die Situation wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verschärfen, die Preise werden steigen“, sagt Walter. Das bedeutet vor allem einen Einbruch bei der langfristigen Ernährungshilfe. „Auch wenn Katastropheneinsätze nach wie vor gewährleistet werden, werden wir in anderen Regionen dafür massiv einsparen müssen“. Für das Ziel der Vereinten Nationen, bis 2015 die Zahl der 850 Millionen Hungernden weltweit zu halbieren sieht es also düster aus. Nicht nur wegen des Klimawandels, sondern auch wegen dem, was wir dagegen bisher tun.

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