Studenten vergeben den Bachelor-TÜV

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Illustration: daniela-pass Zu tun gibt es genug: Erst ein Viertel der über 3000 Bachelor- und Master-Studiengänge hat das Siegel. Zudem gibt es immer wieder Kritik: zu langsam, zu unflexibel oder zu undemokratisch sei das System der Qualitätssicherung, mit dem die Hochschulen "akkreditiert" werden. Das Ganze klingt auch kompliziert: Da ist zunächst der Akkreditierungsrat, der so genannte Agenturen brieft. Die wiederum stellen für den zu prüfenden Studiengang ein Gutachterteam zusammen, das irgendwann an deiner Hochschule auftaucht, um das neue Konzept abzunehmen. Bislang konnten und sollten Studenten (neben Professoren und Praxisvertretern) am Gutachten teilnehmen, waren aber nicht immer dabei. Seit diesem Jahr ist ein studentischer Gutachter nun Pflicht. Übersetzer zwischen Prof und Fachschaft Jemand wie Martin Peters. Von Bamberg bis Witten-Herdecke hat der BWL-Student in den letzten zwei Jahren Unis unter die Lupe genommen. Kriterien sind dabei etwa eine internationale Ausrichtung, Berufsqualifikation oder wissenschaftliche Befähigung. Als Student achtet Martin vor allem darauf, unrealistische Anforderungen und Überforderung zu vermeiden. „Immer wieder ist einiges davon nur mir aufgefallen“, sagt der 28-Jährige. Sollen beispielsweise acht Klausuren in einer Woche geschrieben werden, legt Martin sein Veto ein. Besonders wichtig ist ihm das Gespräch mit den Studenten vor Ort, denn die wissen oft am besten, wo es hakt. Wenn sich die Professoren im Fachjargon verheddern, hilft Martin aus: „Ich musste schon einige Male zwischen Prof und Fachschaft übersetzen.“ Als aktiver Fachschaftler erfuhr er über eine Tagung vom "Studentischen Akkreditierungs-Pool“. Der Pool, der eine Initiative der verschiedene Studenten-, Fachschaften- und hochschulpolitischen Verbände ist und seit fünf Jahren existiert, vermittelt bundesweit studentische Gutachter an die Agenturen.

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Illustration: Julia Schubert

Christian Haberecht Auch wenn es von studentischer Seite Kritik an dem gesamten Verfahren gibt, das Recht auf Mitbestimmung wollen sie sich nicht nehmen lassen. „Wer die Studierenden vertritt, das bestimmen die Studierenden selbst - und nicht irgendeine Agentur“, erläutert Christian Haberecht, 28 und Geschäftsführer des Pools. Denn die Agenturen können sich die Studenten auch anderweitig suchen. Damit also nicht der prüfende Professor einfach seine pfiffige Hilfskraft mitbringt, wählen die Verbände selbst Studenten aus. Positives Feedback statt linke Invasion Im Prinzip kann beim Bachelor-TÜV jeder Student mitmachen. Allerdings nicht an der eigenen Uni und meist sogar nur in anderen Bundesländern. Als Gutachter sollte man sich aber in Sachen BA/MA und im eigenen Fach gut auskennen. Deshalb sucht der Pool auf Fachschafts-Tagungen nach geeigneten Leuten, organisiert Schulungen und Planspiele. Diese Vorbereitung macht sich bemerkbar, findet Martin: "Eigentlich fast traurig, aber ich glaube, die Studierenden haben oft die meiste Ahnung von der Materie." Dass sie nicht als linke Invasion gesehen, sondern ernst genommen werden, zeigt das positive Feedback. So sollte Martin in einem Fall als leitender Gutachter den Abschlussbericht schreiben. Dafür müssen aber erst mal zwei volle Aktenordner durchgeackert werden. „40 Wochenstunden kommen da schon mal zusammen“, sagt Martin. Dazu kommen noch die zweitägigen Unibegehungen und Gutachtergespräche. Die verlockenden 300 bis 600 Euro Aufwandsentschädigung samt Fahrtkostenerstattungen gehen da schnell weg. „Mehr Fleisch auf der Brust“ Mittlerweile sind mehr Studenten mit Fächern von Politik bis Forstwirtschaft im Pool vertreten und, so Pool-Verwalter Christian Haberecht, "bei 90 Prozent der Uni-Verfahren sind unsere Leute dabei." Was der Pool aber brauche, sagt Christian, sei „mehr Fleisch auf der Brust“. Einerseits benötigt er noch mehr Studenten, vor allem aus Fachhochschulen und mit spezieller Fächervielfalt. Auf der anderen Seite fehlt es an finanzieller Unterstützung. Während in den Agenturen Referenten hauptberuflich arbeiten, hat Christian eine Sieben-Stunden Stelle, bezahlt von den studentischen Verbänden. „Das ist weniger als ein Hiwi-Job. Das ist nicht die ideale Basis“, formuliert er vorsichtig. Die Anerkennung der eigenen Arbeit gibt zwar Hoffnung auf Unterstützung, aber wie genau es mit dem Pool weitergeht, da wollen sich die Vertreter des Akkreditierungsrates nicht festlegen. Martin Peters jedoch ist sich sicher: „Der studentische Pool ist wichtig. Ohne ihn würde mir die Bezeichnung Qualitätssicherung für die Akkreditierung sehr schwer fallen.“ Wegen der Auftragslage muss sich der Pool jedenfalls keine Sorge um die Zukunft machen. Alle fünf Jahre muss die Uni erneut zum TÜV. Auf der Seite des Akkreditierungsrates kannst du sehen, wie es um den Akkreditierungsgrad des Faches deiner Wahl bestellt ist: Eine Suche findest du unter „akkreditierte Studiengänge“. Was ist dran und was ist schwierig am Akkreditierungsverfahren: Der freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften bezieht hier Position. Auch beim Studentischen Pool gibt es mehr Hintergründe zum Thema.

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