Tausende Studenten demonstrieren. Aber wer geht zur Hochschulwahl?

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Andreas Pongratz, Ludwig-Maximilians-Universität München, Außenvertretung Vorstand Allgemeiner Studierendenausschuss. Die Wahlen fanden am 27. und 28. Juni statt. Die Wahlbeteiligung lag bei 8,29 Prozent. Die einen sagen: Hochschulwahl bringt ja eh nichts. Andere sagen, ja okay, dann geh ich halt wählen - wo ich schon zufällig in der Uni bin. Eigentlich, finde ich, sollte jeder Student wählen gehen. Weil er die Möglichkeit hat, aktiv Entscheidungen zur Hochschulpolitik zu treffen. Für die Berufungen, Finanzierungen und vieles andere ist entscheidend, was der Student möchte! Hier in München ist leider alles so gestrickt, dass wir möglichst wenig zu melden haben. Das heißt, es gibt einen für unabhängig erklärten AStA, der nicht im Hochschulgesetz verankert ist. Das ist alles sehr kompliziert und macht es zusätzlich schwierig bei den Wahlen. Wir versuchen daher, bestmöglichse Aufklärungsarbeit zu leisten und erklären zum Beispiel, dass die Fachschaften Mitglieder auf die Fachschaftenkonferenz entsenden, die wiederum den ASta wählt. Zur Wahl haben wir die Leute über die Campusmailboxen aufgerufen, außerdem gab es Werbung durch die Fachschaften und Flyer. Dass sie nicht viel zu melden haben, ist den meisten Studenten bewusst. Das Ganze ist eher ein Strukturproblem: Die Wahllokale sind irgendwo, viele Studis sind zu der Zeit nicht bei der Uni, viele fahren auch nicht extra in die Uni, um zu wählen. Daher wollen wir erreichen, dass man drei statt wie bisher zwei Tage lang die Möglichkeit hat, zu wählen. Am aktivsten bei der Wahl sind übrigens die Statistiker! Da ist die Beteiligung nach dem ersten Wahltag dieses Jahr schon bei über 20 Prozent gewesen. So ist es oft bei den kleinen Fächern, die haben häufig aktivere Studierende, die Leute kennen sich besser und tun was. Bei Themen wie Studiengebühren kann man auch mal andere Gruppen mobilisieren, im Prinzip sind es aber immer die gleichen Leute, die sich engagieren. Zusätzliche Leute sind selten da, wenn bei einer Protestaktion AStA und Fachschaft engagiert sind. Ein Problem ist auch, dass wir einen hohen Verschleiß an Leuten haben: Viele fangen an, reiben sich auf und merken, es bringt nichts. Manche kommen vor lauter Engagement überhaupt nicht zum Studieren, die haben dann ihr Studium nach den Veranstaltungen organisiert. Für unsere Veranstaltung "Rock gegen Studiengebühren" sind zum Beispiel zwei Monate an Vorbereitung drauf gegangen - zum Glück habe ich vorher schon ziemlich viel studiert, so dass ich das machen konnte.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Ein Eindruck von den Studentenprotesten in Wiesbaden am 28. Juni. Wieviele dieser Leute wohl an der Hochschule gewählt haben?(Foto: ddp) +++ Anna Bauß, AStA-Vorstand an der Uni Freiburg, Bündnis unabhängiger Fachschaften. Die Wahlen fanden am 13. Juni statt. Die Wahlbeteiligung lag bei 13,37 Prozent. Selbstverwaltung gehört einfach zum Studieren dazu - daher war ich vom ersten Moment meines Studiums an engagiert. Viele Leute kommen aber an die Uni und sehen das als Fortsetzung der Schule. Das Studium wird als Ausbildungsabschnitt empfunden, das ist ein Problem an der niedrigen Wahlbeteiligung. Die wissen nicht, dass hier das Prinzip der Selbstverwaltung herrscht und der Sinn der Wahlen erschließt sich ihnen nicht. Selbst bei großer Mühe ist die Aufklärung darüber allein durch den Asta nicht zu bewältigen. Dafür müsste eigentlich die Uni sorgen und die Studenten informieren. Wahrscheinlich sind die Leute das Über-sich-selbst-Bestimmen auch nicht gewöhnt, die Uni ist zudem sehr hierarchisch aufgebaut – man selbst sieht sich als kleinen Wicht am unteren Rand. Ein Ansatz wäre mal, dass jeder Student ein Seminar dazu besuchen muss, wie die Uni funktioniert! In Baden-Württemberg gibt es keine verfasste Studierendenschaft. Unsere grobe Taktik ist daher, dass sich die Studierendenschaft für unabhängig erklärt und so hochschulpolitisch aktiv werden kann. Es ist aber schwer, den Leuten die Notwendigkeit des AStA nahe zu bringen. Jeder kann prima Studieren, ohne einmal den AStA besucht zu haben! Selbst den Profiteuren des Asta-Service ist das Angebot nicht unbedingt bewusst. Das ist – in Maßen - auch ein Kommunikationsproblem. Aber wenn die Leute nicht zuhören oder nicht wissen, wie sie mit der Information umgehen sollen, bringt das auch nichts. Bei den Studiengebühren ist das eindeutiger - für ein so konkretes Thema sind die Leute leichter in Bewegung zu bringen, das kommt den ASten wiederum zugute. Was ich sagen kann, ist: Wählen gehen lohnt sich schon deshalb, damit die eigenen Kinder später nicht nur noch Kunden der Universität sind. +++ Sascha Decristan, Liste Fachwerk, Asta Technische Universität Darmstadt. Die Wahlen fanden vom 19. bis 22. Juni statt. Die Wahlbeteiligung lag bei 30,88 Prozent. Ich bin schon mein ganzes Leben politisch engagiert, weil ich meine Lebensbedingungen gestalten und nicht ertragen möchte. Zum AStA bin ich bei den Protesten gegen die Einführung von Langzeitstudiengebühren gekommen. Unsere Wahlbeteiligung lag dieses Jahr bei 30,88%, letztes Jahr waren es sogar 43,5 Prozent. Für diese ausgesprochen guten Ergebnisse haben wir auch ausgesprochen viel gearbeitet. Wir haben massiv Öffentlichkeitsarbeit betrieben und genau erklärt, was wir machen - ob wir einen Teil des Semesterbeitrags erhalten, hängt davon ab, ob die Wahlbeteiligung mindestens 25 Prozent beträgt. Wir haben deshalb eine richtige Wahlwerbekampagne gestartet. Es gab Aufkleber, Plakate und die Leute wurden persönlich angeschrieben. Mit „25+X“ haben wir eine richtige Marke entwickelt. Die einzelnen Hochschulgruppen hatten Wahlstände und die Kampagne wurde von den Fachschaften mitgetragen, für die ja auch ein großer Teil des Geldes ist. Wenn, dann gibt es bei den Wahlen höchstens räumliche Probleme, weil Institute weit weg von der Stadtmitte sind, wo die Wahllokale sind. Die geringe Wahlbeteiligung in anderen Regionen liegt meiner Meinung daran, dass viele ASten nicht genug Wert darauf legen, ihre Arbeit nach außen zu kommunizieren. Dass viele Angebote ohne Wahlen bedroht sind, zum Beispiel das Semesterticket, ist den Studenten nicht bewusst. Die Studierenden bringen diese Leistungen nicht mit dem Asta in Verbindung. Ein weiterer Grund für die geringe Wahlbeteiligung ist ein generelles politisches Desinteressse, das in der Gesellschaft herrscht, einfach eine unpolitische Lebenseinstellung. Bei einer Demo in Hamburg zum Beispiel gehen von 30.000 Studenten nur 5.000 auf die Straße. Wenn man das mit Frankreich vergleicht, da gehen alle Studierenden auf die Straße und kippen zum Beispiel ein Gesetz. Oft hört man: Wir können da auch nichts ändern. Das ist so eine Übergewalt der Politik gegenüber dem Ich! Wir wollen in unserer Arbeit die politischen Belange der Bevölkerungsgruppe Studenten gegenüber der Öffentlichkeit und der Hochschule vertreten. Wo sind Studenten, die keine Unterstützung von zu Hause haben? Wo muss man helfen, dass es solidarisch zugeht? Auch Serviceleistungen wie Schuldnerberatung, Autoverleih für Umzüge oder Förderung des kulturellen studentischen Lebens gehören zu unserem Angebot. +++ Ronny Patz, Liberale Hochschulgruppe FU Berlin. Die Wahlen fanden vom 17. bis 19. Januar statt. Die Wahlbeteiligung lag bei 12,13 Prozent. Wir sind davon weg gekommen, die Aufmerksamkeit der Leute nur vor den Wahlen zu suchen. Mit unserem Blog, mit Flyern und Treffen in Uninähe versuchen wir, zu mobilisieren. Plakate helfen nicht, es gibt zu viele und sie werden abgerissen. Als wir im Januar 2006 drei Sitze errungen haben, war das ein überraschender Erfolg! Wir sind die fünftstärkste Liste. Von den 40.000 Studierenden bei uns haben zehn bis zwölf Prozent gewählt - die hatten die Auswahl unter 50 verschiedenen Listen! Die Wähler verstehen dann natürlich nicht, wer wohinter steht. Und dem meisten ist auch nicht klar, dass wir ein Budget von einer halben Million Euro haben! Unsere Gruppe ist gegen Studiengebühren. Nicht nur weil wir für Chancengleichheit sind. Auch aus pragmatischen Gründe, weil das nicht organisierbar ist. Da wird nur Geldschöpfung betrieben, keine bessere Lehre. Es ist schwierig, neue Leute zu finden, die mitmachen. Im letzten Jahr haben wir zum Beispiel nur vier neue Mitglieder bekommen und viele kommen nur hin und wieder. Es ist wichtig, dass Leute kommen, die sich engagieren, nur in der Kontinuität kann man die Uni verstehen. Viele sehen ja gar nicht, was sie tun können. Wir machen zwar viel - aber wenn niemand davon liest, sind wir nicht existent!

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