Cameron und Tyler Winklevoss haben es weit gebracht in ihrem noch jungen Leben. Obwohl die beiden Zwillinge gerade erst die magische 30 überschritten haben, können sie jeweils bereits auf ein abgeschlossenes Harvard-Studium, eine Olympia-Teilnahme im Rudern und auf einen Hollywood-Film zurückblicken, der streckenweise auf ihrem bewegten Leben basiert. Das Film-Debüt jedoch dürfte den beiden wohl mehr Kopfschmerzen als Stolz bereitet haben, die Geschichte ist eher ein schwarzer Fleck im akkuraten Lebenslauf der beiden Millionärssöhne. Dabei fing alles so gut an: mit einer revolutionierenden Idee.



Camerons und Tylers Geschichte wurde von Hollywood-Regisseur David Fincher vor zwei Jahren verfilmt. Der Streifen „The Social Network" war ein überaus erfolgreicher Film, der von der Entstehungszeit Facebooks erzählt. In dem Drama werden die zwei Winklevosse als Vordenker und Gründer des bereits vom Netz genommenen sozialen Netzwerkes „Harvard-Connection" präsentiert, das mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit den Impuls zum Internetgiganten Facebook lieferte.

Mark Zuckerberg machte dieser Impuls reich. Ob dieser Erfolg schlussendlich auf einem Plagiat beruht, war Gegenstand des Filmes und eines langjährigen Rechtsstreits, der vor kurzem in einem Vergleich endete. 20 Millionen Dollar in bar und Aktien im Wert von derzeit 45 Millionen Dollar haben die beiden betuchten Ivy-League-Studenten aus dieser Geschichte mit herausgenommen. Kein Gegenwert zu Facebook, jedoch genug, um es in ein anderes soziales Netzwerk zu reinvestieren. In SumZero.

Facebook und das neue Investitionsgebiet der Zwillinge könnte allerdings nicht unterschiedlicher sein. Facebook ist aktuell kurz davor, die Milliarden-Hürde an Nutzerzahlen zu knacken. SumZero zählt für Social-Network-Verhältnisse geradezu lächerliche 7.500 Mitglieder. Facebook ist zudem offen für Jedermann, während SumZero ein geschlossenes Netzwerk ist. In etwa so wie „Schwarze Karte", das deutsche Elite-Netzwerk, das aufgrund seines ausgrenzenden Wesens eigentlich nie eine Chance gehabt hat und irgendwann in der Versenkung verschwand. SumZero ist ein Netzwerk für Finanzmarktakteure, die sich dort ungestört über Anlagenentscheidung austauschen können. Eine elitäre Community für einen elitären Zirkel, die für noch mehr Verschwiegenheit in der Branche sorgen soll.



Es werden nur ganz spezielle Trader der sogenannten „Buy-Side" in das Netzwerk aufgenommen, handverlesene Händler, die auf dem Finanzmarkt als private Käufer auftreten. Die Rede ist hier von abgeklärten Hedgefond-Managern und Private-Equity-Unternehmern. SumZero soll diesen Akteuren die Möglichkeit geben, sich unbeobachtet und fernab jeglicher Öffentlichkeit über kommende Investitionen im Web auszutauschen und ihr Expertenwissen mit anderen zu teilen. Ein gelebtes Credo dieser Kreise, das bei vielen Beobachtern im Umkehrschluss für Missgunst sorgt. Denn genau das haben Bewegungen wie Occupy und selbst die gemeinen Bildungsbürger in den letzten Monaten im realen Leben immer wieder stark kritisiert. Heuschrecken, die hinter verschlossenen Türen agieren. Mit SumZero, kann dies nun weiterhin geheim und doch ganz offensichtlich im Netz fortgeführt werden.

Wer nun denkt, hinter den digitalen Schranken wird sowieso nichts ausgetauscht und der Hort der Übernahmepläne ist und bleibt der Konferenztisch, der irrt. Denn was SumZero auch ausmacht, ist das Community-Gesetz, das Nutzer dazu anhält, sich regelmäßig mit Empfehlungen und Einschätzungen in die Spekulationsblase zu begeben. Wer das nicht tut, fliegt nach sechs Monaten raus. Klar ist dann auch: Wer schlechte oder sich nicht auszahlende Tipps abgibt, verliert seinen Ruf. Und das ist das Gegenteil dessen, was ein SumZero-Nutzer will, werden doch nur die Besten mit dem größten Gespür für das nächste schnelle Geld in diesen Kreisen als Koryphäe hochgehalten.

Die Verantwortlichen verkaufen das Netzwerk natürlich ganz anders. Nicht nur, dass die Winkelvosse sich in diesen Zirkel mit Ihrer Investition nun selbst auch hereingekauft haben, sie glauben auch daran, dass SumZero eine tolle Alternative zum „sell-side research" liefert und dass das Netzwerk künftig für einige interessante Joint-Ventures sorgen kann. Dass die Protagonisten auf der „Buy Side" allerdings keinen geregelten Märkten unterliegen und sie mit ihrem Gebaren kleine Firmen schlucken und in den Ruin treiben, vergisst man bei SumZero anscheinend – oder es ist einem egal. Seit Beginn der Finanzkrise debattiert die Politik darüber, ob und wie man solche Akteure an die sprichwörtliche Leine nehmen und zu mehr Transparenz zwingen kann. Die Winkelvosse hingegen unterstützen die digitale Intransparenz mit einer Millionen-Investition.

Der Schock, eine Chance wie Facebook verpasst zu haben, scheint die privilegierten Vorzeige-Söhnchen getroffen zu haben. Eine Investition in ein Netzwerk für üble Gestalten sollte dies jedoch nicht rechtfertigen. Viel Rauch um nichts? Man wird sehen. Der zweite Teil des Social-Network-Dramas scheint nicht weniger brisant und aufreibend zu werden. Demnächst im Kino deines Vertrauens. 

Text: andreas-weck - Fotos: dpa, SumZero