Tout Sauf Sarkozy: Die Wahl-Parole aus der Banlieue

Am Sonntag findet der zweite und entscheidende Wahlgang zur Französischen Präsidentschaft statt. Zwei Tage vor der Wahl konnte Frankreichs Ex-Innenminister Nicolas Sarkozy seinen Vorsprung in Umfragen gegenüber der sozialistischen Kandidatin Ségolène Royal auf neun Prozentpunkte ausbauen. Schlechte Nachrichten für den Journalisten und Essayisten Nadir Dendoune und viele andere aus der französischen Banlieue.
florian-kaindl

Man hat sich noch gar nicht richtig vorgestellt, und schon geht es los. Kaum kommt einem das böse S-Wort- „Sarkozy“- über die Lippen, stößt Nadir Dendoune am anderen Ende der Leitung Verwünschungen aus. Seine angenehm weiche Stimme passt nicht wirklich zu dem, was er sagt. „Sarkozy macht eine Scheißpolitik“, schimpft er. „Er hat bisher nur Scheiße gebaut. Er ist der Schlimmste. Ich will verdammt noch mal nicht, dass er Präsident wird.“

Nadir Dendoune Nadir, 34, ist Sohn algerischer Einwanderer und stammt aus der Banlieue von Seine-Saint-Denis. Dort, wo im Herbst 2005 die Autos brannten, und die feindselige Stimmung gegenüber dem amtierenden Innenminister Nicolas Sarkozy auf dem Höhepunkt war. Glaubt man Nadir, ist sie wieder auf bestem Wege dahin. Für den Fall, dass Sarkozy tatsächlich Präsident wird, kündigt er „auf jeden Fall“ Proteste in den Banlieues an. „Sarkozy sagt, Einwanderer, die sich nicht anpassen, also Frankreich nicht lieben, könnten gleich wieder gehen“, sagt Nadir. „Da fehlt es einfach an Respekt. Ich bin in Frankreich geboren, ich mag dieses Land. Aber wer wie ich in der Banlieue aufwächst, hat es nicht leicht. Das liegt nicht an Sarkozy allein, aber solange er derart arrogant über uns urteilt, kann er nicht unser Präsident sein.“ Vorläufig hat Nadir sich schon mit Worten abreagiert, in seinem Buch „Lettre ouverte à un fils d´immigré“ (Offener Brief an den Sohn eines Einwanderers). Darin bezieht er sich auf seine Jugend in der Banlieue, auf Polizeikontrollen, auf die erfolglose Jobsuche, auf die ständige Diskriminierung im täglichen Leben. Auf die Tatsache, allein wegen der Nummer des Departments-93- zum chancenlosen Außenseiter zu werden.

Nicolas Sarkozy Vor allem aber wendet er sich direkt an Nicolas Sarkozy, der selbst Sohn eines ungarischen Einwanderers, und als Innenminister für das strenge Polizeiregiment in den Banlieues verantwortlich ist. Den offenen Hass, der ihm von dort entgegenschlägt, nimmt Sarkozy bewusst in Kauf- spätestens, seit er während der Unruhen 2005 davon sprach, die Vorstädte mittels „Kärcher“ vom „Gesindel“, von jugendlichen Randalierern, zu befreien. Der Zorn über diese Äußerung schwingt immer noch mit, wenn Nadir am Telefon das Fluchen anfängt. Mit seinem Buch trifft er einen Nerv, wie man an Leserreaktionen auf der Internetseite seines Verlags Danger Public sehen kann: „Ich habe das Gefühl, das ist meine Geschichte“, schreibt dort „blacknutella“, ein User, der sich selbst als schwarz und aus der Banlieue stammend bezeichnet.

Ségolène Royal In den Vorstädten sind so viele Wähler registriert wie selten zuvor, gerade unter Jugendlichen ist das Motto „Tout Sauf Sarkozy“( alles, bloß nicht Sarkozy) weitverbreitet. UNEF, die größte französische Studentenorganisation, ruft im Netz dazu auf, „Sarkozy mit vereinten Kräften zu schlagen“. Ob es aber wirklich so kommt? In ihrem Ziel sind sich die Gegner des konservativen Hardliners zwar einig, und stimmen damit zwangsläufig für Ségolène Royal- jedoch nicht unbedingt aus Überzeugung.

Idir Hocini Idir Hocini, ein Blogger aus der Pariser Banlieue, bringt die paradoxe Situation auf den Punkt: „Der eine macht Angst, die andere gibt keine Sicherheit“, schreibt er auf „bondyblog.fr“ zu der Wahl. Sarkozy hat mit seinem harten und rigiden Kurs viele Leute nachhaltig verschreckt; Royal dagegen verspricht sozialen Frieden: neue Sozialwohnungen, staatliche Förderprogramme für Benachteiligte. Allerdings in solch paradiesischem Umfang, dass man nicht weiß, wie sie das finanziell stemmen will. Sarkozy, soviel ist klar, gilt den aktuellen Umfragen nach als Favorit. Daran wird auch Royals forscher Auftritt im TV-Duell vom Mittwochabend vermutlich nichts ändern. Große Hoffnung auf einen Neuanfang hegt Nadir Dendoune ohnehin nicht. „Die Arbeitslosigkeit, die kritische Lage in den Banlieues - das lässt sich nicht alles auf einen Schlag beheben“, sagt er zum Abschluss. „Da ist die gesamte französische Politik gefragt. Nur: Mit Nicolas Sarkozy als Präsident wird das Ganze wahrscheinlich noch schlimmer.“ Hier kannst du noch mehr zum Thema lesen: Ségo gegen Sarko Interview mit Henri de Bresson, Politikredakteur der französischen Tageszeitung Le Monde. Bloggen aus der Banlieue Interview mit Idir Hocini über das Leben in der Banlieue und den Wahlkampf in Frankreich Mächtige online: Ségolène Royal Überwacht und trotzdem vergessen Jugendliche in der Banlieu Fotos: Editions Alter, Reuters, AFP, privat

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