Träumen von Deutschlandistan

Sevar, Zhala und Sara stammen aus dem Nordirak und sind in Deutschland aufgewachsen. Zehn Jahre nach der amerikanischen Invasion sind sie jetzt mit ihren Familien zurückgekehrt.
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Der Krieg in ihrem Land ist vorbei, doch für Sevar, Zhala und Sara beginnt der Kampf erst jetzt. Die drei kurdischen Mädchen haben einen Großteil ihres Lebens in Deutschland verbracht, in kleinen Städten in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Jetzt sind sie wieder dort, wo sie geboren wurden: im Nordirak. Einem Land, das ihnen fremd ist. „Was tut man nicht alles für die Liebe“, sagt Sevar. Sie meint die Liebe zu ihrer Familie. Und die wollte zurück in die Heimat.  

Vor fast genau zehn Jahren griffen die USA den Irak an. Schätzungen zufolge sind seither rund 2.000 Kurden aus Deutschland in den Irak zurückgekehrt. Die meisten von ihnen waren in den 90er Jahren vor der jahrzehntelangen Unterdrückung durch Saddam Hussein und dem Bürgerkrieg zwischen den rivalisierenden kurdischen Parteien geflohen.  

Genau wie die Familien von Sara, Zhala und Sevar. An einem heißen Nachmittag im April sitzen sie auf dem Campus der Salahaddin Universität in Erbil. Sie studieren hier mit 54 anderen Studenten Deutsch. Die drei Mädchen haben als einzige auch in Deutschland gelebt.  

Sevar, Sara und Zhala auf ihrem Campus in Erbil.

Als feststand, dass sie wieder in den Irak gehen würden, stellte sich für die Mädchen die Frage: Was dort studieren? Ihr Abitur hatten sie in Deutschland gemacht, ihre Kurdischkenntnisse reichten nicht für ein Studium im Irak. Verwandte schlugen das Deutschprogramm vor. Obwohl Sara, 23, und Zhala, 21, lieber Sozialpädagogik und Psychologie studiert hätten, waren sie mit der Idee einverstanden. „Wenn ich danach noch einen Master mache, kann ich hier an der Uni unterrichten“, sagt Sara. „Das sind doch gute Jobaussichten.“  

Sie schnitt sich die Haare ab - aus Frust über das Kopftuch

Gute Jobaussichten im Irak? Das klingt merkwürdig, wenn man die Bilder aus Bagdad im Kopf hat: seit Jahren kaum etwas anderes als Krieg, Attentate und Zerstörung. Doch tatsächlich sind die Kurden die großen Gewinner des Irakkriegs. Seit dem Einmarsch der Amerikaner ist das Land de facto zweigeteilt: In einen südlichen Teil, in dem noch immer Bürgerkrieg herrscht, und in das autonome Kurdengebiet im Norden, das einen eigenen Präsidenten und ein eigenes Militär hat und in dem Reisen als sicher gilt. Der letzte Terroranschlag in der Region liegt Jahre zurück, öffentliche Gebäude sind – anders als im Süden – nicht mehr durch meterhohe Betonmauern vor Angriffen geschützt. Auch die Wirtschaft in Kurdistan floriert, die Hauptstadt Erbil erinnert mit ihren glitzernden Shoppingmalls an ein frühes Dubai.  

Der Eingang zur Uni, an der die Mädchen Deutsch studieren.

Doch so modern Erbil aussieht – Kurdistan ist eine konservative, muslimisch geprägte Gesellschaft. Frauen zeigen kaum Haut, ein Großteil trägt Kopftuch. Auch Sevar und Zhala verschleiern sich inzwischen, obwohl sie das in Deutschland nie taten. In ihren Familien sei das jetzt eben üblich, sagen sie. Anfangs war Sevar so frustriert darüber, dass sie sich ihre hüftlangen dunkelbraunen Haare abschnitt.  

Sevar, eine hübsche Zwanzigjährige mit lauter Stimme, hat sich früher gerne modisch angezogen. In Deutschland jobbte sie für große Modemarken, eigentlich wollte sie eine PR-Ausbildung machen. „Und jetzt das“, sagt sie und deutet auf ihren Schleier und das langärmelige Shirt. Es hat 32 Grad.

T-Shirts oder kurze Röcke würden die Mädchen trotz der Hitze nicht tragen, sie wollen nicht anecken. Sie bemühen sich, die Rolle des braven Mädchens zu spielen, auch wenn ihnen die noch nicht ganz passt. „Wir sind übervorsichtig“, sagt Sevar. „In diesem Land zählen Stolz und Ehre so viel, dass wir ständig aufpassen müssen, nichts falsch zu machen.“  

Nicht jedes Mädchen trägt Kopftuch - aber die drei aus Deutschland wollen nicht anecken.

Die Mädchen beten fünfmal am Tag, wie es der Islam vorschreibt. Geraucht oder Alkohol getrunken haben sie schon in Deutschland nicht. Einen Freund hatten sie auch nicht. „Mit einem Deutschen auszugehen bringt doch nichts“, sagt Zhala. „Es war doch immer klar, dass wir irgendwann einen kurdischen Mann heiraten würden.“  

Anders als in Deutschland können sie hier im Irak aber nicht einmal mit Jungs befreundet sein. Die dächten sofort, dass sie etwas von ihnen wollten. Häufig würden sie auch mit dem Vorurteil konfrontiert, dass Frauen in Deutschland billig seien und sofort mit jedem ins Bett gingen.  

Freiwillig - ein dehnbarer Begriff

Die Mädchen sind freiwillig nach Kurdistan zurückgekehrt – doch Freiwilligkeit ist ein dehnbarer Begriff. Der Einfluss der Familie spielt eine große Rolle. „Mein Vater hat mich nach einem Beschluss benannt, der den Kurden einst einen eigenen Staat geben sollte“, erzählt Sevar. „Der Name meiner Schwester bedeutet Heimweh.“ Ihrem Vater sei es wichtig gewesen, sich nach Ende des Krieges am Aufbau des Landes zu beteiligen. Ob sie selber gerne in Deutschland geblieben wäre, ist deshalb für sie zweitrangig. „Wir leben hier in einer Gesellschaft, in der die Familie im Vordergrund steht und die eigenen Interessen manchmal zurückgestellt werden müssen“, sagt Zhala.  

Wer mit den Mädchen spricht, spürt ihre Zerrissenheit – zwischen der Loyalität zur Familie und dem Heimweh nach den Freiheiten in Deutschland. „Wir bräuchten ein Deutschlandistan“, sagt Sara. „Ein Land mit den guten Eigenschaften von Deutschland und Kurdistan.“  Die Landschaft und der familiäre Zusammenhalt aus Kurdistan. Und die Kinos, Restaurants, und Cafés, in denen sie in Deutschland ihre Freunde treffen konnten. Damals.


Text: theresa-breuer - Fotos: oh

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