Türchen, Türchen!

Bald geht das erste auf. Aber an welchem Adventskalender? Schließlich gibt es da massive Erlebnis-Unterschiede - wir stellen die fünf wichtigsten Modelle vor.
fabian-fuchs

1. Der "Selige Bildchen"-Kalender

Das ist er: Ein Jammer. Zumindest solange man Kind ist. Dass es wirklich Erwachsene geben soll, die sich an den Winz-Bildern und beschwingten Adventsminiaturen darin laben, kann man schlicht nicht glauben. Man kann es eigentlich auch als Erwachsener nicht recht glauben. Nicht nur inhaltlich, auch haptisch gibt das spröde Ding wenig her – viel zu dünn, um die Türchen ordentlich öffnen zu können und an der Wand etwa so eindrucksvoll wie ein Aushang der Stadtwerke im Treppenhaus. Eltern schenken ihn ihren Kindern, sobald diese eine eigene Wohnung haben wg. Vernünftigsein. Sie lösen damit für gewöhnlich eine mittelschwere Kindheitsdepression aus, die dazu führt, dass sich die Kinder ihren Schoko-Kalender selber kaufen. Andererseits ist so ein Bildchenkalender auch sehr billig und nicht nur deswegen das Symbol für eine weniger kommerzialisierte Weihnachtszeit, wie sie ständig von allen Seiten eingefordert wird. Also von allen Erwachsenen, versteht sich. Da hängt er: In städtischen Bibliotheken, evangelischen Kirchen und über der Faltkiste, in der alte Joghurtgläser gesammelt werden, um sie am Monatsende zum Supermarkt zurückzubringen. Der Satz, mit dem er überreicht wird: „Ich fand das so nett mit den Schafen hier unten, guck mal, wie die Schafe da gucken, die Oma hat Schafe immer so gerne gemocht, weißt du noch?“ Verhalten, das dazu passt: Nur mal über den Weihnachtsmarkt schlendern, aber nichts kaufen. Sich mal nichts schenken. Falls doch, das Geschenkpapier vorsichtig aufpacken, um es noch mal zu verwenden. Krippe mit bewusst spartanisch geschnitzten Holzfiguren, die aussehen wie Bauklötze von Picasso.


Der sehr durchschnittliche, aber immerhin: Schokoladekalender! Das ist er: Der Prototyp der Weihnachtsvorfreude. Ein Urding des Kindseins! Auch wenn man heute nicht mal im Ansatz verstehen kann, warum man als Kind den Unterschied zwischen echter Schokolade und den bräunlichen Ersatzklumpen aus dem Kalender nicht bemerkte. Stattdessen stand man ja sogar die ersten zehn Adventstage mit der Taschenlampe mitten in der Nacht auf, um das nächste Türchen zeitnah zu knacken – und erlag dabei jedes Mal kurz dem kitzligen Schrecken, dass ein Tag vergessen worden wäre, weil man die kleine Sieben partout nicht finden konnte. Mit demselben Eifer verteidigte man die verschlossenen Türchen tagsüber gegen Räuberhände, denen gar nix heilig war (Bruder & Papa). Am Schönsten war es, wenn man von "DreiTageOma" zurückkam und drei Türchen auf einmal öffnen durfte. Und am rührendsten war natürlich, dass am 24. ein Türchen mit Doppelflügel wartete. Aus dieser elementaren Glückserfahrung rührt vermutlich unser Faible für Flügeltüren in Altbauwohnungen. Da hängt er: Eigentlich gar nicht. An der Wand die Schokolade rauszupopeln, geht gar nicht gut, außerdem muss man immer von hinten ein bisschen gegen drücken. Eher steht er an Bettenden, auf unordentlichen Schreibtischen und liegt in den Ramschkörben beim Discounter. Der Satz, mit dem er überreicht wird: „Aber nicht gleich alle auf einmal aufmachen!“ Verhalten, das dazu passt: Sich vorm Nikolaus fürchten. Immer noch ein Gespinne darum machen, wer den Weihnachtsbaum vor der Bescherung sehen darf. Sich mit Glühwein aus dem Supermarkt betrinken. Mandarinenfäden abzupfen.


Der selbstgebastelte Verliebtenkalender Das ist er: Äußerst variabel in seiner Erscheinungsform: Von Socken mit Edding-Beschriftung über Klorollen-Häuschen bis hin zu einem durchnummerierten Geschenkberg. Das Äußere ist aber auch gar nicht so wichtig, denn bei diesem Adventskalender ist es vor allem die Botschaft, die zählt. Sie lautet: Unendliche Aufopferung für die Liebe, riesige finanzielle und zeitliche Belastung, die einer aufgenommen hat, nur um dem anderen jeden Tag eine Freude zu machen. Kann es was Netteres geben? Kann man mehr schlechtes Gewissen erzeugen? Allerdings kommt auch der verliebteste Bastler spätestens am 8. Dezember in Kreativnöte, was den Geschenkeinhalt angeht. Deswegen werden auf einer Durststrecke bis zum 18. Dezember auch Dinge an den Geliebten gebracht, die Kinder sonst beim Kinderstraßenflohmarkt auf einer Decke verkaufen: Duft-Teelichte, Muscheln vom Sommerurlaub, Mini-Buntstifte. Der solcherart Beschenkte hat mit Ablauf der Adventszeit also netto einen Haufen brutal unnützer Kleinigkeiten beisammen, die er nie wegwerfen darf, weil brutto so viel Liebesschmalz dranhängt. Allerdings kann er mit dem Zeug vielleicht irgendwann mal selber einen Adventskalender basteln. Da hängt er: In WGs mit Fernbeziehungshintergrund. Der Satz, mit dem er überreicht wird: „Ich will dafür aber jeden Tag einen Riesenknutsch! Mindestens.“ Verhalten, das dazu passt: Rodeln gehen und dann gemeinsam lachend in den Schnee kippen. Plätzchen backen mit Freunden. Sich in dicke Wollschals „einmummeln“ und dabei hoffen, dass es bald schneit. Schon wieder Grippe haben.


Der Luxus-Kalender Das ist er: Sperrgut, das die Lebensmittelabteilungen großer Kaufhäuser blockiert und zwar solange, bis der absurde Preis für 24 Pralinen um die Hälfte halbiert wurde. Dann schlagen Chefsekretärinnen und verlobte BWL-Studentinnen zu und gönnen sich wahlweise selbst was, oder den Menschen, denen sie beweisen möchten, wie stark aufwärts es doch dieses Jahr ging. Der Kalender selber ist dann auch nichts anderes, als eine Packung "merci" oder das, was bei Oma Samstagabends zum Fernsehen auf den Tisch kam. Nur eben sehr aufwendig verpackt, hinter Türchen aus richtig dickem Karton, für deren Öffnung man einen Nothammer aus dem Linienbus gut brauchen könnte. Da hängt er: In den luftigen Entrées von Villen, die mittelständischen Geschäftsführern zwischen Bad Kissingen und Plauen gehören. Der Satz, mit dem er überreicht wird: „Ich wusste gar nicht, dass es noch Adventskalender gibt. Aber dann habe ich mich an diese grässliche Schokolade erinnert, die da früher immer drin war.“ Verhalten, das dazu passt: Beim Sex Russisch sprechen und danach drei vergoldete Eierbecher zerdeppern, weil man noch so druff ist. Über einen Zweitmercedes nachdenken. Eine Kai-Diekmann-Frisur haben wollen und deshalb vorsorglich ein Pferd auf Sylt kaufen.


Der Promo-Aktions-Rabatt-Gewinn-Adventskalender Das ist er: Die Idee findiger Kapitalisten, mit der sie sich selber einen Geld-Adventskalender bescheren, indem sie Kunden mit täglichen wechselnden Adventsangeboten in ihren Laden locken. Oder aber die Jahresendrunde für Magazine und Blogs, in der jener ganze Plunder an die Leser verschachert wird, für den das Jahr über schön Anzeigen verkauft wurden. Da hängt er: In blinkenden Internet-Werbebannern und auf Plakaten an Autobahnausfahrten, auf denen sich ein sogenannter. Ikea-Stau gebildet hat. Der Satz, mit dem er überreicht wird: „Das haut das stärkste Rentier um – jeden Tag 30 Prozent auf einen anderen Artikel aus unserer Garten&Outdoor-Abteilung! (Ausgenommen von der Rabatt-Aktion sind die Marken: HassoFass, Dödalus, Intershit, Fut&Fuder, Lalli, Kätchen by Kätchen von Heilbronn, Schnuffi Living, The Vollbrett since 1887, Schweindobler, Schwalbe Gehmöbel, Kreation Kretin und Kaiserschnitt Messerkultur)“ Verhalten, das dazu passt: Kaufrausch wg.vollkommerzieller Weihnachtszeit. Privatinsolvenz wg. Schnupfen verbaseln. Am 1. Weihnachtsfeiertag traditionell zu McDonald’s. Die iPhone-App „ChristmasTree“ runterladen.

Text: fabian-fuchs - Illustration: Judith Urban

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