Eigentlich ist die Idee alt. Bereits im Jahr 1973 startete Amnesty International die erste „Urgent Action“ und ließ zahlreiche Menschen Briefe an die brasilianische Militärjunta schreiben, die einen unschuldigen Mann foltern lassen wollte. Die Idee dahinter: Wenn bei "den Bösen" die Postfächer überquellen und sie spüren, wie viele ihr Handeln verurteilen, steigt der Druck, sich anders zu verhalten. Die Aktion war erfolgreich, der Mann wurde 1974 entlassen.

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Auf absurde Art und Weise ist das auch schon wieder Diskriminierung.

Seitdem ruft Amnesty immer wieder zu Urgent Actions auf, wenn ein Verstoß gegen die Menschenrechte droht. Zuletzt bei dem Saudi Arabischen Blogger Raif Badawi, der wegen regierungskritischer Aussagen zu 1000 Peitschenhieben verurteilt worden war. Das Urteil wurde vor Kurzem ausgesetzt. Nach eigenen Angaben ist Amnesty mit 40 Prozent der Urgent Actions erfolgreich.

Was Amnesty tut, haben sich auch auf digitaler Ebene immer mehr Leute abgeschaut. Denn noch nie war es so einfach, alles, was ein Mensch tut und sagt, öffentlich anzuprangern. Und noch nie war es so einfach, dabei kolossal danebenzuhauen.

Jüngstes Beispiel dafür ist der amerikanische Tumblr „Racists getting fired“. Auf der Seite werden als rassistisch empfundene Äußerungen aus sozialen Netzwerken mit Klarnamen veröffentlicht, inklusive der Adresse des Arbeitgebers. Die Leserschaft wird dazu aufgerufen, den Chef des mutmaßlichen Rassisten mit dessen Äußerungen zu konfrontieren – was in fast allen Fällen zur fristlosen Kündigung führt.

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Screenshot vom Tumblr "Racists getting fired"
Man könnte argumentieren, dass das okay ist. Dass Banker, die wie oben Bilder von Schwarzen mit „Geh zurück in deine Schlammhütte“ kommentieren, es nicht besser verdient haben. Aber das ist es nicht. Was auf Seiten wie „Racists getting fired“ passiert, ist eine Treibjagd - wobei passenderweise die Gejagten auch noch in „Gettin‘“, also noch nicht Entlassene, und „Gotten“ unterteilt werden. Wer mit seinem Klarnamen auf dieser Seite auftaucht, wird sozial und beruflich erschossen. Die Jäger kommentieren dabei jede Entlassung mit Sätzen wie „Love it“. Manche fahren sogar persönlich bei den Betrieben vorbei, um sich zu versichern, dass die betroffene Person auch wirklich entlassen wurde.

Und wie bei jeder Jagd gehen auch bei „Racists getting fired“ Schüsse daneben. Da ist die Geschichte von Brianna Rivera, deren Ex-Freund einen rassistischen Fake-Account unter ihrem Namen kreiert hat, um sie anschließend auf dem Tumblr zu denunzieren. Bei Briannas Arbeitgeber, einem Theater, gingen daraufhin zahlreiche Hassanrufe gegen ihre Mitarbeiterin ein. Nur, weil Brianna nachweisen konnte, dass der Account gefälscht war, wurde sie nicht entlassen.

Die anonyme Betreiberin des Tumblrs hat seit dem Vorfall zwar nach eigenen Angaben Maßnahmen zur Qualitätssicherung betrieben, aber wer kann schon überprüfen, was ein Hoax ist und was real? Auch die Aufforderung, nur Posts von volljährigen Personen einzureichen, ist zwiespältig. Woher soll man von einem Twitter-Foto wissen, ob jemand 16 oder 21 ist? Der als Fake entlarvte Post über Brianna Rivera ist immer noch auf dem Tumblr zu finden, angeblich kann er nicht gelöscht werden. In den Kommentaren darunter wurde mittlerweile die Telefonnummer ihres Ex-Freundes veröffentlicht.

Die Rassisten-Jagd ist kein amerikanisches Problem. Angetrieben durch Bewegungen wie Pegida sammeln auch in Deutschland  immer mehr Blogs die rassistischen Äußerungen von Privatpersonen. Auch mit Klarnamen. Es gibt Facebook-Anwendungen, mit denen man alle Freunde, die Pegida liken, entfreunden kann. Twitter-Bots melden jeden Tweet, der mit „Ich bin ja kein Rassist, aber…“ beginnen. Teilweise schreiben die Betreiber dieser Seiten, dass sie mit dem Erstatten von Anzeigen gegen die Rassisten überhaupt nicht mehr hinterherkämen – wie sollen sie dann Zeit finden, jeden Vorwurf genau zu prüfen?

Abgesehen davon, ist der Begriff „Rassist“ kein juristischer. Anders als bei den von Amnesty International angeprangerten Verletzungen von Menschenrechten gibt es keinen eindeutigen Bewertungsmaßstab, ob jemand ein Rassist oder einfach nur ein Trottel ist. Zwar kann man auch Menschen wegen ihrer Äußerungen auf Twitter oder Facebook wegen Volksverhetzung oder Beleidigung anzeigen, ob man vor Gericht damit durchkommt, ist allerdings fraglich. Die soziale Ächtung, wenn man einmal auf einem derartigen Blog gelandet ist, bleibt.

Bleibt die Frage, was diese Blogs mit ihrem öffentlichen Denunziantentum erreichen wollen? Natürlich fühlt es sich für die Jäger wie ein Erfolgserlebnis an, wenn der rassistische Lehrer nicht mehr an der öffentlichen Schule unterrichten darf. Erfahrungsgemäß ändert sich in den Gejagten allerdings wenig, wenn sie wegen ihrer Ansichten geschnitten und entlassen werden. Es führt eher zu einer Radikalisierung. Dass die Jäger danach den Dialog mit ihrem Opfer suchen, ist eher unrealistisch. Am Ende bleibt also nur das kleingeistige Gefühl, es "dieser Gruppe rassistischer Arschlöcher" mal richtig gegeben zu haben. Auf absurde Art und Weise ist das auch schon wieder Diskriminierung.

Text: charlotte-haunhorst - Fotos: screenshot, photocase/cydonna