Überwacht und trotzdem vergessen

Randale in Frankreich - David ist nicht dabei (Foto: dpa) David hat noch kein Auto angezündet und wird das vermutlich nie tun.
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Illustration: Julia Schubert

Randale in Frankreich - David ist nicht dabei (Foto: dpa) David hat noch kein Auto angezündet und wird das vermutlich nie tun. Überhaupt hat er wenig mit Autos am Hut, bis auf den kindlichen Jubelschrei, den er ausstößt, als er einen schwarzen BMW-Jeep an sich vorbeifahren sieht. David, 24, Rapper aus Leidenschaft und gerade in einen Trainingsanzug und eine dicke schwarze Jacke mit Pelzkapuze gekleidet, Marke „Dou-doun“, besitzt keinen Führerschein. Er bevorzugt die Metro, und weil er an diesem Nachmittag ausländische Begleitung hat, entscheidet David sich für eine kleine Tour. Bevor er in die Linie steigt, die ihn zur Probe ins Studio bringen soll, will er noch kurz zu Hause vorbei, im 19. Arrondissement, dem ärmeren Pariser Norden. Da, wo in letzter Zeit Nacht für Nacht die Autos brannten. Profit ziehen aus dem Hass Seit mehr als acht Jahren schreibt David schon französische Raps, viele von ihnen über die Probleme und das Leben in der Großstadt. Aber für das, was gerade in Paris, in ganz Frankreich passiert, kann auch er keine Erklärung finden. Er sagt, dass die Krawallstifter nun „aus ihrem Hass Profit ziehen wollen“. Er könne das einerseits verstehen, und andererseits nicht. Dass am selben Tag, an dem er das sagt, der erste Mensch bei dem Aufruhr sterben wird, weiß er noch nicht. Er vermutet, der Hass habe etwas mit Sachen zu tun, die er selbst auch erlebt oder beobachtet hat. Eines Nachts vor einigen Wochen, es war spät in der Nacht, wollte David nach Hause. Die Metro fuhr nicht mehr, also entschied er sich für den Bus. Der Bus war sehr voll und zum Abfahren bereit, wurde dann aber von Polizisten daran gehindert. Zwei Drittel der Fahrgäste, vorwiegend Schwarze wie David, mussten aussteigen. Sie mussten sich nebeneinander an einer Mauer aufstellen, wurden bis auf die Knochen durchsucht, mussten Schuhe ausziehen und Taschen leer räumen, waren minutenlang dem Misstrauen der Polizisten ausgeliefert. „Die stehen dann zu dritt vor dir, und machen dich zur Sau, während der Bus mit den anderen Gästen planmäßig weiterfährt. Viele Polizisten machen zwar nur ihre Arbeit, aber so was ist einfach nicht in Ordnung“, David fährt sich durch den Bart und schüttelt den Kopf. Seine Wut schreit er später in einem schalldichten Raum heraus, dem Studio E. Sein ganzer Körper steht dabei so unter Strom, dass seine Halsschlagader beinahe zu platzen droht. „Die Musik ist mein Ventil, das, wo ich meine ganze Energie hineinlege“, sagt er, während er eine kleine Pause macht. Neben Schlagworten wie Arbeitslosigkeit und der sozialen Schwäche des Staates sind Polizeikontrollen ein ständig wiederkehrendes Thema bei Union Suspecte. So heißt die Gruppe von David und seinem Kumpel Jeremie, der wie er eine haitianische Mutter hat. Und womöglich sind diese Kontrollen auch ein Grund, der die gewalttätigen Jugendlichen in den brennenden Vororten zum Randalieren auf die Straße treibt: Die Tatsache, permanent überwacht und trotzdem restlos vergessen zu werden. Schoten statt Schule In seinem Viertel grüßt David jeden mit Handschlag, seine Mutter läuft an ihm vorbei, nimmt jedoch kaum Notiz von ihm. „Sie ist erschöpft“, sagt David erklärend, „von ihrer Arbeit als Krankenpflegerin“. Auf den ersten Eindruck sieht die Lage hier im Viertel, bei Porte La Vilette, nicht so hoffnungslos aus wie in anderen Vierteln, in denen seit Tagen randaliert und gegen die Staatsmacht gekämpft wird. Aber David sagt, seit Beginn der Unruhen sei auch hier die Anspannung der Bewohner – vor allem Schwarze und Araber – gestiegen. Auch in seinem Viertel haben letzte Woche schon Autos gebrannt. David geht mit großen, federnden Schritten voraus, auf einem halbrunden Platz vor einer Hochhaussiedlung bleibt er stehen. Er wohnt mit seiner Mutter und zwei jüngeren Brüdern in dem mittleren von drei Gebäuden, die gegenüber dem üblichen Pariser Schnörkel optisch deutlich abfallen. „Der Scheiß geht schon in der Schule los“, singt Davids Kumpel Jeremie im Studio, über die Verzweiflung, die Wut und die Hoffnungslosigkeit, die er und viele Gleichaltrige erleben. David steht daneben und nickt im Takt der Musik. Die Schule hat er vor fünf Jahren aufgegeben. „Keine Lust mehr gehabt“, sagt er knapp. Sein Geld verdient er jetzt dreimal pro Woche auf dem Markt. Dort ist er der schwarze Riese inmitten einer koreanischen Händlerfamilie, hackt zu groß geratene Lauchstangen klein, sortiert Gemüse oder drückt alten Damen gerne zwei Knoblauchzehen gratis in die Hand, damit sie auch wiederkommen beim nächsten Mal. Zwei Stunden proben David und Jeremie am Stück, sie fangen zu getragenen Beats an, werden ruppiger, jeder für sich, bis sie ihre Passagen dann am Ende kombinieren. Das Studio E, einer von sieben verschiedenen Übungsräumen, ist für diese Zeit ihre Welt, durch die zwei geschlossenen Türen dringt nichts nach außen, und nichts kommt herein. Ihre Texte sind eher poetisch als sexistisch und dumpf, besonders Jeremie zeigt in seinen Versen zur „élegance de la mauvaise apparence“, der Eleganz des Bösen und Schlechten, wie schön die französische Sprache sein kann. Und dass sie eine Ausflucht bietet, aus einem Alltag, der nicht immer harmonisch verläuft. David ist sehr höflich und aufmerksam, er passt auf, dass sein Gast nicht bei Rot über die Straße geht, und begleitet ihn bis auf den Bahnsteig, dass er auch in die richtige Metrolinie steigt, die ihn sicher nach Hause bringt. Auf dem Bahnsteig spricht David noch schnell ein rauchendes Mädchen an, gibt ihr seine Nummer, und fragt sie, ob sie nicht für ihn tanzen möchte, in seinem nächsten Rapvideo. Dann grinst er breit, verabschiedet sich und geht. Am Abend brennen dann wieder Autos in den Vororten von Paris, auch im Norden, auch in Davids Viertel. David macht nicht mit. Aber er kann es verstehen.

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