"Umsonst war es nicht!"

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Ende Oktober vergangenen Jahres besetzen Wiener Studenten die Universität um gegen die Studienreform zu protestieren und auf schlechte Bedingungen aufmerksam zu machen. Von Österreich schwappte der Protest auf Deutschland über. jetzt.de besuchte damals Wiener Studenten im Streikalltag. Was machen die ehemaligen Besetzer heute und was denken sie über den Streik? Silke, 23, studiert an der Uni Wien und arbeitet nebenbei in der Universitätsbibliothek.

„Als ich in den Weihnachtsferien zur Arbeit wollte, standen vor dem Eingang schon ein paar Putzfrauen. Nach der Räumung des Audimax kurz vor Weihnachten befürchtete das Rektorat eine Neu-Besetzung und sperrte einfach das komplette Gebäude. Nur wer einen Mitarbeiter-Ausweis hatte, kam rein. Aber den hatten weder die Putzfrauen, noch ich. Die Securitys waren dann doch gnädig und haben mich hinein gelassen. Aber die Ängste der Uni-Leitung kann ich verstehen: Wenn sich länger nichts tut und keine handfesten Ergebnisse kommen, dann könnte ich mir schon vorstellen, dass das wieder überkocht. Abgesehen von den 34 Millionen Euro, die der Ex-Bildungsminister Johannes Hahn versprochen hat, sehe ich im Moment noch keine konkreten Erfolge. Jetzt sind so viele andere Sachen, die Skandale um das Asylzentrum in Eberau und die Hypo-Affäre, da wird die Bildungs-Debatte wohl ein bisschen untergehen. Aber die Hoffnung bleibt natürlich, dass der Protest in den Köpfen der Leute was bewirkt hat. Ganz umsonst war er sicher nicht. Man muss den Leuten bewusst machen, dass Bildung mehr sein sollte als dieser stressige Schul-Betrieb und die Sorgen um den Lebenslauf. Dieser Arbeitsmarktdrill kann nicht der einzige Qualitätsmaßstab für ein Studium sein. Ich finde, Persönlichkeitsbildung ist genauso wichtig wie die Fachausbildung. Und das nimmt man den Leuten, wenn man sie so durchpeitscht.“ Magdalena, 22, ist Mitglied des VSStÖ (Verband sozialistischer Studenten und Studentinnen Österreich) und hat sich während der Besetzung besonders in der Frauen AG engagiert. „Ein Fazit für mich wäre »Wer kämpft kann was bewegen«. Das klingt banal, aber ich denke, daran haben viele Studierende vor den Protesten nicht mehr geglaubt. Ich hätte mir allerdings etwas mehr Eigenreflexion gewünscht und die Einsicht, dass Bildungs- und Gesellschaftspolitik nicht trennbar sind. Ich denke, es wird vor allem im Web 2.0 weiter gehen. Abgesehen davon, dass es an manchen Unis auch räumliche Abkommen mit den Besetzern gibt, etwa, den vorher besetzten Hörsaal einen Abend die Woche für das Plenum zu bekommen.“


Roger, 43, arbeitet bei der Presse AG und plant bereits neue Aktionen „Die Ursachen des Protestes sind ja so gut wie unverändert. Da müssen wir jetzt neuen Druck aufbauen. Manche Entscheidungen während der Besetzung waren sicher nicht günstig. Die Bedingungen haben sich so schnell verändert, da war es schwer, eine stabile Struktur aufzubauen. Doch bei einem nächsten Mal kann man die gemachten Erfahrungen nutzen: Wir sind mittlerweile extrem gut vernetzt. Im Ernstfall können die Besitzer von mehr als tausend E-Mail-Adressen mobilisiert werden.“

Anton, 23, studiert an der Akademie der Bildenden Künste und arbeitete während der Proteste in der Volksküche „Umsonst habe ich sicher nicht gekämpft. Ich glaube, ich hab zu dieser Zeit kaum Gespräche geführt, die nicht irgendwann auf das Thema Bildung gekommen sind. Viele Leute haben erst durch die Proteste angefangen, sich damit zu beschäftigen. Die Räumung kam für mich wenig überraschend und setzte aber ein völlig falsches Signal. Die Rektoren haben ihre Chance vertan. Sie haben immer so getan, als wären sie eh auch dagegen. Und dann drücken sie eine Bewegung, die genau dasselbe will, einfach runter. Sie versuchen immer, den Betrieb, so gut es geht, aufrecht zu erhalten. Auch wenn sie eigentlich sagen müssten, »Politik, so geht das nicht, so kann man keine Universität betreiben.« Besonders deprimierend ist der Vergleich mit Deutschland. Es ist schon zermürbend zu sehen, dass in Deutschland Politiker zumindest ansatzweise auf die Proteste reagiert haben, während es in Österreich klassisch ausgesessen worden ist. Aber auch, was in Deutschland passiert ist, reicht noch nicht“. Leonie, 23, ist Mitglied in der Arbeitsgruppe „Internationale und Nationale Mobilisierung“ „Ich bin fast schon froh, dass das Audimax geräumt wurde. Es hat ziemlich viele Ressourcen gekostet, die Besetzung aufrecht zu erhalten. Wir haben uns mehr mit Themen wir Rauchverbot, Sauberkeit oder der Obdachlosen-Problematik beschäftigt als mit unserem eigentlichen Anliegen, der Bildung. Jetzt können wir uns endlich wieder mehr auf das Inhaltliche konzentrieren. Aber natürlich war die Besetzung gut: Das Thema war in den Medien, die Leute haben darüber geredet. Das war enorm wichtig!“

Text: andrea-heinz - Foto: AP

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