Unbekannter Kandidat: Wird dieser Mann Obamas Stellvertreter?

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“Sie wollen Erfolg?”, fragt der Gouverneur, immer ein Lächeln im fröhlichen und fleischigen Gesicht. “Dann brauchen Sie einen Hund!” Dieser Mann gilt nach Barack Obama als eines der großen Politiktalente der USA, er wird geliebt und gehasst: Brian Schweitzer, Gouverneur von Montana, Bundesstaat der USA, auf der Karte oben links. In Montana endeten am 3. Juni die Vorwahlen der Demokraten und Barack Obama kann nun die Daumen in die Höhe strecken. Aber wer könnte sein Stellvertreter werden? Tatsächlich Hillary Clinton? John Edwards? Oder dieser Mann aus Montana? Auch wenn bisher Brian Schweitzers Name in deutschen Medien nicht genannt wurde: Die Autoren vieler US-Blogs, zum Beispiel die der Huffington Post, zählen ihn beim Buhlen um die Stelle neben Obama zum engen Kreis der Favoriten. Schweitzers Border Collie „Jag“ liegt auf einer blauen Matratze im Büro im Capitol von Helena, Hauptstadt von Montana, Rocky Mountains-Land. Ein Hundeauge ist von weißem Fell umgeben, das andere von schwarzem Fell. Das sieht lustig aus und Schweitzer weiß das. Seit der Gouverneur vor vier Jahren sein Büro bezog, begleitet Jag seinen Herren auf jedem Weg. Jag ist Schweitzers Maskottchen geworden, für Fotos küssen sich die beiden.

Brian Schweitzer und sein Hund Jag bei der Einweihung eines Denkmals für gefallene Soldaten. Brian Schweitzer dreht und wälzt seinen kräftigen Körper im Bürostuhl, dass es ein Sessel sein könnte, er scheint unruhig, aber er ist nur gierig. Gierig darauf, dass etwas passiert, dass Fragen kommen. Um seinen Hals schlingt sich eine Bolo Tie, die Krawatte der Cowboys. „Wissen Sie, was ich bei Amtsantritt gemacht habe?”, fragt er ungefragt und deutet auf die offene Tür. “Ich habe den Schlüssel zu dieser Tür in den Papierkorb geworfen.” Jeder Bürger Montanas kann seinem Gouverneur bei der Arbeit zuschauen, nichts soll geheim sein. Man kann ihn um ein Foto bitten oder sich von ihm eine Anekdote erzählen lassen - Schweitzer ist neben Arnold Schwarzenegger angeblich der US-Gouverneur mit den meisten Auftritten in Talkshows oder Late-Night-Shows. Also. Eine Geschichte geht so: Schweitzer war der erste Gouverneur von Montana, der in Froid, einer Ortschaft im äußeren Nordwesten des Staates auftauchte. Er sprach zu Ehren des einzigen High School-Absolventen von Froid. “Wissen Sie, was ich gesagt habe? Ich hab denen gesagt: Jetzt habt ihr 83 Jahre auf einen Gouverneur warten müssen – und jetzt kommt einer und was ist er? Ein verdammter Demokrat.” Die Leute haben sich scheckig gelacht, sagt Schweitzer. Im Nordwesten der USA waren die Republikaner lange Zeit so was wie es die CSU einmal in Bayern war. Und da fragte dann auch der Moderator einer Late-Night bei Schweitzer nach, er fragte: Wie haben sie das gemacht – die Republikaner nach 16 Jahren vom Gouverneursthron schubsen? „Ich habe jedem Bürger von Montana die Hand geschüttelt”, sagte Schweitzer und lachte kaum. Montana ist etwas größer als Deutschland und wird von seinen mehr als 900.000 Einwohnern gerne der “letzte beste Platz auf Erden” genannt. In den Bergen gibt es Wälder und Silber und Kohle, in den Ebenen Farmen mit Rindern und Weizen. Bruce Springsteen oder Schauspielerin Andie McDowell wohnen hier bisweilen auf ihren Zweitwohnsitzen. Brian Schweitzer kam, heißt es, wie aus dem Nichts ins Gouverneursbüro. Mit Händeschütteln bei Basketball-Spielen, mit kernigen Ansprachen pro Waffengebrauch und contra Lobbyismus, pro Biodiesel und contra Irakkrieg. Im Fenster seines Büros steht das Modell eines Windrades, an der Wand daneben hängt ein Gewehr im verzierten Lederhalfter.

Der Hund des Gouverneurs ist seit vergangenem Jahr auch in einem Kinderbuch verewigt. Schon 2007 schrieb das Nachrichtenmagazin "Times": "Rocky Mountains-Politik ist frisch, innovativ und spassig - könnte keine schlechte Idee sein, wenn Hillary und Barack vor der großen Show eine Pause einlegen um nachzusehen, was sich westlich von Iowa so tut." Viele Strippenzieher der Demokratischen Partei heben seitdem die Zeigefinger und sagen: Demokraten, schaut in den Westen! In den Rocky-Mountains-Staaten gibt es nämlich ein paar Politiker, die sich wegen des Hillary-Barack-Trubels bislang niemand beschaute, die aber allesamt Typen sind, wie sie sich ein Roman Herzog für Deutschland wünschen würde: Die neuen Demokraten im Westen der USA: Auf der nächsten Seite.


Bill Ritter wuchs mit elf Geschwistern auf einer kleinen Farm auf und war später mit seiner Frau mehrere Jahre zur Entwicklungshilfe in Sambia - seit Ende 2006 ist er der Gouverneur von Colorado. John Tester hat beim Wurstmachen auf der Ranch seiner Eltern drei Finger seiner rechten Hand verloren, er ist Musiklehrer und Ökobauer – und seit 2006 demokratischer Senator in Montana. Brian Richardson ärgerte in den 90ern sogar Bill Clinton, als er eigenmächtig zu Vier-Augen-Gesprächen mit Saddam Hussein nach Bagdad reiste, weil er Bürger aus seinem Heimatstaat aus dem Irak befreien wollte. Er hatte Erfolg, ist gerade in zweiter Amtszeit Gouverneur in New Mexiko – und hatte sich auch als Präsidentschaftskandidat der Demokraten versucht. Die drei wichtigsten Gegenstände im Elternhaus von Brian Schweitzer waren eine Marienstatue, ein Kruzifix und ein Bild von John F. Kennedy. Die Mutter stammte aus Irland, katholisch, wie Kennedy. Der Vater stammte aus der Ukraine, war deutschstämmig. 1910 lassen sie sich, ausgewandert, in Havre, Montana nieder und arbeiten auf ihrer Ranch und zeugen vier Kinder. „Beide hatten keinen Schulabschluss”, sagt Schweitzer. “Verstehen Sie, was ich meine?” Ja: Es war einmal ein kleiner, armer Junge von der Farm, will er sagen. Der studiert Landwirtschaft, schreibt seine Abschlussarbeit über die Fruchtbarkeit der Böden in Nordmontana und zieht für den ersten Job, 24 Jahre alt, nach Saudi-Arabien. „Ich kenne keinen US-Politiker, der im Nahen Osten gelebt hat. Sie?” fragt Schweitzer, selbstbewusst. Sieben Jahre baut er im Auftrag des saudischen Königshauses und einer schwedischen Melkmaschinenfirma Beregnungsanlagen, er lernt arabisch und den Nahen Osten kennen, er wässert die Wüste. Bei einem Irak-Besuch von US-Gouverneuren war er mehr Fremdenführer denn Besucher und der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ist ihm jederzeit eine zehnminütige Lehreinheit wert. 2000 bewirbt er sich in Montana um den Posten eines Senators. „Ich hatte nie zuvor von ihm gehört“, sagt Charles Johnson, seit 25 Jahren Politikjournalist in Helena. „Niemand hatte von ihm gehört. Bei seinem ersten Auftritt in Helena hatte er einen Tisch mit lilanem Samt ausgelegt und zwei Bodyguards angeheuert. In einer Tasche hatte er 25.000 US-Dollar in bar und sagte zu den Leuten: Das ist die Summe, die mein Gegner von den Republikanern von der Tabak-Industrie genommen hat.“ Beobachter sagen, Schweitzer sei ins Amt gekommen, weil er gesagt habe, was alle dachten und irgendwie wussten: Die Republikaner seien in den Jahren ihrer Alleinherrschaft korrupt geworden. Tränen in den Augen: Brian Schweitzer über den perfekten Präsidenten. Auf der nächsten Seite.
Charles Johnson sagt, er habe vor Schweitzer nie einen derart talentierten Politiker gesehen. „Er steht morgens um vier Uhr auf, liest Blogs und fängt danach an, seine Mitarbeiter anzurufen. Er hat während der Wahlen versprochen, alle 56 Counties von Montana zu besuchen – und er hat Wort gehalten.“ Bei den Demokraten im Nachbarstaat Idaho ist von „unserem aufgehenden Stern“ die Rede. „Die Leute hier halten nichts von Ostküsten-Demokraten. Was sie sehen wollen, ist Brian Schweitzer mit seinem Gewehr und seinem Hund bei Fuß“, sagt eine Funktionärin und selbst die Republikaner Montanas sprechen von einem „begnadenswerten Politiker.“ Schweitzer verlor den Kampf um den Senatorenjob knapp und stürzte sich in den Kampf um den Gouverneursposten, den er im Jahr 2004 gewann. Noch heute erhält er in Umfragen 70 Prozent Zustimmung. Was will er? Brian Schweitzer lehnt sich im Stuhl zurück. “Ich habe der Politik von Außen zugeschaut und wusste: Was da gemacht wird könnte ich besser.“ Und dann kommt wieder eine Geschichte. Brian Schweitzer ist neun Jahre alt, da kommt der Schuldirektor ins Klassenzimmer, geht zu Brian Schweitzers Lehrerin und flüstert ihr etwas ins Ohr. Der Schüler sieht die Lehrerin nicken. Sie sagt: Ich muss etwas verkünden. Stille. Neben Direktor und Lehrerin hängt ein Portrait des US-Präsidenten John F. Kennedy. Attentat, flüsterte der Direktor. Er ist tot, flüsterte die Lehrerin. Brian Schweitzer blickt jetzt, zum Ende seiner Erzählung aus wasserdurchlaufenen Augen. Mit dem Zeigefinger seiner linken Hand stützt er abwechselnd die Tränensäcke seiner Augen. „Wir brauchen wieder einen Präsidenten, der sagt: Ich will, dass du ein kleineres Auto kaufst. Einen, der in seinem eigenen Haus den Stromkonsum einschränkt und der dann sagt: Ich will von euch das gleiche. Ich will einen Leader mit einer Vision und einen, der die Amerikaner zu einem Opfer aufruft.” Wenn Kennedy es zum Mond geschafft hat, glaubt Schweitzer, dann schaffen es die USA, unabhängig vom Erdöl von „Diktatoren und anderen Ratten“ zu werden, wie er es ausdrückt. Auf seinem Schreibtisch steht ein Erlenmeyerkolben mit Biodiesel, ein Modell, wie man mittels Solarzellen aus Wasser den Wasserstoff spaltet und eine Bronzestatue von Jag. Im Jahr 2025 sollen 25 Prozent der Energie in Montana aus Erneuerbaren Energien kommen und ein Großteil aus Kohle. „Sonst verdonnern wir unsere Enkel noch in Generationen dazu, Kriege gegen Diktatoren zu führen, in denen es nur um eines geht: Öl.”

Schweitzer versteht es, in einer 40-sekündigen Souada das Schicksal der Kinder von Montana mit der Stromversorgung des Kühlschranks und einem etwaigen Krieg im Iran zu verketten. Unter Politikbeobachtern in Washington D.C. wird seine Person deshalb als vielleicht wahlentscheidend für die Demokraten bezeichnet: Obama, der Anwalt, braucht beim Bewerb um den Präsidentenjob ein Gegengewicht, vielleicht einen klugen aber Cowboy-artigen Waldschrat mit Arabisch-Kenntnissen. Einen Darsteller. Die Anrufe von Obama: Auf der nächsten Seite.


Als sich ein Reporter der "Washington Post" drei Tage auf die Fersen von Schweitzer begab, gestand ihm der Gouverneur das Geheimnis seiner Politik: „Es geht dabei um Inszenierung.“ George Ochenski ist politischer Kolumnist in Missoula, Montana, und sagt: „Ehrlich gesagt geht bei ihm gar nichts voran“. Ochenski spricht von enttäuschten Umweltverbänden, die Taten statt Worte sehen wollen, er deutet auf Montanas momentanen Haushaltsüberschuss, der das Regieren leicht mache. „Alle Lösungen, die der Mann bisher vorgestellt hat, waren rhetorischer Natur“. Schweitzer schüttelt den Kopf. „Wir haben hier in Montana die geringste Arbeitslosigkeit in den USA, ich habe soviele Steuern gesenkt wie kein Gouverneur zuvor, die Löhne steigen wie nur in zwei anderen Staaten, wir haben mehr in Bildung gesteckt als in den vergangenen 20 Jahren zusammen”, sagt er und er sagt, dass er gerade rastlos sei, dass er sowieso rastlos sei und zu Hause stets drei Filme gleichzeitig auf drei Kanälen sehe. „Mir läuft doch die Zeit davon”, sagt Schweitzer, 52 Jahre alt. Die Zeit für was? „Für Montana“, sagt Schweitzer. Und für Obama? Schweitzer lacht und sagt nichts. Pause. Aber neulich hat er wieder angerufen. „Er hat schon öfter angerufen“, sagt Schweitzer und wird ernst. „Wir haben über Energiepolitik geredet. Ein prima Kerl.” Er ruckelt im Sitz. „Wir verändern die Welt”, sagt Brian Schweitzer, Provinzvisionär. „Wir verändern sie in Montana.” Er schaut auf die Uhr. Herr Schweitzer ist unruhig. Er will mehr.

Text: peter-wagner - Fotos: privat, ap

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