Uncle Sam in der islamischen Blogosphäre

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Wie viele Blogger und Internetnutzer es in der arabischen Welt gibt, lässt sich schwer schätzen. Jedoch kann man sich vorstellen, dass nicht wenige von ihnen die USA und ihre Politik alles andere als toll finden und sich nicht damit zurückhalten, sie zu kritisieren. In der islamischen Welt sind die USA und ihre Politik ungefähr so beliebt wie Uli Hoeneß im Fanblock des TSV 1860 München. Im November letzten Jahres hat das Außenministerium der USA der digitalen Meinungsmacht der arabischen Blogger deshalb ein eigens gegründetes Team gegenüber gestellt, das durch Forenbeiträge und Kommentare das Bild der USA verbessern sollte. Größe: Zwei Mann. Nun, da ein Jahr ins Land gestrichen ist, hat man sich entschlossen, dieses „Digital Outreach Team“ zu erweitern. Seit Anfang Oktober wühlen sich sieben weitere Arabisten im Auftrag des Außenministeriums durch die arabische Netzwelt, um das Image ihres Landes zu korrigieren und seine Politik ins richtige Licht zu rücken.

Elaph.com: Auf Seiten wie dieser betreibt das Digital Outreach Team seine Imagepflege. Da auch die neun Kämpfer an der digitalen Front nur eine begrenzte Anschlagszahl auf ihren Tastaturen erreichen, müssen sie sich auf ein paar wenige Internetseiten beschränken. Das sind, wie die New York Times berichtet, zum einen die Chatrooms der großen und häufig besuchten Nachrichtenportale wie Al Jazeera oder Elaph.com, zum anderen die Web-Auftritte von Meinungsführern wie dem Prediger und Aktivisten Amr Khaled. Von radikal-islamistischen Seiten halte man sich fern, da es laut Projektmanager Brent E. Blaschke darum gehe, diejenigen zu erreichen, die sich pro-amerikanischen Meinungen nicht von vornherein verschlössen. Zwei Handvoll gegen eine ganze Blogosphäre – dieses Kräfteverhältnis ist exemplarisch für die gesamte „Public Diplomacy“ der USA. Das Budget dafür ist 400 mal geringer als das für Militärausgaben, rechnete der amerikanische Politologe Joseph Nye 2004 vor. Hinter dem Begriff „Public Diplomacy“ verbergen sich all die Anstrengungen, die Uncle Sam unternimmt, um sich, seine Werte und seine Politik dem Ausland näher zu bringen: Broschüren, Kampagnen und Medienarbeit, aber auch langfristige Maßnahmen, beispielsweise Austauschprogramme wie das Fulbright Program für Studenten oder Informationszentren ähnlich den Amerikahäusern, die im Nachkriegsdeutschland eingerichtet worden waren. Zu Zeiten des Kalten Kriegs sprach man von einem „War of Ideas“, den es gegen den Kommunismus zu führen galt. Als dieser gewonnen war, geriet die Public Diplomacy ins Abseits. Der „American Way of Life“ hatte sich durchgesetzt, warum also sollte man weiterhin Geld in seine Sprachrohre pumpen? Rundfunksendern wie „Voice of America“ wurden die Mittel gekürzt, die für Public Diplomacy zuständige U.S. Information Agency eingestampft. Nach den Anschlägen des 11. September wirkte es, als stellte man im Außenministerium plötzlich und überrascht fest, dass es durchaus noch Menschen gab, denen die USA als Feindbild ausgeredet werden mussten. Man leitete den Rückzug vom Rückzug ein, Public Diplomacy war wieder auf der Tagesordnung. Hauptzielgruppe diesmal: die islamische Welt. Ein weiter Weg seit 9/11 So gering der Einfluss auch sein mag, den die wenigen Mitarbeiter des Digital Outreach Teams in der weiten arabischen Blogosphäre haben, seine Existenz und jetzige Ausweitung beweist, dass man sich seit dem 11. September weiter entwickelt hat. Man setzt sich mit der arabischen Öffentlichkeit aktiv auseinander und sucht den Diskurs, anstatt sie als per se USA-feindlich abzustempeln und deshalb zu ignorieren. Und man engagiert dafür Leute, die mit der arabischen Kultur vertraut sind und nicht durch mangelnde Kenntnis mehr Schaden anrichten anstatt einen nahrhaften Boden für gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Unmittelbar nach dem 11. September war das zunächst ganz anders. Eine schlechte Meinung über ein Land lässt sich genauso ändern wie das Markenimage jedes Lebensmittelkonzerns, so dachte Colin Powell damals wohl, und machte Charlotte Beers zur Chefin für Public Diplomacy. Die Werbefachfrau hatte den Reis von Uncle Ben’s erfolgreich zur beliebten Weltmarke aufgebaut. Jetzt sollte sie das gleiche mit Uncle Sam wiederholen. Sie warf Broschüren und Werbefilmchen unter das arabische Volk, die in plumper Art und Weise die Bosheit der Taliban anprangerten oder zufrieden in Amerika lebende Moslems als Argument dafür brachten, dass die USA dem Islam keineswegs feindlich gesonnen ist. Anstatt die US-Außenpolitik sachlich zu erklären, bewarb man lieber die eigenen Qualitäten und schwärzte den Gegner an.

Das Titelbild der Broschüre "Iraq - From Fear to Freedom Nachdem mehrere Staaten, allen voran Jordanien und Ägypten, die Ausstrahlung von Beers Kampagnen im Fernsehen verweigerten und diese im In- und Ausland heftig kritisiert wurden, fand ihre Amtszeit schnell ein Ende. Ihre Nachfolgerin Margaret Tutwiler fuhr weiter auf der gleichen Schiene, als sie den Irakkrieg mit Broschüren wie „Iraq – from fear to freedom“ bewarb. Aber sie besann sich auch auf ein altbewährtes Mittel aus dem Ost-West-Konflikt und rief mehrere Rundfunkstationen ins Leben, die der Meinungsmacht von Al Jazeera in der arabischen Welt Paroli bieten sollten. Allerdings verkannte sie einen grundlegenden Unterschied der aktuellen Situation im Nahen und Mittleren Osten zum Kalten Krieg. Das islamische Publikum befindet sich nicht hinter einem eisernen Vorhang und lechzt nach Informationen von der anderen Seite. Es fühlt sich nicht abgeschnitten vom Zugang zum Informationsfluss der freien Welt, da es sich selbst als diese freie Welt versteht. Die arabische Medienlandschaft ist durchaus intakt und genießt das Vertrauen der Bevölkerung. Dementsprechend groß war und ist ihr Vorsprung im Wettrennen um die Meinungsführerschaft. Die US-Sender hinken immer ein paar Meter hinterher. Dem Digital Outreach Team ergeht da schon etwas besser. Zwar bekommen sie in den Foren häufig Ablehnung zu spüren, in Form direkter Anfeindungen oder sarkastischer Bemerkungen. Sie würden nichts weiter tun, als ein Schwein mit Lippenstift zu schminken, kommentierte ein nach eigenen Angaben in Deutschland lebender Araber die Diskussionsbeiträge des Digital Outreach Teams. Ein anderer kommentierte verbittert, dass alles Tun der Vereinigten Staaten lediglich zu ihrem eigenen Nutzen sei und „ihre eigene Tasche“ füllen solle. Aber es wird auch sachlich über die Politik der USA diskutiert und so eine Form des Dialogs zwischen amerikanischen Offiziellen und dem islamischen Bürger geschaffen, die es so bisher kaum gegeben hat, deren Fehlen aber von Analysten des US-Außenministeriums als ein Grund für die Radikalisierung der islamischen Welt identifiziert wurde. Dass die Diskussionen in den arabischen Foren deren Nutzer auch inhaltlich von der Politik der USA überzeugen, bleibt aber zweifelhaft. Als General Petraeus vor wenigen Wochen seinen Bericht zur Lage im Irak vorlegte und das Digital Outreach Team diesen zur Diskussion stellte, konnte es jedenfalls nicht punkten. Die Irakis, so der Tenor in den Foren, wäre vor dem Eingreifen der USA besser dran gewesen.

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