Und täglich grüßt der Mainstream

Die Cordhose kommt wieder und macht sogar eine gute Figur dabei. Warum verfällt man eigentlich Trends, auch wenn man gar nicht wollte?
mercedes-lauenstein

Hört man heute das Wort „Cordhose" macht der Autocomplete-Modus im Kopf folgendes: „Seitenscheitel, Trainingsjacke, Thees Uhlmann, Indie-Trends von früher". Er könnte auch fragen: „Meinten Sie Britpop-Nostalgie?" Cordhosen waren cool, als die Flut der „The"-Bands noch eine zarte Welle am Horizont war und als Second-Hand-Läden noch nicht „Vintage" hießen. Das ist ungefähr zehn Jahre her. Mindestens acht Jahre lang ist sie deshalb schon tot, überstrapaziert, laaaangweilig, Nicht-Wort-Kandidat. Wenn man in der Zwischenzeit einmal jemanden mit einer Cordhose sah, konnte man denken: zu Recht. Genau so, wie man immer dachte, dass die Karottenhosen der 80er mit Recht gestorben seien, die runden Brillen oder der blaue Lidschatten oder die wasserstoffblonden Pisspott-Frisuren. Sahen irgendwie wahnsinnig daneben aus, entgegen aller Gesetze der Schönheit und wenn überhaupt, nur noch ironisch zu gebrauchen. Aber diese Dinge haben sich alle wiederholt oder wiederholen sich in diesem Moment. Und jedes Mal wird aus einer anfänglich ironischen wieder eine ernsthafte Phase.

Jetzt jedenfalls ist die Cordhose wieder da. Modeblogs berichten über sie, bei H&M und in Onlineshops tauchen die ersten Modelle für die Massen auf. Passend zum Herbst. Denn wenn etwas die Stoffwerdung des Herbstes ist, dann ist es Cord. Schon vor mehr als 100 Jahren war Cord in der englischen Unterschicht als besonders robuster und wärmender Stoff berühmt. In den Läden gibt es ihn jetzt in allen Farben der herbstlichen Baumkrone zu kaufen: Nassdunkles Grün, Bordeaux-Rot, Ocker, Sonnenuntergangsgelb und alles dazwischen und nebenan. Früher oder später wird er kommen, der Moment, in dem plötzlich selbst der größte Cord-Skeptiker weich wird und denkt: Sieht eigentlich echt gut aus.

Das ist nicht schlimm. Trends wären keine Trends, wenn sie nicht nach dem beschriebenen Prinzip funktionieren würden. Und dieses Prinzip wiederum leuchtet ein, denn in den meisten Fällen hat Geschmack mit Gewohnheit zu tun. Je öfter man ein bestimmtes Bild sieht, desto mehr gewöhnt sich das Auge an das aktuelle Bild, das in diesem Fall eine Art Schönheitsideal ist, lernt es zu akzeptieren und meistens irgendwann auch zu schätzen.

 



Und doch macht es einen ein bisschen wütend und ein bisschen traurig, dass diese Ideale die Macht haben, einen doch immer wieder zu packen. Warum ist auf die vermeintliche Individualität und das vermeintlich fertig entwickelte Ästhetik-Empfinden kein Verlass? Woher kommt das? Warum ist es bei fast jedem Trend dieselbe Geschichte: Dass man zuerst erschrickt und denkt: Karottenhosen, also bitte, bin ich denn Tankstellen-Atze oder was? Und keine paar Monate später steckt man drin und findet es super. Zuzugeben, dass das so ist, fällt doppelt schwer, weil es ein Beweis dafür ist, dass man manipulierbar ist.

Wenn man merkt, dass einen ein Trend in der letzten Minute doch noch gepackt hat, obwohl man damit nicht mehr gerechnet hatte und eisern drüberstehen wollte, kommt noch ein anderer Ärgernisfaktor dazu: Dass man schon bei dem Gefallen an einer Sache ahnt, dass dieses Gefallen zwar gerade sehr dringend ist, aber vielleicht nicht lange andauern wird. Dass man schon bald genug von Wildlederarmflicken auf dem Ellenbogen hat zum Beispiel und dann überhaupt gar nicht mehr zu den faden Armflicken tragenden Menschen gehören will, so als stünde auf jedem Flicke geschrieben: Ich bin der Herbst/Winter Trend 2010 und mein Träger, haha, kauft ja wohl alles, was in der Werbung kommt.

Man würde die Erweiterung des Geschmackssortiments am liebsten so kommentieren: "Wieso? Ich fand Armflicken schon immer gut, keine Ahnung, wieso die anderen jetzt erst drauf kommen. Püh!" Aber so jemand will man nicht sein. Aber man will auch keiner sein, an dem alle Trends vorbeigehen. Und jemand, der Trends zu spät kapiert, will man erst recht nicht sein. Am allerwenigsten will man aber jemand sein,  der sich zu viele Gedanken um solche Dinge macht. Wer will man denn eigentlich sein?

Eigentlich doch nur jemand, der cool und selbstbewusst sein Ding durchzieht, ohne es kaputt zu grübeln oder zu viel darauf zu geben, was die anderen davon denken. Vielleicht sind also in Wahrheit doch die einzig individuellen Leute diejenigen, die solche Individualitäts-Gedanken gar nicht haben. Die sich einen Fahrradhelm aufziehen, ein lustiges Kassengestell bei Fielmann kaufen und sich dafür nicht ins Hemd machen, während der Pseudoavantgardist in seiner extra groben Cordhose und mit runder Bernsteinbrille sich den Tag davon versauen lässt, dass im Umkreis von 50 Metern drei weitere Pseudoavantgardisten in der Welt unterwegs sind. Es ist gar nicht schön, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

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