Und was ist nach Montag? Die Afterhour ist zurück – eine Anatomie

Berlin ist aufgeregt dieser Tage. Am besten beschreibt wohl folgendes Szenario die General-Verzückung: Sonntag Abend. U-Bahnstation Eberswalder Strasse. Ein junger Mensch bettelt. Nicht ungewöhnlich für Berlin. Aber um den Eintritt in eine Afterhour?
tobias-feld

Ein Kulminationspunkt dieser neu belebten Techno-Kultur ist gerade das “Berghain”. Der Club in Friedrichshain, der gerade mit der Panoramabar aus den Ruinen des “Ostgutes” auferstanden ist. Das Ostgut galt als unkorrumpierter Techno-Tempel mit einer lustvoll-schwulen Pilgerschaft. Das neue Ostgut, oder kürzer das Berghain, stilisiert sich nun als mainstream-resistente Zeitkapsel, in der Feiern selten unter vier Tagen stattfindet. Ein Gesicht hat diese neue Techno-Epoche auch schon: Ricardo Villalobos. Techno-Filigran, Schlaf-Abstinent und passionierter Schlapperhosen-Träger – quasi die Fleisch gewordene Afterhour. Für all jene Techno-Romantiker, die partout nicht allein nach Hause wollen, geht es anschließend noch ins semi-legale “Golden Gate” an der Jannowitzbrücke oder die unweit an der Spree gelegene “Bar 25”. Nicht selten dort immer noch hinter den Decks: Ricardo Villalobos. Ein anderes Gesicht dieser xtra-large Feierkultur ist Cassy Britton. Die gebürtige Britin strandete über den Umweg Wien in Berlin und verdichtet nun die Atmosphäre der verlorenen Stunden auf dem ersten Berghain-Sampler „Panorama Bar 01“. Was Berlin gerade so besonders macht? Für Cassy Britton ist klar: „Berlin ist groß und die Mieten sind billig, besonders im Vergleich zu Köln, oder München. Da ist es natürlich leichter für einen Künstler, zu überleben, die Miete zu bezahlen und trotzdem noch genug Zeit zu finden, sich weiter zu entwickeln. Umso mehr Aktivität, umso mehr kann geschehen; je mehr Leute versuchen etwas anzupacken, umso leichter kann dann etwas gelingen. Das war natürlich auch einer der Gründe, warum mich Berlin so anzog. Mit seiner Vielfalt an Clubs und Parties und Chancen. Ob mit der Afterhour-Kultur gerade etwas wirklich Neues anbricht, kann ich nicht beantworten. Das ist heute ja allgemein sehr schwierig geworden. Aber es gibt sehr Interessantes und Eigenwilliges und das ist doch schon gut genug, oder?“

Cassy Britton: "Ist doch schon gut genug, oder?“ Ein neuer Begriff für die aufgeflammte Afterhour-Kultur war schnell gefunden: Zeitverdampfen. Aus einem Wochenende wird ein Tag. Weil so was nicht funktionieren kann, ohne den Stoffwechsel zu frisieren, geht es natürlich auch um: Drogen. Zum Rausch der nicht enden wollenden Bass-Drum gesellen sich nun wieder anachronistische, für die Dauer-Ekstase aber maßgeschneiderte Subtanzen, wie Ketamin oder GHB. Auch wenn der Großteil der Besucher Auswüchse wie diese meidet wie der Teufel das Weihwasser. Es bewahrt nicht vor bitteren individuellen Tragödien: So gesellen sich zu Schmerz- und Schlaflosigkeit oftmals der Horrortrip; das sogenannte Ketamin-Loch mit Panik-Attacken und Tunnelvisionen. Dies mag auch ein Grund sein, weshalb diese Sub-Kultur in München nie so recht zu blühen begann, meint Gabriel Pakleppa vom Club “Rote Sonne”. Das Publikum hier sei auf morgendlichen Raves oft halbseiden bis finster. Die Behörden würden da nicht lange mitspielen. Und so sind legendäre Afterhours, wie solche im “Stereo Garten”, auf “La Terrassa” oder im “Pulverturm” längst passé; neue wie im Club “Palais” gegenüber des Starnberger Bahnhofs müssen den Berliner Vergleich scheuen. Dem Treiben zwischen Wachen und Schlafen vermochte das jedoch nichts anzuhaben. „Die After- Hour-Kultur verlagert sich so einfach ins Private“, meint Gabriel Pakleppa. Mehr Underground geht auch nicht. Nie weg war hingegen der kollektive Eskapismus in Zürich, Feier-Hotspot und Mekka für den ganzen Süden. Was verwundert, ob seiner beschaulichen 400.000 Einwohner, dafür aber potenter Kultur- und Clubdichte. Die Schweizer sind ja zumeist fleißigen Arbeitsbienen. Und so tauschte man mit am Wochenende mit Verve die Mühsalen der Woche gegen den Honig des Müßiggangs ein. Die Adressen hierfür: das “Spidergalaxy” oder die “Dachkantine”. Ersteres musste vergangenes Jahre nach einer Großrazzia wegen der überbordenden Drogenproblematik schließen. Die Dachkantine hingegen schoss sich mit einem fulminanten Knall in den Orkus: ein vierwöchiges Radioprogramm nebst CD und retrospektiven Buch begleitete die professionelle Afterhour-Totalentgrenzung. Der Grund für das Ende: Die Sub-Kultur biss sich hier selbst in den Schwanz. Nachdem das ganze Quartier dank strahlender Dachkantine zum Hippster-Viertel avancierte, entstehen nun schicke Penthäuser aus alter Asche. Die Raver ziehen derweil weiter. In “Die Zukunft”; neuste Zürcher Club-Adresse für kultiviertes Zeitverdampfen.

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