Undeutsches Theater

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Es gibt viele gute Gründe ins Theater zu gehen und ebenso viele schlechte. Mitsingen im bildungsbürgerlichen Wertekanon, mal wieder den guten Zwirn auftragen, in der Pause Sekt trinken und das mühsam erlernte Vokabular der Oberschicht erfolgreich abprüfen lassen. Oder eben: Tradition, Erkenntnis, Kunst und geistige Erquickung. Wobei das Eine vom Anderen schwer zu lösen ist – doch diesen Preis zahlt man gerne, für einen Abend fernab von Klamauk und MTV-Ästhetik. Wie aber gestaltet sich ein Theaterabend, bei dem gerade das Schnelle und Schräge, das Bizarre und Lustige die Grundlage für das ist, was auf der Bühne, aber auch überall anders in Stadt und Theater möglich ist? Ist das überhaupt noch Theater?

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Wahrscheinlich ist es egal, in welche Ecke man Gob Squad, die sechsköpfige deutsch-britische Performancegruppe, aus Berlin und Nottingham, alle zwischen Anfang 30 und Anfang 40, stecken will. Seit über zehn Jahren gibt es Gob Squad nun, und nachdem Häuser und Hotels, eine U-Bahn-Station in Kassel und schließlich ganze Stadtteile bespielt wurden, sind die grundlegenden Fragen der Antwort kein Stück näher gekommen: Theater oder Klamauk, Installation oder Event, Show oder Arbeitsgruppe? So einfach wird die Klassifizierung nicht. Natürlich: Irgendjemand im Publikum wird wohl durchgehend lachen, weil tatsächlich alles recht komisch ist – aber nicht alles lustig. Irgendjemand wird schon schreiben, wie banal oder jugendlich das alles ist, eben weil es nicht nur um Sein oder Nichtsein geht, weil hier nicht minimale Ästhetik für maximale Erkenntnis aufgesetzt wird. Ganz im Gegenteil. Die Schnitte, die Musik und die Komik sind ganz offensichtlich, sind Anknüpfungspunkte, für die man kein Bildungselternhaus und kein Germanistikstudium braucht. Es sollte immer Musik da sein und an der besten Stelle Es gibt diesen Moment bei „Super Night Shot“, dem bislang erfolgreichsten, meist gespielten und heiß geliebtesten Gob-Squad-Stück, den man zeitlich nicht exakt verorten kann, der aber doch jeden Zuschauer erwischt: Man sieht das, was die vier Gob-Squad-Agenten eine Stunde vor Aufführung gefilmt haben, in der Straße des Theaters, mit den Passanten und auf Plätzen, die vertraut sind. Mit dem Auge der billigen Kameras im Nachtmodus, mit den koordinierten Tänzen und Und das sieht alles so verdammt gut aus, so leicht und so richtig, so groß und so schön und aus dem Hintergrund dudelt diese Musik, die man aus den Filmen kennt, aus Hollywoodblockbustern und aus „Absolute Giganten“ und ganz zwangsläufig schüttet der Körper Instantgefühle aus und das, was man sieht, das, was Gob Squad da machen und diese Musik, das ist alles so wunderschön, richtig und frei. Und dann merkt man: Das ist mein Leben. Das ist meine Stadt. Das könnte ich sein, dieser Mann auf dem Fahrrad. Oder das Mädchen an der Ampel. Und aus der Bühne wird ein Spiegel und wenn nach einer knappen Stunde das Spektakel sein Ende nimmt, sich ein letztes Mal aufbäumt um wieder einzuschlafen, dann sind da diese Fragen, nach dem Sinn und der Freude, nach der Wahrnehmung und dem, was so klein scheint, aber so groß sein kann – wenn der Winkel der Kamera stimmt. Und das hier ist die Welt, bitte sei stark Auch im neuesten Gob-Squad-Werk „Me, The Monster“ gibt es diesen sehr direkten Moment, in jedem der Zuschauer bewusst werden muss: Es geht hier um mich. Die Rahmenbedingungen sind grob folgende: Jeder ist ein Monster und der Abend bei Gob Squad ist der Weg der Konfrontation mit dem Ziel der Integration in das Leben unter Menschen. Man wird einerseits mit seinem zwar verfremdeten, dadurch jedoch nur offenbareren Selbst bekannt gemacht – und andererseits mit der Welt da draußen und mit ihren bizarren Regeln und Normen. Wenn Sean Patten in der Kulisse steht und mit Geduld und Ruhe die Grundregeln menschlicher Kommunikation in der Art eines Sprachkurses referiert, gesellen sich Theater, Stand-Up-Comedy und Gesellschaftskritik zueinander. Denn viel von uns, dem Einzelnen bleibt da nicht, wenn man sich vor Augen führen lassen muss, wie vorgeschrieben und hermeneutisch abgeriegelt Kommunikation ist. Alles ist gegeben: Jede künstliche Pause, jede Lächeln, jeder unsichere Blick bei einem lockeren „Hi ... na ... wie geht’s?“, aber auch bei einem „Ich ...“ – Blick zum Boden – „... liebe ...“ – Blick in die Augen – „... dich“ – und dann bitte der Blick ins Ungewisse. Und alles andere, das Bedürfnis, einfach jemanden zu umarmen, rauszutreten aus den Zwängen, aus dem, was erwartet wird und dem, was als normal wahrgenommen wird, macht dich zum Monster. Grausam aber ist nicht das Monster in dir, grausam ist die Welt – so lustig die Inszenierung in diesem Moment auch sein mag. Erkennen und Erkenntnis Das Spiel mit der Inszenierung, mit der auf der Bühne und mit der im Leben, ist eines der Grundprinzipien von Gob Squad. Ein anderes ist, dem Publikum die schützende Dunkelheit der Sitzplätze zu nehmen, und auch den Glauben nehmen. Den Glauben, dass..., dass es ein Oben und ein Unten nicht gibt, dass Theater nicht sperrig sondern gerne zugänglich sein darf, ohne seine Fragen an das Leben allein für Belustigung aufzugeben und dass im Leben ebensoviel Erkenntnis zu finden sei als auf der Bühne. Gob Squads Anliegen scheint es, vor allem den Blickwinkel zu ändern, die Menschen und sich selbst anders zu sehen, liebevoller, würdevoller, vielleicht. Der Mensch soll sich sehen und erkennnen, dass er so schön ist, wie er sich findet. Er ist zwar verloren in Moderne und Stadt, aber geschützt von einem Glauben an sich selbst, an etwas, das sich Liebe nennt und an die Menschen, die guten. Technisch betrachtet reichen Gob Squad dazu zwei Kniffe: ein Set an wenig aufwändigen Videokameras und immer wieder der Blick auf das Publikum. Jede Perfektion in der Ästhetik wäre ein falscher Schritt Richtung Hollywood, weg vom Menschen, hin zu einem Ideal, das nur unglücklich macht. Es geht eben nicht darum, so zu tun, als wäre irgendwas in Ordnung, als wäre irgendjemand perfekt und das Leben ungetrübt schön. Es geht Gob Squad darum zu zeigen, dass das Leben schön ist, gerade weil nichts perfekt ist. Weil man Angst haben und schutzlos sein darf. Und dass das Leben nie perfekt werden wird. Das ist die gute und die schlechte Nachricht von Gob Squad. Nach der Sommerpause des Theaters sind Gob Squad in verschiedenen Theatern in Deutschland, unter anderem in Frankfurt und Berlin zu sehen. Gob-Squad-Mitglied Bastian Trost ist bis dahin in den Kinofilmen „Das Leben der anderen“ und „Schläfer“, in dem er die Hauptrolle innehat, zu sehen. Mehr zu Gob Squad findest du hier.

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