Unkraut-Utopien

Das Kunstcamp zum "MS Dockville" ist fast so wichtig wie das Hamburger Musikfestival selbst. Das Motto dieses Mal: "Unkraut". Wir haben uns erklären lassen, was das Gewächs mit Utopie, Experiment und Unerhörtem zu tun hat.
birk-grueling

Die Abendsonne senkt sich über die Elbinsel, mit lautem Piepen lädt ein Bagger Zäune für das Festivalgelände ab. Aus der Kunstcamp-Küche riecht es nach Chili, unzählige Helfer eilen umher. Ein Tag vor der Eröffnung herrscht noch kreatives Chaos an der Alten Schleuse in Hamburg-Wilhelmsburg. In knapp zwei Wochen werden hier 20.000 Musikfans Bands wie die Orsons, Woodkid oder Austra auf dem Hamburger Musikfestival MS Dockville feiern. Bereits jetzt hat das inzwischen dazugehörige Kunstcamp eröffnet, für das junge Künstler aus zwölf Ländern angereist sind. „Wir suchen entwicklungsfähige Künstlerpersönlichkeiten, deren Werke interdisziplinär funktionieren, das Publikum anregen und auch unter freiem Himmel ihre Wirkung entfalten“, erklärt Susanne Schick, künstlerische Leiterin des Camps.

Wie jedes Jahr wurde dem Camp ein Motto gegeben: Unkraut. Man versteht sich auch als Gegenentwurf zur Gartenschau, wenige hundert Meter weiter sieht man sich hier - schräger, unangepasster und hoffentlich erfolgreicher. „Unkraut erobert sich mit beeindruckender Vehemenz seinen Platz in allen erdenklichen Lebensräumen und ist robuster als viele sogenannte Kulturpflanzen", fasst Susanne Schick das Motto in blumige Worte. "Es bereichert den subkulturellen Nährboden, der Raum für Utopie, Experiment und Unerhörtes bietet.“

Bereits mehrere Wochen vor der Eröffnung Anfang August haben die insgesamt mehr als 50 Künstler und ihre unzähligen freiwilligen Helfer schon an den Exponaten unter freiem Himmel gearbeitet. Vor dem Austausch mit dem Publikum im öffentlichen Kunstcamp wird die Aufbauphase als ein internes Camp intensiv genutzt. „Wir schlafen, essen und arbeiten alle zusammen. Es ist ein eigener Kosmos, in dem zahlreiche Projekte ineinander übergreifen und einander bereichern“, sagt Dorothee Halbrock aus Susanne Schicks Team zu Beginn einer kleinen Führung durch das Camp. "Durch diese intensive Kommunikation entwickeln sich nicht nur neue Projekte und Freundschaften, sondern auch die Kunstwerke kontinuierlich weiter."

Der rauchende Hügel


Lenika Long steht in einem Erdhaufen, der ein bisschen aussieht wie ein überdimensionaler Maulwurfshügel. „Intervello-Krater“ heißt diese Installation. Auf Knopfdruck steigt binnen weniger Minuten aus dem Erdhügel Rauch auf und hüllt die Künstlerin in graue Schwaden.





Die Schnapsbrennerei

Moka Farkas

Mit funkelnden Augen tritt die Künstlerin hinter ihrer Kräuterdestille hervor, als wir uns nähern. „Ich möchte, dass sich meine Besucher über ihre Wünsche und Sorgen Gedanken machen“, sagt sie und deutet auf die Wunschkarten. Aus Kräutern für mehr Potenz, größere Entspannung im Alltag oder gegen Rückenschmerzen kann man hier die Zutaten für den eigenen Kräuterschnaps auswählen. Der wird noch vor Ort gebrannt und in einer kleinen Flasche übergeben. „Gleich trinken wäre keine gute Idee. Bis Mitte Oktober musst du deinen Schnaps jeden Tag einmal schütteln und dir Gedanken um deine Wünsche machen“, sagt Moka und zeigt ein strahlendes Lächeln. „Dann wirst du geheilt“. Mit einem Augenzwinkern verschwindet sie hinter ihren Kräutern und Kesseln.





Der Fahrradbaum



Nur paar Schritte über eine frischgezimmerte Holztreppe weiter baut Sebastian Muhr an seinem mechanischen Baum. Am Abend vor der Eröffnung ist das verzahnte Konstrukt aus alten Fahrrädern gerade einmal zwei Meter hoch. Kaum mit der Steckleiste auf dem Rasen verbunden, setzen sich die Räder langsam in Bewegung und die ersten noch unbelaubten Metalläste heben und senken sich rhythmisch. „Das wird noch viel größer“, nickt der Künstler aus Chile und eilt zu einem großen Haufen aus Fahrradleichen.



Pestizid-Gemälde



Die weißen Baucontainer-Wände wenige Meter weiter hat Julia Herfurth Unkrautskizzen beklebt. „Ich habe mich mit pestizidresistentem Unkraut beschäftigt“, erklärt die Künstlerin. Im Fokus ihrer Arbeit steht vor allem das Spritzmittel Roundup der Firma Monsanto. Über die Schädlichkeit dieses Pestizids streiten Experten seit Jahren, das Unternehmen verweist auf Risikoarmut, Umweltorganisationen hingegen warnen vor schweren Folgen für Mensch und Umwelt. Diese Forschungsdebatte greift Herfurth in ihren Kupferstichen und Skizzen auf.



Der Wohn-Igel



Die größte Installationen des Camps ist der "Igel". Seine Holzlattenstachel ragen in den Himmel und schützen das Innere. In seiner Mitte befinden sich die Schlafplätze der Künstler und Mitarbeiter. „Im Laufe des öffentlichen Camps werden hier einige Performance-Aktionen stattfinden. Gleichzeitig soll es ein Rückzugsort für uns bleiben“, erklärt Halbrock mit Blick auf das gewaltige Kunstwerk.

Das öffentliche Kunstcamp auf dem DOCKVILLE Gelände an der Alten Schleuse 23 in Hamburg Wilhelmsburg ist noch bis zum 11. August geöffnet, alle Installationen sind auch während des eigentlichen MS Dockville Festivals vom 16. bis 18. August geöffnet.

Text: birk-grueling - Fotos: Birk Grüling

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