"Uns geht's doch ganz gut"

Warum erwarten wir vom Leben eigentlich so viel? Eine kurze Geschichte über die Durchschnittlichkeit
philipp-mattheis

Eigentlich müsste jetzt bald etwas passieren. Natürlich hatte das nichts mit der Zahl zu tun. Eine Zahl ist schließlich nichts als eine Zahl und sagt alleine gar nichts. Trotzdem hatte sich, seitdem wir 30 geworden waren, etwas verändert: Die Freunde von früher sah ich seltener, und wenn ich sie sah, tranken sie nicht mehr so viel wie früher und gingen spätestens um zwei Uhr nach Hause zu ihren Freundinnen. In den Bars und Clubs gehörte ich jetzt fast immer zu den ältesten. Peinlich war es noch nicht, aber in ein paar Jahren würden sie sich bestimmt fragen, was der alte Typ denn hier will. Mit Frank saß ich in unserer gemeinsamen Küche und wir tranken unser letztes gemeinsames Bier. Am Samstag würde er gehen und zusammen mit Anna in ihre erste gemeinsame Wohnung ziehen. „Weißt Du“, sagte er, „eigentlich warten wir doch die ganze Zeit darauf, dass es irgendwann mal abgeht. Nur schieben wir den Zeitpunkt, an dem es passieren soll, immer weiter hinaus: erst Abi machen, dann Zivi, dann Studium und dann kommt das erste Jobangebot. Und irgendwann stellst Du auf einmal fest, dass es bei Jüngeren plötzlich abgeht. Zuerst sind es die Fußballer, die mit 19 schon in der Nationalmannschaft spielen. Aber später merkst Du es auch bei den anderen.“

Ich musste an den Film „Fightclub“ denken. Darin sagt Tyler Durden den Satz: „Wir wurden durch das Fernsehen in dem Glauben aufgezogen, dass wir alle irgendwann mal Millionäre, Filmgötter oder Rockstars werden. Werden wir aber nicht - und das wird uns langsam klar und wir sind ganz kurz vor dem Ausrasten.“ Was die Versicherungsangestellten und Autoverkäufer im Film so wütend macht, ist die Erkenntnis ihrer eigenen Durchschnittlichkeit. Sie hat sich langsam in ihr Leben eingeschlichen, von dem sie eigentlich etwas ganz anderes erwarteten: die große Liebe, sagenhaften Erfolg oder wenigstens Leidenschaft. Hätten sie nicht Tyler Durden getroffen, wäre es ihnen wahrscheinlich wie dem Frosch im Kochtopf ergangen. Denn den Punkt, an dem abgerechnet wird, gibt es nicht, außer man bestimmt ihn selbst. Doch selbst, wenn der Kassensturz im eigenen Leben nur Durchschnittliches zum Vorschein bringt, ist das keine Katastrophe: Vernünftig werden heißt schließlich auch, nicht mehr alles zu wollen. Die Tatsache der eigenen Mittelmäßigkeit lässt sich jahrelang unter Träumen verstecken. Frank und ich saßen in der Küche und suchten die Schuld bei den anderen: Dieses Jahr feiert „Wer wird Millionär“ in Deutschland zehnjähriges Jubiläum. 2002 strahlte RTL zum ersten Mal im die Show „Deutschland sucht den Superstar“. War da nicht ein hoffnungslos überdrehter Daniel Küblbock zum Star geworden, gekürt von einer Jury aus Halbproleten, die Gott spielen durfte? Vor drei Jahren begann Heidi Klum, „Mädls“ zum Topmodel zu drillen. Lautete der verlockende Subtext dieser Shows nicht: Auch du kannst Millionär, Rockstar oder Topmodel werden. Wenn das so ist, ist dann nicht derjenige der Dumme, der sich mit kleineren Zielen zufrieden gibt? Und muss dann nicht zwangsläufig die Enttäuschung kommen? „Aber sich über das Fernsehen zu beschweren, ist genauso dumm, wie sich über die Existenz der Bild-Zeitung zu ärgern. Beides gibt es, weil es ein Publikum dafür gibt und niemand zwingt uns, diese Sendungen anzusehen“, sagte ich. Ich sagte, es läge an unserer Erziehung. Unsere Eltern, wenn auch nicht richtige 68er, so doch von deren Geist geprägt, hätten uns über alle Maßen eingeimpft, wir seien etwas Besonderes. Wir könnten alles schaffen mit wenig Arbeit. Sie haben uns in dem Gefühl erzogen, wir seien überdurchschnittlich und unglaublich besonders. Gleichzeitig hätten sie gegen das Leistungsprinzip rebelliert und deswegen dachten wir: Wir werden alles schaffen und müssen noch nicht einmal dafür arbeiten. Frank nickte, doch dann sagte er: „Generationen vor uns haben immerhin von germanischen Weltreichen geträumt. Ist das besser?“ „Nein“, sagte ich. „Natürlich nicht. Aber trotzdem…“ Statt den Satz zu beenden, nahm ich einen großen Schluck Bier. „Aber eigentlich ist doch alles ganz gut“, sagte Frank. Darauf stießen wir dann an. „Nein, beschweren können wir uns nicht“, sagte ich und wünschte ihm alles Gute für die Wohnung mit Anna. Ich musste an Fightclub denken: Um mich mit irgendjemand zu prügeln, war ich nicht mutig genug.

Text: philipp-mattheis - Illustration: Katharina Bitzl

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