Unter Zuschauern

Ein Publikum setzt sich aus den immergleichen Individuen zusammen. Welche Menschen das sind, und welcher du sein könntest, verrät dir diese Typologie.
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Illustration: Julia Schubert

Eine Masse, lauter Typen: das Publikum

Der Nicker

Warum sitzt er im Publikum?
Der Nicker sitzt in der ersten Reihe, denn er möchte besonders gut sehen und hören können, ohne störende Schultern, Nacken und Köpfe anderer dazwischen. Er ist immerhin hier um etwas zu lernen, später bereichert noch einen guten Wein zu trinken und mit seiner Begleitung eifrig über den Abend zu diskutieren. Hier vorne hat er sogar genug Platz, sich mit den Ellebogen auf die Knie zu stützen und dadurch besonders interessiert zu wirken. Ansonsten macht er seinem Namen alle Ehre: Er nickt sehr viel, oft lächelt er dabei, nur sehr selten schüttelt er mal den Kopf, denn er ist ein positiver Mensch, der sich über jede Meinung und eloquente Äußerung freut, auch, wenn er überhaupt nicht einverstanden damit ist.
Das denkt er: „Ach, wie interessant, hoffentlich sehen auch alle, dass ich es interessant finde!“
Das denkt der Sitznachbar: „Meine Fresse, kann der mal den Kopf stillhalten? So spannend ist das jetzt auch wieder nicht.“
Das hat er dabei: Informationsmaterial zur Veranstaltung (Flyer, Programm, Katalog), das er die ganze Zeit über in der Hand hält, Handhygienegel und ein ziemlich altes Handy
Dort triffst du ihn: Bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Mobilität der Zukunft“ und bei der Lyriklesung eines hoffnungsvollen Nachwuchsdichters.    

Der Reinrufer

Warum sitzt er im Publikum?
Der Reinrufer möchte in der Menge baden (die aber meistens eher etwas von ihm abrückt) und Teil des Abends sein. Stilles Dasitzen und Sich-berieseln-lassen ist gar nicht sein Ding. Er findet, dass ein Publikum unbedingt partizipieren sollte, das mache das Ganze „doch erst so richtig spannend“. Darum freut er sich immer besonders, wenn der Künstler auf der Bühne sein Publikum mit einbezieht oder der Vortragende eine Frage an die Menge richtet – dann grölt er am lautesten seine Gedanken in den Raum. Das tut er allerdings auch gerne mal ohne Aufforderung. Wenn dann vorne auf der Bühne kurze Verwirrung herrscht, fühlt sich der Reinrufer ziemlich revolutionär. Endlich hat er mal mehr erreicht als einen gesunden Stuhlgang!
Das denkt er: „Ha, da sag ich jetzt aber mal was dazu!“ oder „Ha, jetzt hab ich’s denen aber gegeben!“
Das denkt der Sitznachbar: „Peinlich, peinlich, peinlich, peinlich, peinlich, peinlich, peinlich...“
Das hat er dabei: Nichts, er hat nämlich alles an der Garderobe abgegeben, um es sich auf seinem Platz so richtig bequem machen zu können. Da fühlt er sich fast wie daheim im Sessel.
Dort triffst du ihn: Bei der Mitgliederversammlung des FDP-Ortsverbands, beim Poetry Slam im örtlichen Kulturzentrum und im politischen Kabarett.


Der Fremdschämer

Warum sitzt er im Publikum?
Weil er muss oder weil er sich etwas anderes vorgestellt hat. Er hat also entweder eine Karte geschenkt bekommen/jemandem versprochen mitzugehen oder dachte, dass das Programm respektive der Film unterhaltsamer oder anspruchsvoller wäre. Nun versucht er, sich auf seinem Platz möglichst klein zu machen. Alles ist ihm peinlich. Er sich selbst, weil er sich diese Schmonzette beziehungsweise dieses unsinnige Programm ansieht, sämtliche Akteure im Film beziehungsweise der Typ auf der Bühne und alle anderen im Publikum, die gerührt sind, jubeln oder lachen. Der Fremdschämer versucht, beim Colatrinken durch den Strohhalm keine Schlürfgeräusche zu machen und wenn er klatscht, dann tut er das verschämt im Schoß. Eigentlich will er bloß ganz schnell nach Hause unter die Bettdecke!
Das denkt er: „Mir ist so heiß. Und jetzt wieder kalt. Ich glaub, ich muss weinen!“
Das denkt der Sitznachbar: „Was’n Langweiler! Weint der etwa???“
Das hat er dabei: Zumindest nichts, was ihm helfen würde – er wusste ja nicht, was ihn erwartet! In seiner Not klammert er sich mit feuchten Händen an alles, was man eben so dabei hat – den Schal, das Taschentuch, die eigenen Finger.
Dort triffst du ihn: Er könnte überall sein: im Theater, im Kabarett, im Kino, bei der Stand-up-Comedy-Show, beim wissenschaftlichen Vortrag – egal, Fremdscham ist universell und weit verbreitet.

Der Sture

Warum sitzt er im Publikum?
Der Sture überzeugt sich gerne von der Dummheit der Menschen und damit gleichzeitig von seiner eigenen Intelligenz und seinem unfehlbaren Geschmack. Also kauft er sich eine Karte fürs Theater oder für ein Konzert in dem Wissen, dass es ihm sowieso nicht gefallen wird. Am schönsten ist es für ihn, wenn er die Musik, die vom Orchester interpretiert, oder das Theaterstück, das inszeniert wird, sehr, sehr gut kennt. Dann kann er mit verschränkten Armen und mürrischem Gesicht dasitzen, nie applaudieren und sich in stillen Momenten laut räuspern. Er nutzt seinen ganzen Körper dazu, die reinste Verweigerung auszudrücken. Das genießt er sehr – auch, wenn er das nie zugeben würde. Nicht mal vor sich selbst.
Das denkt er: „Ich hab’s ja gleich gewusst, das konnte ja nichts werden. Wieso nur tu ich mir das immer wieder an?“
Das denkt der Sitznachbar: Entweder „Wenn’s dir nicht gefällt, dann geh halt, anstatt hier miese Stimmung zu verbreiten“ oder schlicht: „Banause!“
Das hat er dabei: Im Theater eine kommentierte Ausgabe des Stücks, im Konzert und der Oper die Partitur, eine Packung Taschentücher, um sich aus Protest geräuschvoll die Nase zu putzen. Außerdem seine Jacke, immerhin muss er so aussehen, als sei er jederzeit bereit, wieder zu gehen.
Dort triffst du ihn: Vor allem im Rahmen der sogenannten Hochkultur – im Theater, im Konzert oder in der Oper. Manchmal geht er aber auch zu Lesungen, um von der Person seines eigentlich so geliebten Autors XY enttäuscht zu sein, oder ins Kabarett, um demonstrativ nicht zu lachen. Das ist allerdings die Königsdisziplin, weil Lachen so schlimm ansteckend ist!  


Der Zappler

Warum sitzt er im Publikum?
Weil er es endlich mal wieder geschafft hat, für sich und die Kinder pünktlich Karten zu besorgen – und dann auch noch pünktlich am Einlass zu sein! Sonst verpasst der Zappler nämlich fast immer alle interessanten Kulturtermine, von denen seine noch kinderlosen Freunde erzählen. Nicht aus Desinteresse, sondern weil er jeden Donnerstag die Veranstaltungsbeilage versehentlich mit dem Sportteil in den Papierkorb wirft, und weil er generell jeden Text nur überfliegt. Jetzt also sitzt er da, die Kinder haben ihre Jacken aus und saure Pommes in der Hand, aber verflixt, da vibriert sein Handy, der Chef, Mist, den kann er jetzt nicht wegdrücken, also raus, vorbei an den genervt hochgeklappten Knien seiner Sitznachbarn, „’tschuldigung”, murmelt er, “dürfte ich nochmal kurz“, nach drei Minuten zurück, die Knie nochmal hoch, genervtes Donnergrollen aus der Stuhlreihe dahinter, die Aufführung hat schon angefangen, aber endlich sitzt er. Da stupst ihn die Tochter von links an: „Papa? Ich muss Pipi.“
Das denkt er: „Kann ja nicht wahr sein, hab ich jetzt eben echt mein Handy im Foyer liegen lassen?“
Das denkt der Sitznachbar: „Grundgütiger! Kann der Honk nicht mal aufhören, SMS zu tippen?“
Das hat er dabei: Sein Handy, einen Hut und seine Aktentasche. Er kommt schließlich direkt aus dem Büro.
Dort triffst du ihn: Im Kindertheater oder in der Peter-Pan-Operette zu Weihnachten.

Der Schläfer

Warum sitzt er im Publikum?
Das weiß er auch nicht so genau. Irgendwie dachte er, er müsste sich mal wieder ein bisschen Kultur oder was fürs Gehirn gönnen, bevor er wieder vorm Fernseher versackt. Also los! Im Publikum ist es dann aber plötzlich so gemütlich (die ruhigen Leute um einen herum, die Dunkelheit im Saal, der weiche Sitz), dass ihm alle Glieder und die Augenlider ganz, ganz schwer werden. Und obwohl er kurz aufbegehrt und kämpft, muss er verlieren – das kennt er schon aus der Schule/der Uni/dem Bus/dem ganzen restlichen Leben. Also schläft er schließlich ein. Der Kopf sackt ihm auf die Brust und er wird erst wieder wach, wenn das Licht angeht. Außer, er schnarcht. Dann rammen ihm die Sitznachbarn die Ellbogen in die Seite.
Das denkt er: „Nein, das darf nicht passieren, bleib wach, du musst wach bleiben, du darfst nicht einschl...“
Das denkt der Sitznachbar: „Hihi. Hihihihihi.“
Das hat er dabei: Leider kein Nackenhörnchen.
Dort triffst du ihn: Im Kino, im Konzert, im Theater und der Oper, auf Lesungen. Immer bei den Klassikern, die man gesehen/gehört haben muss: „Tree of Life“, ein Stück von Kleist, Wagners „Ring“, Walsers Lesung. Und niemals dort, wo es irgendwie heiter und lustig ist, denn wo viel gelacht wird, wird wenig geschlafen.

Text: nadja-schlueter - und jan-stremmel; Foto: tdingaga/photocase.com; Illustration: Katharina Bitzl

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