Verabschieden mit Schumacher: Vier Möglichkeiten, Tschüss zu sagen

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Vorab: Auszüge aus Schumachers Rede *Es ist angenehm, hier meine Freunde um mich zu haben. Es fällt mir soviel leichter, Abschied zu nehmen. *Ich weiß wirklich nicht, wie es wird. Aber ich muss es auch nicht wissen. Ich brauche keine Vision für später, ich muss ja jetzt nicht wissen, was kommt. Irgendwas wird schon kommen. *Ferrari war ohne mich und Ferrari wird ohne mich weitergehen. *Es gibt viele, denen ich danken will. *Ich hatte wirklich ein gutes Leben hier. +++ 1. Anlass: Abiturfeier. Umstände: Ein Freitagmittag im Frühjahr an einem beliebigen Gymnasium. Ein erlesenes Kammerquartett-Ensemble, das sich aus dem Musikantenportfolio der schuleigenen Big-Band speist, umrahmt die Feier. Man spielt wegweisendes, unter anderem eine Adaption von „I did it my way“ vom SinatraFrank. Charakter des Redners: Fleißig und beharrlich, nicht notwendigerweise bebrillt. Sein Gang zum Pult verursacht bei den Lehrern ein zufriedenes Lächeln. Der Junge, das Mädchen ist hinsichtlich des Notenschnitts im oberen Zwanzigstel des Jahrgangs beheimatet und dennoch selbstbewusst. Titel der Rede: Das Abitur – ein elementarer Einschnitt in unserem Leben oder ein Zeichen des Aufbruchs? Das passende Zitat, gegoogelt aus dem unermesslichen Fundus aller weltweit aktiver Festplatten: Wer würde Hektor kennen, wenn Troja glücklich gewesen wäre? Nur allgemeines Unglück bahnt der Tüchtigkeit den Weg zum Ruhm. (Ovid) Zusammensetzung des Publikums: Lehrer, Eltern, Abiturienten samt Gschpusis. Weil Aula zu groß: Hinten humanes Auditoriumsfüllmaterial aus der fünften Jahrgangsstufe. Dia im Hintergrund, von einem Projektor hingeworfen:

Gedanke des Hausmeisters, der hinten neben Lichtschalter lehnt: Wenn ich schnell bin, habe ich die Stühle bis 13 Uhr gestapelt. Die Rede: Liebe Lehrer, liebe Mitschüler, liebe Eltern, bewusst wähle ich diese Reihenfolge der Ansprache, denn was, und das frage ich bewusst, sind wir ohne Lehrer? Es gibt viele, denen ich danken will. Herrn Demmle in Physik – unsere gemeinsamen Nachmittage geziemt es sich folgenreich zu nennen. Wie sonst wäre mein wunderbares Abschneiden im Rahmen der Physik-Olympiade zu erklären? Frau Steigenberger: Das Lateinische! "Aquila non captat muscas". Zu deutsch und als Tribut an den naturwissenschaftlichen Zweig unserer Schule: Ein Adler fängt keine Fliegen. Nie musste ich mich bei Ihnen mit den Brosamen des Lehrplans begnügen. Sie wussten mir den Zauber dieser toten aber berückenden Sprache zu vermitteln. Und nun? Liegt das Methusalem-Komplott auf Latein vor. Liebe Lehrer, liebe Eltern: Ich hatte wirklich ein gutes Leben hier. Reaktionen der Zuhörer: Gleichgültigkeit de luxe. Man kennt den Deppen seit neun Jahren.


2. Anlass: Praktikums-Ende. Umstände: Nach sechs Monaten findet sich die Abteilung im Konferenzraum ein und sieht sich Keksen auf Tellern und drei Sektflaschen gegenüber. Einer bringt eine Kiste Wasser mit, zum Strecken. Charakter des Redners: Forsch. Titel der Rede: Danke für Nichts. Das passende Zitat aus dem großen Archiv der Literatur: When I´m gone (Eminem) Zusammensetzung des Publikums: In Sachen Personaleinstellung wohlmeinende aber nur schlechtkönnende Menschen. Dia im Hintergrund, von einem Projektor hingeworfen:

Die Rede: Also, liebe Leute. Ich hab gar nicht gemerkt, also, die sechs Monate waren schnell rum. Das hat natürlich mit Euch zu tun, hat Spaß gemacht. Auch wenn´s manchmal bisschen viel war – unsere Samstage, nicht, Stefan? (Schmunzeln wegen der Samstage) Naja, ich sag mal frei nach Schumacher: Der Laden hier war ohne mich und der Laden wird ohne mich weitergehen, was? Auf jeden Fall habe ich viel gelernt, und, irgendwas wird schon kommen. Aber lasst uns einfach anstoßen! Oder? Oder! Reaktionen der Zuhörer: Erleichterter Applaus. Zitat eines Zusehers: „Gute Frau gewesen. Aber hilft ja nix, wenn man jeden übernehmen würde.“


3. Anlass: Studienabschluss. Umstände: Mit arger Not haben sich 20 von einst 180 Erstsemestern der Anglistik einer beliebigen Hochschule in einem Seminarraum eingefunden, um wenigstens „ein bisschen ein würdiges Ende“ zu haben, wie es der Motor und Initiator der Feier, die 29Jährige Inga formuliert. Zehn der 20 sind nach nun sieben Studienjahren immer noch nicht fertig. Sie feiern mit, um wenigstens nach Außen hin das Studium zu beenden. Was dann in der Mappe im Prüfungsamt liegt, ist noch Mal eine andere Sache. Inga hat Nudelsalat und zwei Prosecco mit im Boot. Charakter des Redners: Famoses Kind der Generation Unentschlossen. Hat bisher außer Abitur nichts zu Ende gebracht. Leidet an den Reizen dieser Welt, kann sich nicht entscheiden und ist noch heute unsicher, ob Anglistik der rechte Entschied war. Wobei: Das weiß er heute schon. Es war der falsche Entschied. Er kommt zum Rederecht wie die Jungfrau zum Kind. Es ist wie in der Politik: Der mangelnde Zusammenhalt im Jahrgang und die grundsätzliche Wurschtigkeit in der Gesellschaft/Hochschule spült die nach oben, die man dort gar nicht erwartet hatte/gar nicht sehen will. Titel der Rede: What can we do, oder: Wären wir mehr, wenn wir mehr wären? Das passende Zitat aus dem großen Archiv der Literatur: "Es heißt, eine Groteske zu veranstalten, wenn man die Penner von gestern den Aufbruch von morgen gestalten lässt.“ (Gerhard Schröder im Jahr 2005 über Herausforderin Angela Merkel) Zusammensetzung des Publikums: 19 Studenten, ein Redner. Zu solcherlei Splittergruppenfeiern sind nur schwer Redner von offizieller Seite zu gewinnen. Dia im Hintergrund, von einem Projektor hingeworfen:

Die Rede: Meine Lieben Mit- und Rest-Studenten: Es ist angenehm, hier meine Freunde um mich zu haben. Es fällt mir soviel leichter, Abschied zu nehmen. Was soll ich sagen? Ich weiß wirklich nicht, wie es wird. Aber ich muss es auch nicht wissen. Ich brauche keine Vision für später, ich muss ja jetzt nicht wissen, was kommt. Irgendwas wird schon kommen. Und da mir Pathos schon immer fern lag: Nudel on, Inga! Danke. Reaktionen der Zuhörer: Kraulen an Bärten, dann kurzer Applaus. Fünf gehen, weitere fünf gehen rauchen, neun schauen Inga interessierten Blicks beim Öffnen der Tupperware zu. Penne, Erbsen, Mini-Möhrchen. Dazwischen Wienerle-Scheiben und Salat-Mayo. Es schmeckt.


4. Anlass: Freistellung. Umstände: Freitag, letzter Tag bei einem mittelständischen Hersteller von Armaturen für den Sanitärbereich. Die Nachricht von der künstlich beigeführten Insolvenz durch einen Londoner Hedge Fonds ist vier Monate alt, das Werk wird nach Tschechien verlagert. Im Hintergrund springt der Motor eines Busses an, in dem 30 tschechische Vorarbeiter ins Wochenende fahren. Sie wurden von den deutschen Kollegen noch eingelernt. Charakter des Redners: Gewerkschaftslike, praktische Mehrzweck-Weste über dem grauen Rolli. Nestelt am Megaphon. Titel der Rede: Nicht vorhanden. Das passende Zitat aus dem großen Archiv der Literatur: Nicht benötigt. Zusammensetzung des Publikums: 400 freigestellte Mitarbeiter. Die Rede: Es ist angenehm, hier meine Freunde um mich zu haben. Ich weiß wirklich nicht, wie es wird. (Pause, Stille) Irgendwas wird schon kommen.

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