Vergesst den Hut!

Alle reden über den Hut, den Pharrell Williams am Sonntagabend bei der Grammy-Verleihung trug. Dabei ist seine Sportjacke viel interessanter.
kathrin-hollmer

Mit einem ziemlich seltsamen Hut hat Pharrell Williams geschafft, wofür Lady Gaga in einem Fleischkleid und Miley Cyrus in fast nichts auf die Bühne mussten: Er hat mit seinem Outfit die gesamte Berichterstattung über eine Preisverleihung dominiert. Noch während der Grammy-Verleihung am Sonntagabend in Los Angeles wurden gleich mehrere Twitter- und ein Instagram-Account von dem Hut angelegt, den Pharrell Williams dort trug. Einer der Twitter-Accounts, @Pharrellhat, hat inzwischen fast 16.000 Follower. In keinem Grammy-Artikel kam die Kopfbedeckung nicht wenigstens einmal vor, viele drehten sich gleich ganz darum, wie dieser von Buzzfeed, in dem gerätselt wird, was unter dem Hut versteckt sein könnte. Viel interessanter als der Hut aber ist die rote Adidas-Jacke, die Pharrell Williams da trug.  

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Illustration: Julia Schubert

Moment mal: Hing diese Art Trainingsjacke nicht bis vor kurzem noch in unseren Schränken? Doch: Die Mode zitiert sich in immer kürzeren Zyklen.

Sie ist anders als die ollen Teile, die in den Neunzigern vom Hip-Hop aus in den Mainstream einmarschiert sind. Sie ist aus Leder, in College-Form, mit Strickbund. Aber trotzdem eine Adidas-Sportjacke, wie sie noch vor zehn Jahren bei uns in den Schränken hing. Mit großen Taschen. Bündchen. Und den drei Streifen, die sich vom Kragen bis zum Handgelenk ziehen. Geht das? Etwas ironisch zitieren, das nicht unsere Großeltern- oder Elterngeneration getragen hat, sondern wir selbst? Kann man ein Revival von etwas feiern, das noch gar nicht so richtig von der Straße, geschweige denn aus den Schränken verschwunden ist? Das Jeanshemd war auch erst ganz verschwunden, bevor wir es auf den Fotos unserer Eltern aus den Siebzigern entdeckt und uns dann aus ihrem Schrank geborgt haben. Oder der Trenchcoat. Der Parka. Der Plisséerock. Die Mode zitiert ihre eigene Vergangenheit immer wieder. Ist sie jetzt in der Gegenwart angekommen?  

Ein Anruf bei Sabine Resch. Sie leitet den Ausbildungsgang Modejournalismus/Medienkommunikation an der AMD Akademie Mode & Design in München und sagt: Stimmt. Die Mode zitiert Trends aus Jahrzehnten, die immer weniger weit zurückliegen. Und zwar einfach deshalb, weil es immer weniger gebe, was noch nicht zitiert wurde. "Wir wiederholen uns selbst", sagt sie, das einzig Neue liege in der Mischung. In diesem Fall die mit einem ziemlich altbackenen Hut.

Die Mode zitiert also bereits die Gegenwart. Im Fall der Adidas-Jacke könnte man sogar sagen, sie macht ein Kulturzitat. In der Musik war die Adidas-Jacke nämlich nie richtig weg. Sie ist eine Art Musikerphänomen, genauer: ein Bühnenphänomen. Run-D.M.C. waren die ersten, die das Sport-Label in den Achtzigern und Neunzigern auf der Bühne trugen. Später tat es ihnen unter anderem Missy Elliot gleich. Vom Hip-Hop aus haben die Jacken die gesamte Musikbranche erreicht. Nicht nur Hip-Hopper, auch Popsänger, Rocker und deutsche Indie-Bands trugen und tragen bis heute auf der Bühne die drei Streifen: Robbie Williams tut das oft in der zweiten Hälfte seiner Konzerte, als wollte er sagen: Jetzt wird’s gemütlich. Der Muse-Frontman Matthew Bellamy tuts. Die Sportfreunde Stiller. Die Eels.  

Die Bühne ist ein Ort, an dem man sich ohne Rechtfertigung aufbrezeln könnte. Gerade dort in Klamotten aufzukreuzen, mit denen man sonst auf der Couch liegt, ist ein bisschen so, als würde man seine Fans im Wohnzimmer empfangen. Man suggeriert Intimität, Vertrautheit, weil die Aufmachung leicht deplatziert wirkt: wie wenn man im Sternehotelrestaurant im Bademantel und mit einer Flasche Champagner aufkreuzt und sich nach dem Nachtisch erkundigt. Das ist irgendwie nonchalant, irgendwie arrogant, sympathisch und unsympathisch zugleich. Sich in seinen Adidas-Klamotten vor 70.000 Leute hinzustellen, meint: Ich bin einer von euch. Genauer gesagt: Ich bin auch in Trainingsjacke und mit Riesenhut der geilste Typ der Welt.

Pharrell Williams’ Grammy-Outfit hat Sabine Resch nicht überrascht. "College-Jacken sind gerade ein Trend, generell wird in der Mode gerade viel aus den Neunzigern zitiert", sagt sie. "Nur die Basketballhosen, die man ganz aufknöpfen konnte, fehlen noch." Bleibt nur noch die Frage: Was will uns Pharrell Williams mit dem Schlüsselbund sagen, der an seiner Hose baumelt?

Text: kathrin-hollmer - Foto: afp

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