Verlottern auf Zeit

Wenn die Mitbewohner im Urlaub sind, kann man endlich mal alles stehen und liegen lassen. Warum aufräumen, wenn keiner da ist, den es stört? Vom vorübergehenden Messie-Syndrom in der leeren WG.
valerie-dewitt

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie alleine gewohnt. Ich bin in einer fünfköpfigen Familie großgeworden und danach in eine WG gezogen. Und dann in die nächste WG und dann in die nächste WG und dann in die nächste WG. Ich wollte auch nie alleine wohnen. Ich mag es, nach Hause zu kommen und etwas hat sich verändert, jemand hat den Kühlschrank leergegessen oder eingekauft, ein Topf kalter Nudeln steht auf dem Herd oder ein T-Shirt liegt zum Einweichen im Waschbecken. Es stört mich auch nicht, mich in meinem Zuhause mit anderen Menschen arrangieren zu müssen, Rücksicht zu nehmen und mich an bestimmte Regeln des Zusammenlebens anzupassen. Wie sehr ich das anscheinend tue, merke ich immer erst, wenn ich doch mal alleine bin. Und dann erschrecke ich ein bisschen vor mir selbst.  

Wer nicht abspült, hat morgens mehr Zeit zu frühstücken!

So wie gerade. Meine Mitbewohnerin ist für einen ganzen Monat verreist und auf einmal sieht die Wohnung wie umgekrempelt aus. Ich lasse andauernd alles stehen und liegen, die Schmutzwäsche und das dreckige Geschirr zum Beispiel, und der Küchentisch ist voller alter Zeitungen und gebrauchter Tassen. Warum sollte ich auch was wegräumen, es ist ja niemandem im Weg? Und es spart auch so wahnsinnig viel Zeit! Morgens kann man länger frühstücken, bevor man losmuss, und abends länger lesen und fernsehen, bevor man einschläft, weil man danach oder zwischendurch nicht noch abwaschen oder aufräumen muss. Ich verhalte mich auch anders. Lauter zum Beispiel, das Radio oder die Musik schallt durch die gesamte Wohnung. Ich dusche länger und danach gehe ich vom Bad in mein Zimmer, ohne mir schamhaft ein Handtuch umzubinden. Wenn ich auf Toilette gehe, lasse ich die Tür sperrangelweit offen stehen, die Gefahr, dass jemand hereinkommt und mich da so sitzen sieht, ist immerhin verschwindend gering. Ich sauge nicht, ich putze nicht. Ich verlottere. Ich strohverlottere, weil da der andere fehlt, an dem ich meine Wohndisziplin aufrecht erhalte.  

Klar, ich war insgesamt schon oft alleine, in meinem Elternhaus oder der WG. Ich kenne es gut, dieses „Hach, endlich alles irgendwo hinwerfen“-Gefühl, das sich einstellt, wenn jemand mit Koffer die Wohnung verlässt und die Türe ins Schloss fällt. Dieses gute Wissen, dass man jetzt niemanden mehr stören kann außer sich selbst, dass jetzt mal nur die eigenen Hygiene-Standards und Ordnungsmaßstäbe gelten. Das Neue ist diesmal, dass ich noch nie so lange am Stück alleine war. Nach allerspätestens zwei Wochen war da wieder irgendjemand anders, der ins Bad musste, nach mir die Bratpfanne brauchte oder sich wünschte, dass ich den Putzplan einhielt. Wenn ich jetzt so lange alleine wohne und einfach nicht aufhöre mit dem Verlottern, dann frage ich mich schon, wie lange das noch anhält. Ob meine Hygienestandards und Ordnungsmaßstäbe ganz andere sind als ich bisher immer dachte? Ob sie vielleicht viel niedriger sind als mir lieb ist und ob ich überhaupt nicht in der Lage wäre, alleine zu leben, weil ich es nicht schaffe, mich selbst zu regulieren?  

Irgendwann ertrage ich es nicht mehr


Andererseits gibt es ja einen Raum in meiner WG, in dem ich fast immer alleine lebe: mein Zimmer, in dem ich theoretisch tun und lassen kann, was ich will. Vielleicht ist der Maßstab, den ich für diese 18 Quadratmeter anlege, eine Art Richtwert für sämtliche Alleinwohnsituationen. Denn wenn ich da über mehrere Wochen hinweg Kleiderhaufen und Staubmäuse angesammelt habe, kommt irgendwann immer dieser eine Samstagvormittag, an dem ich es nicht mehr ertrage, meinen Schrank akkurat einräume und dann alle Möbel rumrücke, um auch dahinter wischen zu können.  

Darauf immerhin kann ich bauen. Irgendwann bald kippt wahrscheinlich der Genuss der Momente, in denen ich meine dreckige Wäsche vom Vortag im Badezimmer fallen- und liegenlasse, in die Furcht davor über, mich demnächst vor mir selbst ekeln zu müssen. Dann wird es mich ein Mal kräftig schütteln und ich werde mit sehr viel Energieaufwand alles aufräumen und putzen und dann vielleicht sogar wieder die Klotüre schließen, wenn ich mal muss, weil sich das irgendwie gesitteter anfühlt. Das „Hach, endlich alles hinwerfen“-Gefühl kann mich auf Dauer wohl nicht glücklich machen, es ist bloß das erste Genießen der Freiheit, es ist wie Urlaub vom normalen Wohnen. Richtig froh, alltagsfroh macht mich nur das „Hach, hier ist’s aber gemütlich“-Gefühl. Und dreckiges Geschirr und offene Klotüren sind zwar bequem, aber gemütlich sind sie ganz sicher nicht.

Text: valerie-dewitt - Foto: doesnotcare / photocase.com

  • teilen
  • schließen