Vermisste Miss

Angeblich gibt es Pläne, die Zeitschrift "Brigitte Young Miss" wiederzubeleben. Unsere Autorin würde sich freuen. Sie findet: Seit das Heft 2006 eingestellt wurde, fehlt etwas am Kiosk.
juliane-frisse

Eine gute Frauenzeitschrift ist wie eine gute Freundin. Egal ob es um Musik oder Klamotten geht, die nervige Blasenentzündung oder den heftigen Liebeskummer, die großen Träume oder die realistischeren Pläne für die nahe Zukunft: Sie interessiert sich, sie versteht die kleinen und großen Probleme, sie gibt Rat, sie redet gut zu, sie wäscht einem aber auch den Kopf, wenn es mal nötig ist. Sie ist zwar nicht immer der gleichen Meinung, aber das macht nichts: Es gibt grundlegende Werte, die einen mit der guten Freundin verbinden, vielleicht auch eine bestimmte Haltung zum Leben. Ein bisschen bewundert man dieses Mädchen auch, sie ist nämlich eine ziemlich coole Braut.

Genauso, wie sich im weiblichen Bekanntenkreis nur wenige richtig gute Freundinnen befinden, gibt es auch unter den gefühlt Hunderten Frauentiteln am Kiosk nur wenige, die wirklich zu einem passen. Die allerengste und beste unter den Kiosk-Freundinnen war lange die „Brigitte Young Miss“. Ein Heft, das sich an Teenager-Mädchen und junge Frauen richtete, deren Leben irgendwo zwischen erster großer Liebe, der ersten eigenen Wohnung und erstem selbstverdienten Geld stattfand, die also hauptsächlich mit Erwachsenwerden beschäftigt waren.
 
Die Young Miss war anders als „Mädchen“, „Bravo Girl“ und „Sugar“, sie war eine Art große Schwester dieser Magazine, die die Pubertät bestens überstanden und die Foto-Love-Stories hinter sich gelassen hatte: Die Young Miss war eine selbstbewusste junge Frau, schlau, aber kein Streber, auch kein oberflächliches Party-Girl, sie konnte aber feiern - und vor allem ging sie mit offenen Augen durchs Leben und interessierte sich für alles. Ja, auch für Concealer und Conditioner.

Die Young Miss gibt es schon lange nicht mehr. 2006 wurde sie eingestellt.

Eigentlich ist sie sogar noch ein bisschen länger schon nicht mehr da, denn am Ende hieß die Brigitte Young Miss nur noch kurz „Bym“ und war schleichend ein völlig anderes Magazin geworden, lauter und schriller. Fast so ein aufgestyltes, überschminktes Girlie wie die anderen Mädchenzeitschriften, bloß dass Bym schon in die Oberstufe ging und sich zumindest am Rande auch für ein paar andere Dinge als Jungs, Schminke und Klamotten interessierte: Aus dem coolen Mädel „Young Miss“ war eine Tussi geworden.

Nun ist der Abschiedsschmerz von einer vor Jahren eingestellten Zeitschrift zwar nicht mehr penetrant spürbar. Doch die Wehmut ist wieder da, seit zu hören ist, dass beim Verlag Gruner+Jahr Pläne für eine Neuauflage des Heftes in der Schublade liegen. Denn seit die Young Miss verschwunden ist, fehlt etwas am Kiosk.

Was fehlt, wird besonders schmerzlich bewusst, wenn man sich den Online-Ableger Bym anschaut, der nach der Einstellung des gedruckten Magazins fortgeführt wurde: Die aktuell am prominentesten platzierten Artikel drehen sich um „Die Trendfrisuren 2011“, „Weihnachtskarten basteln“ und „Die Kleider des Jahres 2011“ und lösen dementsprechend Gähnreflexe aus. Nicht, weil man so etwas als junge Frau nicht gelegentlich lesen mag, sondern weil man es auch sonst überall lesen kann.



Wenn man dagegen in der Young Miss blätterte, traf man auf Geschichten, die einzigartig waren – viele sind mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Ein Besuch in den ersten eigenen Wohnungen und umgestalten Zimmern junger Frauen etwa – lange bevor es im Netz Wohnblogs und im TV Hausbesuche von Tine Wittler gab; zum 20. Todestag von Rudi Dutschke einen Artikel über den Studentenrevolutionär in der Rubrik „Stichtag“, durch den ich das erste Mal von Dutschke erfuhr und anschließend mehrere Biographien verschlang; Mütter und Töchter, die miteinander über ihren ersten Sex redeten –  ein Gespräch, wie ich es damals mit meiner Mutter vor lauter Peinlichkeit nie hätte führen können, weshalb ich meinen Stellvertreterinnen im Magazin sehr dankbar für ihre Offenheit war. Das klingt vielleicht alles nicht wahnsinnig spektakulär, aber diese Geschichte gab es so trotzdem in anderen Magazinen nicht zu lesen.

Im Gesamtpaket gibt es das bis heute nicht. Eine Zeitlang hat die „Maxi“ den von ihrer Zeitschrift verlassenen Leserinnen eine neue Lektüreheimat geboten. Obwohl der Name Maxi eher nach Binden-Marke als einem aufregenden Magazin klingt, obwohl das Heft im Bauer-Verlag erscheint, der ansonsten vor allem auf lieblose Billig-Blättchen wie „Tina“ und „InTouch“ setzt. Eigentlich hätte an der Maxi also alles falsch sein müssen.

Tatsächlich war an der Maxi vieles richtig. Sie war zwar ein bisschen älter als die Young Miss – eher Studentin kurz vorm Abschluss oder Berufseinsteigerin – und sie war vielleicht auch eine Spur konventioneller: Das Zeug zur guten Freundin hatte Maxi trotzdem. Doch nach und nach verschwanden die mutigen Themen aus dem Magazin – und auch die Cover-Girls, die zwar sicherlich schon immer weichgezeichnet und gephotoshopt wurden, waren immer seltener vom Typ unangepasste Schönheit mit Ecken, Kanten und Zahnlücke.

Die Maxi ist lifestyliger, konsumorientierter und langweiliger geworden, man könnte auch sagen: Sie hat sich immer mehr dem klassischen Negativbild einer Frauenzeitschrift angenähert - inklusive dem zugehörigen Frauenbild und normativen Vorgaben. In der aktuellen Ausgabe im Dossier zum „Mann fürs Leben“ gibt es zum Beispiel eine Checkliste, in der unhinterfragt angenommen wird, alle jungen Frauen würden die Gewohnheit eines Shopping-Samstages pflegen. Es sind diese kleinen Dinge, in denen sich die große, schleichende Veränderung dokumentiert. Die Freundschaft mit Maxi war also eine flüchtige. Man freut sich, wenn man sich über den Weg läuft, aber man würde sich nicht am Kiosk verabreden.

Und obwohl die Verlage ständig mit den außergewöhnlichsten Print-Formaten experimentieren und neue Magazine auf den Markt schmeißen: eine neue beste Freundin hat sich nie gefunden.

Auch wirklich sehr tolle Zeitschriften wie das „Missy Magazine“ oder das noch recht neue „Fräulein“ haben die Lücke nie füllen können. Genau wie Young Miss ist Missy eine Art selbstbewusste, schlaue große Schwester, noch dazu mit einer sympathischen Leidenschaft für popkulturelles Nerdtum. Es ist toll, dort mehr über die neue Riot-Grrrl-Supergroup erfahren zu können. Doch die missionarische Attitüde des Mädels nervt manchmal. Auch die Young Miss hatte eine Haltung, war eine emanzipierte junge Frau, aber sie hing einem damit nicht permanent in den Ohren.

Das schicke „Fräulein“ wiederum ist so weit weg vom eigenen Alltag: Wenn Fräulein sich mit Ex-Pornodarstellerin Sasha Grey und den Gedanken über den Tod von Starfotografin Nan Golding beschäftigt, dann erinnert das irgendwie sehr an das Mädchen aus unserer Jahrgangsstufe, das es zum Kunststudium nach Berlin verschlagen hat und seitdem in ihrer eigenen Welt zwischen hippen Galerien, Acne-Sondersale und After-Hour kein Verständnis mehr für unsere kleinen und größeren konkreten Nöte hat.

Die Young Miss wird deshalb noch immer schmerzlichst vermisst. Ich selbst mit Mitte 20 könnte inzwischen wohl mit einer nicht mehr ganz so jungen Miss mehr anfangen – aber meiner kleinen Schwester würde ich die Rückkehr der coolen große Schwester im Zeitschriftenformat sehr wünschen.

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